Pitztal: Von der Wildspitze bezwungen

Majestätisch thront sie mit 3.768 m Höhe über dem Pitztaler Gletscherskigebiet und bildet den Talabschluss. Seit ihrer Erstbesteigung 1848 ist viel Zeit vergangen, doch nach wie vor hat die Wildspitze magische Anziehungskraft – und viele Tücken. Ein Bericht­ von einer Skitour, bei der das Gipfelkreuz zum Greifen nah war

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© Marc Neumann

Text: Marc Neumann

Die Sonne ist noch nicht aufgegangen, als der ­Wecker klingelt. Unwillig verlasse ich das warme Bett und wage einen ersten Blick Richtung Berg. Gestern spielte das Wetter nicht mit, es war fast durchgehend neblig, nur dank des starken ­Windes konnten vereinzelt Sonnenstrahlen durch aufgerissene Wolken­fetzen hindurchleuchten. Ich hoffe, dass es bei der ­vorhergesagten Besserung für heute bleibt.

Ein herrlicher „Spaziergang“

Nach dem Frühstück treffe ich meinen Bergführer Raphael Eiter. Er ist im Pitztal aufgewachsen und kennt die Gegend perfekt. Er betreibt die Alpin- und Freeride-Akademie und ist auch Gründer und Initiator des „Pitztal Wild Face Extreme“-Rennens. Unsere heutige Tour ist für ihn nur ein Spaziergang durch den Vorgarten seiner Homebase. Ich aber würde es ohne ihn nicht wagen. Immerhin geht es durch ein Gletschergebiet mit Spalten, und bei meinen fehlenden Ortskenntnissen und insbesondere angesichts der angespannten Lawinen­situation in diesem Winter könnte es auch schnell ein Desaster werden – mittelschwere Tour hin oder her.

Ausstieg aus dem Skigebiet

Mit der ersten Bahn des Gletscher­expresses um 8.30 Uhr starten wir die Tour. Als wir an der Bergstation in den frischen Schnee steigen, reißt der graue Himmel bereits auf, und die umliegenden Berggipfel glänzen

in der Morgensonne. Maja und Yannick, die ihre eigene Tour wegen des nun perfekten Wetters ein paar Tage vorgezogen haben, begleiten uns. Raphael erklärt uns auf der Karte die Route, dann machen wir den doppelten LVS-Gerätecheck und legen die Klettergurte­ an, die Steigeisen sind im Rucksack verstaut. Mit den ­Gletscherbahnen geht es zum Einstieg in die Tour, dem Mittelbergjoch auf 3.166 Meter.

Über eine kurze, aber knackige Steilabfahrt geht es circa 70 Höhen­meter auf den Taschachferner hinab. Ein krasser ­Kontrast: Nur wenige Meter neben den bestens präparierten Pisten des Skigebiets setzen wir unsere Schwünge in den frischen Powder der von Felsen eingerahmten Mulde. Der Puls rast, das Grinsen ist breit. Unten angekommen, analysiert Raphael den Schneeaufbau – und ist nicht wirklich zufrieden. „Das nennen wir einen umgedrehten Schnee. Normal wäre es, wenn der fluffige Powder auf einer kompakteren und bereits gesetzten Schicht aufbaut. Jetzt ist es aber so, dass diese kompakte Schicht obenauf liegt.“ Für die Spuranlage bedeutet das einen erheblichen Mehraufwand, denn bei jedem Schritt ist diese schwere Masse zu bewegen, während der Ski auch noch tief einsackt. „Wäre das den ganzen Winter so, dann ­würde ich mit extrem aufgepumpten Oberschenkeln ins ­Frühjahr starten“, scherzt Raphael noch, dann spurt(et) er los.

Im Schatten der Séracs

Der Gletscher breitet sich majestätisch vor uns aus, die Sonne lässt die Spitzen der Gletscherbrüche funkeln und zaubert beeindruckende Kon­traste. An manchen Stellen schimmert das magische Gletscherblau durch die weiße Schneedecke. So gewaltig und massiv der Gletscher daliegt, so zerbrechlich und gefährdet ist er. Jedes Jahr zieht sich die Gletscherzunge mehrere Meter zurück. Auf der Talabfahrt ins Pitztal musste eine neue Strecke gefunden werden, nachdem vorletzten Winter die Gletscherbrücke eingestürzt war. Ob das der normale Lebenslauf eines Gletschers ist oder ob die Umwelteinflüsse die Ursache sind, kann ich nicht beurteilen. Dennoch macht es mich etwas betrübt, denn schon in ein paar Jahrzehnten wird hier vielleicht keine Skitour mehr möglich sein. Ich fühle mich geehrt, heute meine Spur auf diesem Berg zu ziehen!

Als wir oberhalb unserer Spur ein Feld von Séracs (Turmaufbauten aus Gletscher­eis) passieren, erklärt uns Raphael, dass wir hier nicht länger stehen bleiben sollten. Denn Seracs entstehen an den Kanten zu stärkeren Hangneigungen. Der eingelagerte Schnee kann hier spontan als Lawine oder durch einstürzende Seracs ab-gehen. Also ziehen wir weiter. Als wir vom Schatten in die Sonne kommen, machen wir eine kurze Pause.

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Eine einsame Spur auf über 3.400 Metern mit Blick Richtung Wild­spitze, dem höchsten Berg Nordtirols.
© Marc Neumann

Ein eisiges Wellenmeer

Es wird zwar schnell warm hier, aber nur ein paar Meter weiter bläst ein steifer Wind über den Gletscher hinab. Bis hier ist die Tour recht angenehm, mit zügigem Tempo meistern wir den leichten und konstanten Anstieg. Der nächste Abschnitt wird etwas kniffliger. Denn der Anstieg zum Hinteren Brochkogel gleicht einem eisigen Wellenmeer. Der heftige Wind der ­letzten Tage hat den losen Schnee verfrachtet, zurück bleibt eine ungleichmäßige Schneedecke aus eisigen ­Schichten, ­unterbrochen von kompakten Schneeschichten. Wie die Schuppen eines Fisches liegt das unregelmäßige ­Muster auf dem Hang. Es ist anstrengend, den richtigen Moment für die nächste Spitzkehre zu finden und mit den stark aufgestellten Ski nicht einfach seitlich abzurutschen. Bei einem Versuch löst sich meine Bindung. Der Ski fällt und rutscht, ich denke mir kurz: „Rutsch den Hang hinab, bis ganz unten. Dann muss ich mich nicht weiter hochquälen und erst recht nicht später mit butterweichen Beinen diese Eispiste wieder abfahren.“ Aber schon wenige Meter weiter stoppt die Bindung den Ski, und es geht weiter. Wir behelfen uns mit der höchsten Stufe der Steighilfe und versuchen, das letzte Stück in direkter Falllinie aufzusteigen. Aber dann hält Raphaels Fell einen Moment nicht, und sein Ski macht einen kurzen Abflug abwärts. Nein, ich habe diesen Moment nicht sabotiert, aber es wäre die zweite Gelegenheit gewesen, an diesem Tag wieder retour zu gehen.

Zweifel im Schatten des Gipfels

Ein paar Meter weiter ist auch diese Herausforderung gemeistert, und mit der Sonne im Gesicht steigt auch die Zuversicht, dass es gleich wieder besser wird. Das Skidepot unterhalb des Gipfelgrats und der Einstieg in den Gipfelanstieg sind schon auszumachen – vielleicht noch eine Stunde, dann sind wir dort. Der Hang hinter mir wollte mich in die Knie zwingen. Mit einiger Kraftanstrengung ist er überwunden, aber die Zweifel kann auch der eisige Wind nicht wegblasen. Dazu gesellt sich nun auch noch ein stechender Schmerz in der Hüfte. Und allgemeine Erschöpfung. Übersteigt die Tour doch meine Kräfte? Zweifelnd schiebe ich einen Ski nach dem anderen nach vorne und folge der Spur. Es sind jetzt alle schneller als ich. Meine Gedanken kreisen um die Optionen abbrechen oder weitermachen, abbrechen oder weitermachen … Ich bin zwar hier am Berg, um diesen Bericht zu schreiben, den Bericht über die Besteigung der Wildspitze. Aber: Ich kann nicht mehr. Ich denke an die eisige Abfahrt und den umgedrehten Schnee. Insgeheim beschließe ich, statt abzubrechen ein neues Aben­teuer einzugehen: Der Rest der Truppe soll seinen Gipfelgenuss bekommen, nur ohne mich. Ich male mir aus, wie ich mir in einer kleinen Schneehöhle ein Biwak einrichte, Trockenübung für den Notfall sozusagen.

Raphael, Maja und Yannick stehen bereits am Skidepot und betrachten die umliegenden Berge, die hinter der Abrisskante aufragen. Als ich ihnen von meinem spannenden und ausgeklügelten Plan erzähle, findet er keine Anerkennung. Der Schnee sei zu hart, um eine Schutzhöhle oder zumindest -mulde zu graben, und wir sind eine Gruppe, die als Gruppe hochgeht oder umkehrt. Es tut mir leid, aber ich kann kaum mehr weiter. Wenn ich es hoch schaffe, dann wird spätestens die Abfahrt eine Katastrophe. Die Entscheidung steht, und alle sind einverstanden, dass die Steigeisen und das Seil nicht zum Einsatz kommen und wir das ­Gipfelkreuz auslassen. Trotz des schneidend kalten Winds und Temperaturen von geschätzten minus 20 Grad Celsius lassen wir es uns nicht nehmen, das Bergpanorama aufzusaugen. Der Blick von der Wildspitze, und heute auch vom Skidepot, ist überragend, denn er ist nur durch die Erdkrümmung begrenzt – nichts stellt sich in den Weg, und so sehen wir unter anderem Zugspitze und Großvenediger ebenso wie Sella­gruppe, Marmolada, Ortler, Piz Palü, Piz Buin und den Pitztaler K2 säuberlich auf-gereiht (insgesamt über 130 Gipfel sind auszumachen).

Die Abfahrt, ein Minenfeld

Um länger zu bleiben, ist es heute einfach zu kalt, und so machen wir uns schnell daran, die Ski abzufellen, um die Abfahrt in Angriff zu nehmen. Noch nie bin ich solch eine instabile und ungleichmäßige Eispiste gefahren, aber es geht tatsächlich besser als gedacht, im Vergleich zu schwerem Sulz fast schon ­angenehm. Die ­Aufstiegsspur entlang geht es über das Plateau hinab. Der schattige Hang, an dem wir uns schon im Aufstieg quälten, ist auch in der Abfahrt kein Zuckerschlecken – aber runter kommt man immer, und der in der Sonne liegende Tiefschnee ist ausreichend Motivation.

Mit Sicherheitsabstand fahren wir hinab, bis Raphael urplötzlich stehen bleibt und uns allen ein Haltesignal gibt: „Bleibt’s stehen, nicht weiter­fahren!“ Obwohl wir uns an der Aufstiegsspur orientiert haben, hat sich nur wenige Meter daneben eine Gletscherspalte unter dem verblasenen Schnee versteckt. Nicht dramatisch und relativ begrenzt – aber man weiß nie genau, was sich unter dem sicht­baren Spalt verbirgt. ­Raphael leitet uns daran vorbei, und kurze Zeit später stehen wir wieder in der Sonne und im Tiefschnee. Tiefschnee, ja, tief ist der Schnee, aber kein Powder, sondern immer noch „umgedrehter Schnee“ und wegen des geringen ­Gefälles auch nicht wirklich ­fahrbar. So müssen wir weiter in der ­Aufstiegsspur abfahren, denn jeder Versuch, aus der ­vorgegebenen Linie auszubrechen, wird jäh abgebremst.

Gescheitert, aber glücklich

Die Abfahrt über den Taschachferner, die über das entgangene Gipfelglück hätte hinwegtrösten können, ist bei diesen Bedingungen auch nicht fahrbar und könnte zudem am Nachmittag lawinengefährdet sein. So bleiben wir in der Aufstiegsspur, erreichen bald den kleinen Steilhang, über den wir dem Skigebiet entflohen sind. Jetzt ist er die Treppe zurück ins Skigebiet, aber auch dieses kurze Stück schaffen wir und belohnen uns mit einer Brotzeit in der Sonne. Der Blick schweift über den Gletscher, die Séracs und unsere Spur, die fast bis zum Gipfel der Wild­spitze reicht, die noch immer heftig windumblasen ist. War es die richtige Entscheidung? Jedenfalls nicht die falsche, die Gruppe ist vollständig zurückgekommen, ohne Bruch, alle erschöpft und dennoch zufrieden – eine gescheiterte Tour, die dennoch ein Erfolg war.

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Die herrliche Aussicht auf über 130 Gipfel ist der Lohn der harten ­(Aufstiegs-)Arbeit – da kann man schon mal kurz rasten und genießen.
© Marc Neumann

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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: SkiMAGAZIN Nr. 02 / 2016

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