Sommer! Sonne! Skitour!

Während andere sich bei sengender Hitze an den Badesee legten, schnallte sich unser Autor Ralf Neumann die Bretter unter die Füße. Belohnt wurde er mit einer grandiosen Telemark-Abfahrt

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Text und Bild Ralf Neumann

Erbarmungslos sticht die Sonne herab. Wir sitzen in kurzen Hosen und T-Shirt im Auto, unsere Klamotten kleben am Körper – doch hinten im Kofferraum transportieren wir eine Fracht, die so gar nicht zu diesen äußeren Bedingungen passt: Dort liegen zwei komplette Ski- und Hochtourenausrüstungen. Manchmal frage ich mich selber, was uns dazu geritten hat: Während drunten im Tal das erste Mal in diesem Jahr so richtig die Hitze vom Himmel drückt, wollen wir die „Wintersaison“ mit einem Highlight abschließen. Noch einmal in die Höhe! Noch einmal Schnee, Eis und eine tolle Firnabfahrt erleben. Nachdem der Wonnemonat Mai bei uns im Chiemgau durchschnittliche Tageshöchstwerte von 9 Grad und Dauerregen brachte, war der Wetterbericht jetzt Anfang Juni endlich einmal sehr vielversprechend. Ab Freitagmittag sollte es aufklaren, und für das Wochenende wurden Temperaturen um die 30 Grad Celsius angekündigt. Beste Voraussetzungen also für eine Hochtour mit Ski.

Schon bald erblicken wir unser Ziel vor uns – er ist ja auch kaum zu übersehen: Der Großvenediger. Mit knapp 3.700 Metern Höhe die Nummer 4 der Österreich-internen Hitliste.

Trotz der imposanten Größe gilt der „Venediger“ als relativ leichter Berg, der sich ideal für eine Besteigung mit Skiern eignet. Ob das wohl stimmt?

Kleiner Steig, große Herausforderungen

Einige Stunden später kommen leise Zweifel, als ich auf meine Freundin blicke, die die Tour mit mir unternimmt. An einem schmalen Taleinschnitt schießt das Schmelzwasser mit voller Wucht hinunter. Ich beobachte, wie Simone mit ihrem schweren Rucksack die kurze Querung meistert. Die Hände fest an das Fixseil geklammert, versucht sie, den Kräften der Natur standzuhalten, mittlerweile hat das herabstürzende Wasser alle Körperteile eingeweicht. Der Steig wird hier immer schmaler, und die Ski, die wir seitlich am Rucksack befestigt haben, bleiben unerwartet oft im Schnee und an den Felsen hängen.

Vor knapp einer Stunde hatten wir unseren Ausgangspunkt erreicht: Die Talstation der Materialseilbahn der Kürsinger Hütte. Der Weg dorthin führte uns vom Obersulzbachtal aus über die Ortschaft Neukirchen und den Gasthof Siggen bis zum Parkplatz Hopfeldboden. Hier benötigten wir noch einen 30-minütigen Taxitransfer, um die auf rund 1.000 Höhenmeter gelegene Talstation der Materialseilbahn zu erreichen. Von dort aus peilen wir unser Tagesziel an: die auf 2.500 Meter gelegene Kürsinger Hütte. Unsere Schritte führen uns auf den Klemmlweg, ein wunderschöner kleiner Steig, dessen phantastische Aussicht auf den großen Geiger für den doch recht anstrengenden Aufstieg entschädigt. Sehr viel Schnee und sehr viel Schmelzwasser machen den Steig an manchen Stellen nahezu unpassierbar. Nur gut, dass dort zum Teil Fixseile angebracht sind! Aber nach zwei Stunden haben wir es geschafft und erreichen etwas geplättet die Kürsinger Hütte. Entgegen unserer Befürchtung, dass viele Skitourengeher die tollen Verhältnisse noch auskosten wollen, sind wir fast allein auf der riesigen Hütte. Sie ist ein idealer Stützpunkt für viele Touren im Großvenedigergebiet, und der Blick auf die Gletscherwelt weckt in uns bereits große Vorfreude auf den morgigen Gipfeltag.

Perfekte Voraussetzungen

Am nächsten Morgen treten wir Punkt sechs Uhr erwartungsvoll vor die Hütte – und werden von einem fantastischen Sommertag begrüßt. Strahlendblauer Himmel. Keine Wolke in Sicht. Zudem hatte es in der Nacht auch noch durchgefroren. Perfekte Voraussetzungen also für eine Firnabfahrt. Doch wir dürfen uns nicht zu früh freuen, denn dazwischen liegen noch runde 1.300 Höhenmeter und ein insgesamt fast zehn Kilometer langer Anstieg über den gewaltigen Gletscher. Je nach Bedingungen und Kondition braucht man von der Kürsinger-Hütte zwischen vier und sechs Stunden zum Gipfel.

Schließlich treten wir hinaus. In dieser Weite kommen wir uns fast ein wenig verloren vor. Nur ein kleines Grüppchen Schneeschuhwanderer ist außer uns noch unterwegs, sonst verliert sich das Auge in der gleißend-weißen Schneelandschaft, durch die wir wie zwei kleine Punkte wandern. Die technischen Anforderungen halten sich im Rahmen, auch der steile Aufstieg in den Sattel lässt sich problemlos mit unseren Fellen meistern. Dort angekommen befinden wir uns bereits auf 3.300 Metern. Der Gipfel scheint bereits greifbar nah – und doch brauchen wir noch eine ganze Stunde, bis wir ihn erreichen. Die letzten Meter ziehen sich, die Höhe macht sich immer stärker bemerkbar. Unser Atem geht mittlerweile spürbar schneller, und der Berg zwingt uns immer wieder zur Pause. Doch nach insgesamt vier Stunden Aufstiegszeit haben wir es geschafft! Wir stehen auf dem Gipfel des Großvenedigers. Das mächtige Gipfelkreuz ist von den Schneemassen noch regelrecht eingebacken, der Ausblick auf die umliegenden Gipfel, die fast wie im Hochwinter in ein komplett weißes Schneekleid eingehüllt sind, ist spektakulär.

2.000 HöhenMeter schweben

Endlich rasten, jetzt kehren auch Zufriedenheit und Ruhe ein. Wir lassen den Blick schweifen und genießen einfach den Augenblick der Gegenwart. Nach dem langen Aufstieg freuen wir uns auf die Abfahrt, und fast mitleidig betrachten wir die Schneeschuhgeher, die den langen Weg hinunter nun auch wieder Schritt für Schritt zurücklegen müssen. Ein kurzes „Servus“ – und schon sausen wir mit unseren Telemark-latten auf einer weichen, cremigen Oberfläche den Gletscher des Venedigers hinunter. Durch die Sonneneinstrahlung ist die oberste Schneeschicht leicht aufgetaut, und wir reihen einen schnellen, langen Turn an den anderen. Alles geht leicht und ohne nachzudenken, wir schweben geradezu ins Tal hinunter. Über 2.000 Höhenmeter telemarken wir den Berg hinab – wir können kaum glauben, dass es Juni ist! Nur auf den letzten paar hundert Höhenmetern wird der Schnee schwer. Die Sonne hat schon so gearbeitet, dass wir fast bis zur Kniehöhe einsinken. Da hilft es nur noch, sich gut hüftbreit auf die Bretter zu stellen, den Oberkörper zurückzunehmen und die Ski einfach in Falllinie laufen lassen. Das sieht zwar nicht toll aus, spart aber immens viel Kraft, und wir kommen mit dieser Technik gut wieder runter. Linkerhand passieren wir schließlich den Gletschersee im Talschluss, der langsam auftaut. Schließlich sind es nur noch wenige Gehminuten bis zu unserem Ausgangspunkt, der Talstation der Materialseilbahn. Glücklicherweise können wir per Telefon den Hüttenwirt erreichen, der sich um einen Shuttle nach Obersulzbach kümmert, denn für den weiten Weg dorthin sind unsere Füße doch zu schwer. Wir sind anscheinend nicht so trainiert, wie die „harten Hunde“, von denen uns die Einheimischen später erzählen. Die packen den Venediger vom Tal aus an einem Tag: Erst mit dem Rad, dann zu Fuß und schließlich mit Ski legen sie insgesamt knappe 3.000 Höhenmeter zurück. „Respekt!“, können wir da nur sagen, denn die Höhe und die teilweise sehr unterschiedlichen Bedingungen verlangen vom Skibergsteiger und Hochtourengeher viel Erfahrung, Können und eine gute Kondition – selbst wenn sie sich wie wir für die „Softvariante“ entscheiden. <<<

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Wenige Meter unter dem Gipfel. Nur noch der schmale Weg links trennt uns von ihm

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