Garmisch-Partenkirchen: Majestätische Kulisse für ein Wintermärchen

Deutschlands Wintersportort Nummer eins hat es geschafft. Nach fünf vergeblichen Bewerbungen darf Garmisch-Partenkirchen im Februar die Alpinen Ski-Weltmeisterschaften ausrichten. Der Werdenfelser Höhenluftkurort verspricht sich von dem Großereignis einen enormen Aufschwung für die gesamte Region. Von den millionenschweren Investitionen im Skigebiet profitieren auch die Wintersportler

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Text Sabine Reuter Bild GaPa Tourismus, GaPa Tourismus/Herbke, BZB/Christian Stadler

Der Countdown läuft. Eine Standuhr auf dem Richard-Strauß-Platz, wo ganz in der Nähe im Kurpark auch die Siegerehrungen stattfinden, zählt die Tage und Stunden bis zur Eröffnung der Weltmeisterschaften. So steigt die Spannung. „Festspiele im Schnee“ werden überall angekündigt. Auf Wandtafeln am Straßenrand, in Schaufenstern, auf Bussen, auf Flyern. „Festspiele kündigen ein fröhliches, heiteres Ereignis an“, erklärt Tourismusdirektor Peter Ries das Motto der Weltmeisterschaft, die eben ein „Fest“ werden soll. „Anspruchsvoll, in gehobener Qualität“, betont Ries. So wie es dem einstigen (und vielleicht auch künftigen) Olympiaort gut ansteht. In Garmisch-Partenkirchen sind Sport und Kultur zu Hause. Deshalb das WM-Motto „Festspiele im Schnee“. „Natürlich sollen sie bayerisch werden“, ergänzt OK-Geschäftsführer Peter Fischer. „Nicht abgehoben und laut, sondern gemütlich und bunt.“

Kein Museum mehr

Die Ski- und Tourismusindustrie rechnet mit neuen Impulsen für die Branche. „Wir sprechen mit der Ski-WM ein Millionen-Publikum an“, sagt Alt-Slalom-Ass und Sportkommentator Christian Neureuther, der mit seiner Frau Rosi Mittermaier an vorderster Front für seinen Heimatort gekämpft hat. „Knapp vier Millionen Menschen leben im direkten Einzugsbereich – Zuschauer, die nicht nur gerne zur WM kommen, sondern auch danach noch in unseren Bergen Erholung und Entspannung suchen werden.“

Dann holt Neureuther zu Kritik aus: „Wir hatten den Ruf, ein Museum zu sein“, gesteht er. Und nicht wenige haben diese Einschätzung geteilt. Zustimmung auch von Peter Fischer: „Garmisch war für viele alt, verstaubt und teuer“, meint der OK-Chef. Jetzt soll alles frisch, neu und attraktiv sein. Der WM und vielen Millionen Fördergeldern und Investitionen sei Dank! Diese wurden zum größten Teil in den längst fälligen Ausbau des Skigebiets gesteckt. „Jetzt ist das Skifahren bei uns ein richtiger Genuss“, schwärmt Altmeister Christian Neureuther. Das wollen wir überprüfen.

Skivergnügen auf drei Etagen

Wir packen Ski und Helm und gehen mit den ersten Schneeflocken im Tal auf Testfahrt. Dank technischer Beschneiung und reichlich Naturschnee können wir schon Anfang Dezember im Classic-Gebiet zwischen Alpspitze, Kreuzeck und Hausberg starten. Die ersten Schwünge in der neuen Saison haben wir bereits im Oktober auf der Zugspitze, Deutschlands einzigem Gletschergebiet, absolviert. Skivergnügen auf drei Etagen. Das macht den im Schatten von Deutschlands höchstem Berg gelegenen Wintersportort so attraktiv und abwechslungsreich.

Mit der Kreuzeckbahn, die auch die Rennläufer zum Start bringt, steigen wir ins Classic-Gebiet ein. Lokalmatadorin und Olympiasiegerin Maria Riesch haben wir bislang nur von zahlreichen Plakaten lächeln sehen. Durch die Kabinenscheiben ab und zu ein Blick auf die berühmt-berüchtigte Kandahar. Die alte Weltcupstrecke wurde verbreitert, mit einer Beschneiungsanlage bestückt und um eine Variante erweitert. Der grimmige Steilhang, den sie wegen seines extremen Gefälles den „Freien Fall“ nennen, wirkt aus der Gondelperspektive eher harmlos. Aus- und Umbau der zwei Kandahar-Rennstrecken sind den Auflagen der FIS zu verdanken, die getrennte Abfahrten für Damen und Herren sowie eine Trainingsstrecke verlangt. Amateurskifans konnten die neue Kandahar schon im letzten Winter genussvoll hinunterschwingen.

Auf der zweiten Etage des Skigebiets angekommen, verschlägt es einem fast den Atem. Das grandiose Panorama rund um Zugspitz- und Alpspitz-Massiv, das wir jetzt vor der Nase haben, ist schuld daran. Vor dieser einzigartigen Felskulisse dreht sich der Pisten- und Liftzirkus allerdings immer noch ziemlich gemächlich. Genießer wissen das zu schätzen, wenn sie im altmodischen Doppelsessellift auf den Längenfeldern hocken und Panorama und Sonne genießen.

Die Fördergelder wurden zum größten Teil in die nordseitigen Abfahrten gesteckt. Und davon profitieren nicht nur die Spitzensportler – wie wir gleich erfahren werden. Die Ski-Unterführung des Tröglhangs, über den die Rennläufer rasen, ermöglicht den problemlosen Wechsel ins Hausberg-Gebiet und über die Olympia-Abfahrt wieder zur Kreuzeck- und Alpspitzbahn. Auf halber Höhe kann man nun in den Kandahar-Express, einen Vierer-Sessellift mit beheizbaren Sitzen, einsteigen. Wenn die WM vorbei ist. Weniger versierte Fahrer, die nicht wie die Rennstars bis zur Endstation wollen, haben die Möglichkeit, an der Mittelstation auszusteigen. Da haben die Liftplaner also wirklich an die Hobbysportler gedacht.

Classic ist klasse

Mit der neuen Kreuzeckbahn und der Achter-Kabinen-Bahn am Hausberg hat das „Classic-Gebiet“ zwei Anlagen, die dem Standard internationaler Wintersportorte gerecht werden. Die lästigen Warteschlangen sind nun endgültig passé. Garmisch Classic ist wirklich Klasse. Es kann mit fünf beachtlichen Abfahrten punkten. Die berühmteste ist die Kandahar-Rennstrecke, auf der die Weltcup-Elite Stammgast ist. Der Amateur-Skifan genießt die 3,6 Kilometer lange Abfahrt (940 Höhenmeter) dank maschineller Beschneiung und bester Präparierung vor und nach den alpinen Wettbewerben. Er kann zur Abwechslung aber auch parallel zur Rennstrecke die leichtere „Olympia“ nehmen. „Bei uns“, schwärmt Christian Neureuther, „laufen die Pisten nicht kleckerweise, sondern an einem schönen langen Stück.“

Für die Weltmeisterschaft konnten die Pistendesigner den Naturschützern zudem eine großzügige Verbreiterung und Streckenverlegung abringen, die den Freizeitsportlern sehr gelegen kommt. Der Beschneiung am Hausberg mit den beliebten Abfahrten am Horn und Kochelberg stand dank der WM nun auch nichts mehr im Weg. Schon in den letzten Jahren wurde fleißig an den engen, flachen Verbindungsskiwegen zwischen den drei Skigebieten gearbeitet, die aber zur Rushhour immer noch ein Ärgernis sind.

Kenner lassen sich deshalb mit der Talabfahrt Zeit und kehren beim „Drehmöser 9“ am Kreuzwankl ein. Oder sie bleiben eine Etage höher in der Kreuzalm hocken, dicht unter dem Bilderbuchpanorama der Alpspitze.

Wer eine Pause vom alpinen Skilauf nehmen will, ist mit einem abwechslungsreichen Sportprogramm auch abseits der Pisten gut beschäftigt.

Langläufer können auf mehr als 200 Kilometer Loipe vom Loisachtal bis zum Isartal durchstarten. Als Olympia-Erbschaft von 1936 betreibt Garmisch-Partenkirchen ein Eisstadion, längst für diverse Veranstaltungen modernisiert.

Ski und Shopping

Der rund 28.000 Einwohner zählende Marktflecken hat den WM-Zuschlag nicht zuletzt wegen seines abwechslungsreichen Kontrastprogramms bekommen: Shopping in exclusiven Läden entlang der Hauptstraße und Bummel durch Gassen mit mit Schindeln gedeckten Häusern und Lüftlmalerei, Roulette im Spielcasino und Schafkopfen im Bräustüberl. Lokales und Internationales in schöner Eintracht. Diese soll nun auch über das mitunter disharmonische Ortsteildenken zwischen Garmisch und Partenkirchen herrschen. Die WM-Maskottchen, zwei quirlige Schneebälle mit den Anfangsbuchstaben Ga und Pa, tänzeln als unzertrennliches, lebendiges Pärchen und lebensechte Symbole der Doppelgemeinde Garmisch-Partenkirchen werbewirksam vor Fernsehkameras und Publikum.

Der Partenkirchener Neureuther hat das Erfolgsrezept der Fußball-WM im Kopf und das Motto „Zu Gast bei Freunden“ leicht abgewandelt. „Wir wollen die Herzen der Menschen erreichen und perfekte Gastgeber sein“, sagt er. Nach dem Sommermärchen der Fußballweltmeisterschaft soll nun das Wintermärchen kommen.

Die Skisport-Funktionäre denken und träumen schon weiter. „Die Alpinen Ski-Weltmeisterschaften in Garmisch-Partenkirchen sind die bestmögliche Visitenkarte für unsere Olympia-Bewerbung“, meint DSV-Präsident Alfons Hörmann. <<<

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