Tarvisio: Skifahren mit Meerblick

Zumindest, wenn das Wetter mitspielt. Bei unserem Autor hat es für diese Aussicht leider nicht gereicht. Trotzdem war das Skischaukeln unter südlicher Sonne ein verlockendes Vergnügen, das durch eine neue Seilbahn zwischen dem italienischen Friaul und Slowenien möglich geworden ist. Dabei verkürzt der DB Autozug die Anreise auf zwei Autobahnstunden

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Text und Bild Frank Wündsch

Es sind noch knapp zwei Stunden bis nach Tarvisio. Gerade haben wir uns den Inhalt der zwei Frühstücksboxen schmecken lassen: Brötchen, Croissant, Marmelade, Streichkäse, Orangensaft – fein portioniert, dazu eine große Tasse Kaffee oder Tee, ganz nach Gusto. Die Stärkung reicht als Energie für die letzten zweihundert Autobahnkilometer. Gegen Mittag werden wir Tarvisio erreichen, früh genug für ein paar erste Schwünge im Schnee oder einen ausgiebigen Bummel durch das alte Städtchen und einen ersten italienischen Cappuccino.

Begonnen hat die Reise am Abend zuvor, kurz nach der Aufforderung des freundlichen Einweisers: „Handbremse ziehen, Ersten Gang einlegen!“ Gesagt, getan. Pünktlich zur Tagesschauzeit um Acht rollte der Autozug vom Bahnsteig des Düsseldorfer Hauptbahnhofs und los ging’s. Im Schlafwagenabteil fanden wir zwei Fläschchen chilenischen Rotwein und zwei Mineralwasser zur Begrüßung. Ein gemütlicher Abend begann. Er fand seine Fortsetzung im Burgenzählen am nächtlich illuminierten Mittelrhein. Irgendwann löste im dahinschunkelnden Abteil das Schäfchenzählen das Burgenfinden ab, und so schlummerten wir einer erfrischenden Dusche und dem Frühstück kurz vor der Ankunft in Schwarzach / St. Veit, mitten in den österreichischen Alpen, entgegen.

Aufgrund des tollen Wetters entschließen wir uns, die gewonnenen Stunden für eine genüssliche Alpenfahrt zu nutzen. Über Tauernpass und Katschberg cruisen wir vom Salzburger Land über Kärnten zu unserem Ziel im Friaul. Nach dem Check-In im Hotel bieten sich für die ersten Nachmittagsschwünge die dicht bei Tarvisio liegenden Pisten am Monte Priesnig an. Eine ganze Reihe von Sesselliften sorgt hier für den Einstieg ins Skivergnügen von Blau bis Schwarz.

Italienische Lebensfreude dominiert im Dreiländereck

Tarvisio selbst ist ein Städtchen, das vielleicht eine handvoll Kilometer hinter der österreichisch-italienischen Grenze liegt und dennoch jede Menge italienische Atmosphäre versprüht. Der Wintersportort ist Station an einem uralten Handelsweg, der bereits zu Römerzeiten entstand. Viele deutsche Namen erinnern an die wechselvolle Geschichte. Jahrhunderte lang dominierte Österreich. Seit Ende des ersten Weltkriegs zählt die Region zu Italien. Inzwischen ist Tarvisio vom Durchgangsverkehr befreit. Zuerst wanderte die Autobahn in einen Tunnel, dann die Eisenbahnstrecke. Das schaffte Platz für das urbane Leben vor Ort. Am Abend stärken wir uns mit einer gut belegten Pizza im „Trieste“. Die Karaffe Rotwein gibt’s zum volkstümlichen Preis. Pizza, Pasta, Vino – spätestens jetzt fühlen wir uns richtig angekommen in Bella Italia.

Für den nächsten Tag haben wir Skifahren mit Meerblick geplant. Wir wollen Skischaukeln ins benachbarte Slowenien. Im Skigebiet Sella Nevea ist das seit wenigen Jahren möglich. Schließlich liegt Tarvisio im Dreiländereck Italien – Österreich – Slowenien.

Walter Vedam, unser kompetenter Guide vom alpinen Trainingszentrum erklärt, dass sich hier schon seit rund vierzig Jahren die Lifte drehen. Zum Quantensprung kam es, als im Jahr 2007 die neue Kabinenseilbahn und der Gipfel-Sessellift eröffnet wurden. „Sämtliche Pisten von Sella Nevea sind beschneibar“, klärt er über die Fakten auf. Im Tal gibt’s ein paar Übungslifte. Vor uns liegen die zwei Abfahrten von der Bergstation der Canin-Seilbahn, hinab ins 1.140 m hoch gelegene Sella Nevea. Das sind rund 700 Höhenmeter auf etwa drei Kilometern Länge. Auf der Rennstrecke geht’s mit gleichmäßigem Gefälle zügig hinab, während die ebenfalls rot markierte Touristenabfahrt variationsreich daherkommt. Wer hier ein paar Mal heruntergefahren ist, sollte von etwaiger Frühjahrsmüdigkeit kuriert sein. Im Gipfelbereich geht’s rund um den Gilberti-Sessel auf blauen Pisten dann gemütlicher zu.

Neue Perspektiven im grenzüberschreitenden Skigebiet

Früher wäre damit das Skigebiet beschrieben gewesen. Heute gibt’s nicht nur in der arbeitslos gewordenen Bergstation der alten Seilbahn die Bar Funivia. Neu ist vor allem die Prevala-Seilbahn. Die Großkabinenbahn bringt uns hinauf zur slowenischen Grenze. Wo sich einst auf knapp 2.100 Metern Höhe der sogenannte „eiserne Vorhang“ befand, die schwer gesicherte Grenze zwischen Ost und West, schwingen Skifahrer heute einfach hinüber ins Nachbarland. Seit der Eröffnung der Skischaukel sei die Zahl der Skifahrer um vierzig Prozent angestiegen, erzählt unser Guide. Der Skipass gilt auch für die slowenischen Pisten.

Also nichts wie hinauf mit dem modernen Vierer-Sessel zum Sedlo (2.292 m). Die Bergstation markiert den Zenit des Skigebiets. „Von hier reicht der Blick bis nach Trieste, zur slowenischen Küste, nach Istrien, zum Mittelmeer!“, klärt Walter auf. Sehen können wir weit nach Slowenien hinein, zahlreiche Bergrücken und am Horizont ... nein, leider kein Meer. Wenn der Dunst uns heute keinen Strich durch die Perspektive machen würde, wäre das Mittelmeer die Krönung dieses Ausblicks.

Uns lockt das Skifahren am sonnenreichen Kanin. Vor unseren Skispitzen liegen rund ein halbes Dutzend gut besuchter Abfahrten. Meist rot, manchmal blau markiert und immer sonnig, reichen die Pisten bis hinab zur Mittelstation der slowenischen Kanin-Seilbahn auf 1.649 m Höhe. Mittendrin liegt zwischen Bergstation und Schneebar die Drehscheibe des Skigebiets. Bei moderaten Getränkepreisen und Live-Musik der Juice-Band sind die Liegestühle begehrt. Rund ums renovierte Panoramarestaurant der Gondelstation hat man einen tollen Blick hinab nach Bovec. Der Ort liegt tief unten im Tal auf gerade 460 Metern Meereshöhe.

Etwas abseits finden wir mit dem Veliki Graben unsere Traumpiste. Wenig frequentiert, kann man hier, begleitet von hohen Felswänden, nicht spektakulär, aber genussvoll hinabschwingen zu einem Sessellift, der wohl noch aus der Anfangszeit des Skigebiets stammt und bald ersetzt werden soll.

Unter Bergsteigerbildern wird Hirschfleisch mit Pasta serviert

Zurück in Italien lädt das Rifugio Gilberti unterhalb des 2.146 Meter hohen Bila Pec zum Einkehrschwung ein. Unter Bergsteigerbildern an der Wand kommen hier regionale Spezialitäten auf die Tische, wie Nudeln mit Hirschfleisch oder Polenta mit Salsiccia genannter, grober Schweinswurst und Parmesanhobel. Dabei kommen uns die Gedanken über den perfekten Skitag: Eigentlich haben wir es richtig gemacht. Morgens auf den knackigen Talabfahrten in Sella Nevea austoben und danach die Sonne in Slowenien am Kanin auskosten. Relaxen … und hoffentlich das Meer sehen! Nach zünftiger Talabfahrt locken in Sella Nevea beim Tana di Lupo Stadelatmosphäre und offenes Feuer.

Nach dem Skitag kehren wir zurück nach Tarvisio. Auf dem Marktplatz findet gerade das Schokoladenfest statt. Vor der in wechselnden Farben angestrahlten Kirche werden in einem Zelt vielfältige süße Creationen angeboten, womit die verbrannten Kalorien schnell wieder aufgefüllt werden. Ein paar Meter weiter treffen sich Skifahrer in einer typisch italienischen Bar zum Après-Ski.

Am nächsten Morgen erwartet uns Alessandro Spaliviero. Er will uns die Skigebiete von Tarvisio zeigen. Zunächst schweben wir von Camporosso mit der Gondel auf den „Monte Santo di Lussari“. Der Wallfahrtsort besteht nur aus einer guten Handvoll Häuser und liegt so malerisch auf einem Bergrücken, dass hier jeder Schnappschuss schnell zur postkartentauglichen Idylle wird. Das Nest sei nur im Sommer richtig bewohnt und im Winter ausschließlich mit der Monte-Lussari-Seilbahn zu erreichen. Wer hier oben Quartier nimmt, dem liegt ein kleines, aber feines Skigebiet zu Füßen. Gleich gegenüber fesselt der grandiose Panoramablick auf die Alpenkette. Die Luft ist klar. „Da hinten ist der Großglockner!“, ruft uns der Guide zu. Prompt erinnern wir uns an den verpassten Meerblick. Vielleicht waren wir nur zur falschen Zeit am falschen Ort? Egal, wir sind zum Skifahren hier. Und das kann man prima. Zunächst nehmen wir die schwarz markierte Alpe-Limerza-Piste in Angriff. Welch eine Vorspeise! Fast dreihundert herrliche Höhenmeter geht’s bergab, auf perfektem Schnee, mit tollem Blick und jeder Menge Platz. Irgendwann kreuzt ein Weg, genannt Bärenweg. Angeblich soll ein Bär in der Region gesichtet worden sein, erzählt Alessandro. Mit der Miscona-Gondel fahren wir wieder hinauf.

Fast 1000 Höhenmeter auf der Weltcuppiste ins Tal carven

Dann schwingen wir auf „geweihtem Boden“ die 950 Höhenmeter ins Tal. Noch im März 2011 kämpften Maria Riesch und Co. auf der Strecke um Weltcuppunkte. Und nicht ohne Grund ist Alessandro stolz auf seine rot markierte Weltcuppiste und die vielen Nationalteams, die sich in Tarvisio allwinterlich zum Training anmelden. Kaum haben wir darüber gesprochen, klingelt das Handy. Ein Nationaltrainer erkundigt sich nach einer Trainingsmöglichkeit für sein Team. Viel Wert wird deshalb auf eine gute Präparation gelegt. „Wir haben vierhundert Schneekanonen und können einhundert Prozent unserer Pisten beschneien“, berichtet unser Guide. Unter den Latten spüren wir die griffige, sehr harte Piste. Wie überall sind gut gewartete Ski auch hier von Vorteil. Vor allem sollte der letzte Kantenschliff nicht zu lange zurückliegen, um den Skispaß auf dem kompakten Kunstschnee optimal genießen zu können.

Die Rundtour zu den übrigen Abfahrten führt durch den Talgrund. An der Dell’ Angelo-Piste liegt einladend die Hütte Al Galusch. Der bevorzugte Erfrischer ist hier Spritz Aperol. Die Florianca-Piste zwischen dem Monte Priesnig und Monte Florianca liegt fast den ganzen Tag in der Sonne und wird entsprechend frequentiert – sportlich gesehen ist hier eher ein Entspannungsprogramm angesagt. Da geht’s am Monte Luzzari anders zur Sache. Zum Einkehrschwung lockt auf dem Bergkamm die Florianca-Hütte. Die fünfhundert Höhenmeter zurück ins Tal geht’s dann entweder eher gemächlich blau auf der Priesnig-Strecke A oder zünftig schwarz auf der B. Am Ausgangspunkt bei Camporosso wartet schon die Après-Ski-Schirmbar auf energetisch Unterversorgte.

Nach zwei Pistentagen wollen wir einen Abstecher ins nahe Kärnten einschieben, für einen Wellnesstag im Thermenressort zum Beispiel. Oder sollen wir einen Ausflug ans Mittelmeer unternehmen? Vielleicht in die Lagunenstadt, ungefähr zwei Autobahnstunden entfernt? Eigentlich könnten wir es uns erlauben. Schließlich haben wir ja noch mehr als achthundert Kilometer gut, die wir während der Anreise im Schlafwagen schlummernd eingespart haben. Da sitzt der Tagesausflug nach Venedig doch locker drin. Oder etwa beides? <<<

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Mit dem Auto-reisezug ist das Zwei-Länder-Gebiet bequem zu erreichen

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