Die Mystik des Mont Fort

Weniger bekannt und dennoch mittendrin im Skizirkus der 4-Vallées verspricht Haute-Nendaz fast grenzenloses Skivergnügen auf 400 Pistenkilometern. Bei dieser Dimension ist es kaum verwunderlich, dass vom Anfänger bis zum passionierten Freerider alle Skifans auf ihre Kosten kommen können.

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Besucher erwartet eine fantastische, hochalpine Bergkulisse.

Während in der Skiregion die Flocken tanzen, sollen in tieferen Lagen sonnenhungrige Aprikosenbäume gedeihen. Ein Grund mehr, sich das Skiparadies im Wallis einmal anzuschauen …

Text Frank Wündsch Bild Frank Wündsch, Nendaz Tourismus

Die Schweizer Metropole Bern präsentiert sich im Schnee. In einem Alpenland ist das keine unerwartete Erscheinung. Doch Bern liegt auf 543 m Meereshöhe und der Frühling ist in Reichweite. Da wird das Weiß im Flachland zur bemerkenswerten Wetterkapriole. Als der Intercity den neuen Lötschberg-Basistunnel in Richtung Rhonetal verlässt, ist die Welt wieder in Ordnung. Die an den Hängen wachsenden Rebstöcke sind schneefrei und aalen sich in der Frühjahrssonne. Schließlich befinden wir uns im Schweizer Süden. In Sion sitzt man auf Parkbänken und genießt des milde Klima des Rhonetals. Wir steigen um ins Postauto, wie die Schweizer liebevoll ihre gelben Busse nennen. Der Postbus bringt uns hinauf nach Haute-Nendaz. Ein ausgedehnter Obst- und Weinanbau prägt die Landschaft. In den Obstgärten oberhalb von Sion wachsen Aprikosenbäume. Mancher vergleicht die Anzahl der Sonnenstunden des Wallis mit der Cote d’Azur. Im beinahe mediterranen Klima gedeihen verschiedene Sorten der süßen, wohlschmeckenden Früchte. Wir suchen hier den Einstieg in ein nahezu grenzenloses Ski-vergnügen. Also: Hotel-Check-In, Auspacken, Ankommen.

In Haute-Nendaz fallen auf den ersten Blick voluminös anmutende Satteldachhäuser auf. Sie beherbergen hauptsächlich Appartements. Zusammen mit den Chalets kommt der Skiort auf mehr als zwanzigtausend Betten. Aber Nendaz bietet mehr. Genaugenommen besteht der Ort aus über einem Dutzend kleiner Weiler. Haute-Nendaz-Station hat einen ganz entscheidenden Vorteil: seine Seilbahn. Sie führt hinauf auf 2.200 m zum Tracouet und bietet damit den Zugang zu einem der größten Skigebiete der Alpen.

Schnee zum Frühstück

Bald setzt leichter Schneefall ein.

Haute-Nendaz liegt auf rund 1.400 Metern Meereshöhe. Und der Winter 2013 hat auch die Hochlagen des Wallis fest im Griff. Dabei macht man sich hier auch während normaler Winter über Schneemangel in der Regel kaum Sorgen. Mit bis zu 3.330 m steigt das Skigebiet in hochalpine Zonen. Wir freuen uns über die gute Schneelage, von der selbst Einheimische überrascht scheinen. Es sei der beste Skiwinter seit Jahrzehnten, heißt es. Er wolle nicht enden, erzählt man. Selbst die Hausdächer tragen noch eine schwere, weiße Last. Uns Skifahrern kommt das gerade recht. Wann bekommt man im Frühjahr schon hochwinterliches Ambiente geboten? Als wir am Abend müde in die Federn fallen, zieht gerade wieder ein Schneesturm über die Pisten.

Am nächsten Morgen ist die Welt mit frischem Puderzucker bestäubt. Pünktlich zum Frühstück kommt die Sonne zum Vorschein. Also fassen wir den Plan, gleich den Zenit zu erobern. Wir wollen den Skitag auf dem Paradeberg der Region beginnen, dem 3.330 m hohen Mont Fort. Ohne Umwege liften wir vom benachbarten Siviez, einer Drehscheibe der Ski-region. Der Elan findet sein abruptes Ende, als sich der Mont Fort plötzlich in Wolken hüllt. Da von Siviez die Bergbahnen in alle Richtungen führen und das Wetter im Osten verheißungsvoller scheint, ändern wir unseren Plan. Schließlich ist morgen auch noch ein Tag – und das riesige Skigebiet bietet reichlich Alternativen.

Im 4er-Sessel geht’s hinauf zum Combatseline (2.238 m). Hier präsentiert sich der Himmel von seiner strahlenden, wolkenfreien Seite. Eine Mulde weiter bringt uns ein Schlepplift auf 2.700 Meter. Auf den Greppon Blanc reist der Skifahrer allein, denn den Transport übernimmt ein ellenlanger Tellerlift. Da davon gleich zwei installiert sind und sich der Andrang in Grenzen hält, geht’s ohne Wartezeit hinauf. Von den drei gebotenen Möglichkeiten wählen wir die Strecke über die Nordwestflanke des Mont Rouge. Der leicht ansteigende Ziehweg bringt die beim Liften abgekühlte Muskulatur wieder auf Betriebstemperatur.

Dann geht’s hinüber nach Thyon 2000. Wer hier Quartier nimmt, wohnt praktisch auf der Piste. Das hochgelegene Ressort ist eine Schöpfung des Wintersports – einen alten Dorfkern wird man hier vergebens suchen. Dafür liegen uns die Pisten nach Les Masses und Les Collons zu Füßen, von denen viele familientauglich sind. Ein Highlight sind die 900 Höhenmeter Talabfahrt von der aussichtsreichen Etherolla nach Les Masses, insbesondere mit dem Schwarz markierten oberen Abschnitt parallel zur Etherolla-Sesselbahn. Nach einem Energieschub beim großen Indianerzelt ist es Zeit für die Bärenpiste nach Mayens-de-L’Ours. Die Strecke ist weltcuperprobt und ruft Erinnerungen an einst hier herabsausende Topstars wie Vreni Schneider wach. Auch die Strecke hinab nach Veysonnaz ist einen Ausflug wert, bevor wir über den Greppon Blanc auf einer wunderbaren, schwarz markierten Abfahrt zurück zum Combatselime schwingen. Hier wetteifert die Aussichtsterrasse des Bergrestaurants mit jeder Menge Nachmittagssonne und dem tollen Blick hinüber aufs Tiefschneeparadies beim Mont Fort mit der Gemütlichkeit des Chalet Novelly im Walliser Dorf am Ende der Abfahrt nach Siviez.

Bergdorf und Tiefschneeträume

Bei einem Dorfrundgang bietet Haute-Nendaz Abwechslung vom Pistenspaß. Patricia Ruppen vom Tourismusbüro führt die Feriengäste durch die einige Meter unterhalb gelegene, alte Siedlung. Wir tauchen ein in eine Zeit bäuerlichen Lebens, als der Skisport hier noch kein Thema war. In den engen Gassen mit ihren uralten, wettergegerbten Holzhäusern wird die Vergangenheit spürbar. Das alte Haute-Nendaz bietet die Atmosphäre eines typischen Walliser Dorfes. „Wollt ihr die Käseherstellung beobachten und bei einem zünftigen Frühstück davon kosten?“, lädt Patricia die Teilnehmer zum Kennenlernen regionaler Spezialitäten ein. Eine breite Auswahl davon gibt’s im Fachgeschäft in Haute-Nendaz. Eine andere beliebte wie berühmte Spezialität ist das Alphorn. Feriengäste können das uralte Hirteninstrument ausprobieren. In Kleingruppen geht’s um die Geschichte sowie die Herstellung der außergewöhnlichen Instrumente. Bevor wir den Alphörnern selbst Töne entlocken, heißt es erst einmal: Zusammenbauen! Aus großen, schwarzen Transporttaschen zaubern drei Teile ein Ganzes und verhelfen dem Instrument zu seiner beeindruckenden Länge. Mundstück dran, und los geht’s. Trompetespieler sind im Vorteil. Doch nach ein paar Versuchen gelingen erste Tonfolgen. Dann geht’s raus in den Schnee. Vor der Kulisse der Kornmühle „Moulin du Tsablo“ übt die Gruppe fleißig weiter. Die frühen Erfolge machen Lust auf Mehr. Im Sommer gibt es einwöchige Vertiefungskurse. Sollten wir …?

Doch zunächst lockt am folgenden Morgen der Mont Fort. Klares Wetter lässt eine herrliche Fernsicht und frischer Schnee das perfekte Skivergnügen erwarten. Zwischen Mont-Fort (3.330 m), Col des Gentianes (2.950 m) und dem Chassure (2.740 m) sollen Skiträume wahr werden. Etliche markierte Skirouten locken Kenner und Könner in den Powder. „Bestimmt für die erfahrenen Benützer“ sind diese „nicht gepflegten und nicht kontrollierten“ Strecken, heißt es im Skier’s Guide 4-Vallées. Doch wieder macht der Winter 2013 seinem erlangten Ruf alle Ehre: Von der Rückseite des Mont Fort schiebt sich ein Schleier um den Gipfeltraum. Als wir auf dem Col de Gentianes auf knapp dreitausend Metern ankommen, hüllt sich der Mont Fort bereits in Wolken. Unversehens befinden wir uns mitten in einem Schneesturm. Tschüß Mont Fort – er bleibt ein Mythos.

Kontrastprogramm in Verbier

Doch bei 400 Pistenkilometern gibt’s Wahlmöglichkeiten. Die Tour ins rund 1.500 Meter tiefer liegende Verbier ist keine schlechte Entscheidung: Die Abfahrt nach La Chaux (2.260 m) führt zur Cabane du Mont Fort. Diese rustikal aus groben Steinen gemauerte Hütte besticht durch ihre einzigartige Lage. Wie ein Adlerhorst thront sie auf einer Schneenase in der Nähe der Cabane-Piste. Übrigens kann man hier nicht nur einkehren: Die Cabane du Mont Fort bietet auch hochalpine Übernachtungsmöglichkeiten! Die Pisten von Verbier eröffnen ein Füllhorn der Möglichkeiten. Moderne Liftanlagen, teilweise mit Rolltreppen, einladende Hütten für jeden Geschmack und Anspruch schaffen das formidable Angebot des berühmten Skiorts, der während der Talabfahrt überaus weitläufig wirkt.

Irgendwie bildet das Ganze einen Kontrast zum deutlich überschaubareren Skigebiet oberhalb von Haute-Nendaz. Dort geht es vergleichsweise beschaulich zu. Gerade darin liegt möglicherweise der besondere Reiz des 2.200 m hohen Tracouet. Ein Teil des Skigebiets führt durch uralten, lichten Lärchenwald. Bis zu 1.000 Jahre sollen einige der knorrigen Bäume erlebt haben. Die Pisten vor Ort sind eine attraktive Mischung aus Blau bis Schwarz, auf der auch lernende Ski-fahrer ihren Spaß haben können. Auf der wenig frequentierten Piste „Les Fontaines“ oberhalb von Prarion fanden wir ein herrliches Terrain bis zum finalen Eintauchen in den Lärchenwald. Zum Einkehrschwung lockt die tief-verschneite, urige Berghütte Cabane de Balavaux. Andere freuen sich vielleicht auf die Visite des Skicross-Parks, bis irgendwann eine der Talabfahrten nach Haute-Nendaz auf dem Programm steht.

Auf dem Rückweg zum Hotel kann man die Ski beispielsweise beim Edelweiß abstellen, einer durchaus angesagten Après-Ski-Station. Ein überwiegend junges Publikum wählt es übrigens als seilbahnnahe Unterkunft. Am Abend ist das La Cabane vielleicht der passende Ort, um sich von den kulinarischen Spezialitäten des Wallis gefangen nehmen zu lassen. Und weil im Tal hervorragende Weine reifen, findet man im Wallis eine gute Auswahl passender regionaler Getränke.

In Haute-Nendaz-Station können sich Powderfreaks und Familien gleichermaßen wohlfühlen. Ferienwohnungen, Chalets, Herbergen für jeden Anspruch bilden das Gros der Unterkünfte. Hotelbetten sind verhältnismäßig rar. Der gewichtigste Trumpf von Haute-Nendaz-Station jedoch ist die Anbindung an eines der reizvollsten und größten Skigebiete der Alpen: Das herrlich abwechslungsreiche und beinahe grenzenlose Vier-Täler-Skivergnügen, inklusive eines Mythos: genannt Mont Fort.

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Das Wallis gilt als besonders sonnenreich (darum: Hütte mit Sonnenuhr), auch wenn es hier nicht ganz der Fall ist.

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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: SkiMAGAZIN Nr. 02 / 2014

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