Engadin: Nächtliches Rendezvous mit der „schönen Teufelin“

Im Engadin geht es im Mondschein die Diavolezza hinab – ganz ohne Kunstlicht

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Text Bernhard Krieger Bild Bernhard Krieger, Bergbahn Engadin St. Moritz

Langsam geht die Sonne über dem „Festsaal der Alpen“ unter. Der Piz Bernina und der Piz Palü schimmern rötlich wie die Höllenglut. Hier oben soll sie gehaust haben, die „schöne Teufelin“, die dem beliebten Freeride- und Tourenberg der Engadiner ihren Namen gab. Sie lebte in einer Felsenburg am 3.207 Meter hohen „Munt Pers“. Unzähligen Jägern und Bergsteigern wurde die anmutige „Diavolezza“ zum Verhängnis. Denn wenn das Teufelsweib zum Baden an den Bergsee ging, folgten ihr die verzauberten Männer. Und keiner von ihnen kam je zurück …

Noch heute erzählt man sich im Engadin diese Sage von der „schönen Teufelin“ – am liebsten in klaren Vollmondnächten hoch oben in der Nähe ihrer einstigen Burg, von der sie eines Tages verschwand. Wenn der Mond die Bernina-Gipfel in ein mystisches Licht taucht, glaubt man, die Teufelin aber an den steilen Couloirs der Felswände und in den zerklüfteten Eis-

feldern des Morteratsch-Gletschers immer noch erahnen zu können. „Das ist schon eine magische Stimmung“, schwärmt Bergführer Angelo Baggenstos. In ihrer Sprache nennen die Engadiner den Vollmond „Glüna Plaina“, erklärt Angelo, während das letzte Alpenglühen erlischt und über der Berghütte der Diavolezza die Nacht hereinbricht.

Ohne Kunstlicht

Auf dem St. Moritzer Hausberg Corviglia sind die Schönen und Reichen längst ins Tal zum Gourmetdinner abgefahren. Der Jetset pilgert ins altehrwürdige Badruts Palace, wo der verstorbene Jetset-König Gunter Sachs im Draculas Club seine legendären Feste feierte. Andere gehen lieber ins Kempinski Grand Hotel des Bains, das nicht so plüschig ist und die sportlicheren unter anspruchsvollen Gästen anzieht.

Dort mischt der junge deutsche Küchenchef Mattias Rook mit seinen Alpen-Tappas die Feinschmecker-Szene des Promi-Ortes auf. Seine „Engadiner Tapas“ aus Produkten der Region brillieren mit geräuchertem Filet und Kaviar vom Seesaibling, „Tatar vom Val Müstair-Kalb“ und Savogniner Berglamm. Während die Gourmets in der „Enoteca“ des Grand Hotel des Bains schlemmen, ist auf den St. Moritzer Ski-Bergen Corviglia und Corvatsch längst schon Ruhe eingekehrt. Hier an der Bernina, vis à vis der anspruchsvollen Lagalp-Pisten, herrscht trotz Dunkelheit aber noch reges Treiben. Der „Glüna Plaina“ hat eine ganze Schar von Abenteurern zum Nachtskilauf ohne jegliches Kunstlicht gelockt. Gebannt warten sie, bis das letzte Tageslicht gewichen und die Alpenszenerie nur noch vom Mond beleuchtet wird. Während die einen wie nervöse Mondsüchtige der ersten Abfahrt entgegenfiebern, warten andere im 41 Grad heißen Wasser des höchsten Außenwhirlpools der Alpen ganz relaxt. Bis zum Beginn des Vollmond-Spektakels auf der Diavolezza hat so mancher nur Augen für die Nachfahren der „schönen Teufelin“ im Sprudelbad hinter dem Berghaus.

Anderes Fahrgefühl

Angelo aber drängt zum Aufbruch. Vor dem Abendessen auf der Hütte wollen wir die erste Nachtskilauf-Runde drehen. Unsere Augen brauchen einige Minuten, bis sie sich an das weiche, dämmrige Licht gewöhnt haben. Anfangs irren sie im diffusen Weiß umher. Auf der tagsüber harmlosen roten Piste hinab zur Gondelbahn setzen wir vorsichtig einen Kurz-Schwung an den anderen – so als habe der Mond die Piste steiler gemacht. Das Halbdunkel und die Stille schüchtern ein. Das Kratzen der Kanten auf dem angefrorenen Schnee klingt irgendwie viel lauter als am Tag und lässt einen fast erschaudern. Weil wir die Skibrillen ausgezogen haben, tränen die Augen vom Fahrtwind und wollen partout keinen Pistenverlauf mehr erkennen. Erst recht nicht, wo der mächtige „Cor Diavolezza“ seinen Schatten auf die Piste wirft.

In der Finsternis wartet allerdings nicht die „schöne Teufelin“, um uns auch für immer verschwinden zu lassen, sondern nur Angelo. Der Skilehrer, der im Sommer mit seiner Frau die Segantini-Hütte mit dem Traum-Panorama über das ganze Engadin betreibt, hat auch im fahlen Mondlicht den Durchblick. Er kennt die Diavolezza mit ihren grandiosen Freeride-Hängen im Val Arlas und die 10 Kilometer lange Gletscherabfahrt hinunter zum Bahnhof der Rhätischen Bahn nach Morteratsch in- und auswendig – sogar nachts. „Wenn die Schneebedingungen es zulassen, kannst du die Gletscherabfahrt sogar bei Vollmond machen“, schwärmt Angelo. So eine Nachttour über den Gletscher geht natürlich nur mit einem ortskundigen Bergführer wie Angelo.

So langsam gewöhnen wir uns an das schwache Licht. Die Schwünge werden runder, die Schräglage mutiger, das Tempo höher. Bevor wir es übertreiben, bremst uns Angelo aus und zeigt mit dem Skistock gen Himmel. Die hell leuchtende Kugel des Mondes steht erhaben über dem 3.905 Meter hohen Piz Palü. Kein Kunstlicht stört das Schauspiel.

„Fabulus!“ sagt Angelo auf rhätoromanisch. Einfach märchenhaft. Das bei gutem Wetter fünf Mal in der Saison angebotene Vollmond-Skifahren auf der Diavolezza sollte jeder Skifahrer einmal erlebt haben. Selbst der erfahrene Bergführer, der sogar schon einmal bei Vollmond im Tiefschnee

gefahren ist, bekommt beim Anblick der im Halbdunkel erstrahlenden Bergmassive immer wieder Gänsehaut. Abgesehen vom Kratzen der Ski, hört man fast nichts. Geradezu ehrfürchtig flüstern alle. Sogar die Italiener sind mal still. Zumindest auf der Piste.

Lange Schwünge, sanfte Wellen

Im Restaurant ist es beim Nachtessen dann mit der andächtigen Stille allerdings vorbei. Das italienische Veltlin liegt gleich auf der anderen Seite der Gipfel, am Ende des Poschiavo-Tals. Das merkt man an der mediterran angehauchten Küche und eben auch an den laut erzählenden und dabei wild gestikulierenden Italienern. Statt Pasta bestellen wir aber natürlich Fondue und Rösti. Fast zwei Stunden später, 2.500 Kalorien schwerer und ein paar „Fränkli“ ärmer wagen wir uns aus der hell erleuchteten Gaststube wieder ins Halbdunkel der Nacht.

Ob es an dem Kilo Käse, dem köstlichen Nebbiolo-Rotwein aus dem Veltlin oder dem Verdauungsschnaps danach lag, sei dahin gestellt. Plötzlich fährt es sich auf den Mondschein-Pisten wie von selbst. Mit langgezogen Schwüngen carven wir die sanft gewellte Abfahrt hinunter. Nach zwei weiteren Runden nehmen wir um 23:15 Uhr die letzte Gondel hinauf auf die Diavolezza, wo wir ein <hotelzimmer dem Massenquartier mit den schnarchenden Tourengehern vorziehen. Kaum haben wir im Bett die Augen geschlossen, sehen wir uns im Mondlicht schon wieder die Hänge hinabgleiten. Und tatsächlich, da ist sie: die „schöne Teufelin“! Es gibt sie also doch – wenn auch nur im Traum. <<<

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