Lenzerheide: Eine Runde Sache

Die Lenzerheide hat einen rasanten Wandel von der Maiensäss fürs Vieh zum Wintersport-Eldorado hinter sich. Und sie hat so viel mehr zu bieten als Skifahren: Geschichten von Steinen, dem Vollmond und einem Formengeber!

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Text Nicola Förg Bild Förg, TVB

Bloß nit den Stein hochheba, dua füra drucka“, sagt der Mann und man spürt, dass er ums Hochdeutsche bemüht ist. Dann sinkt er darnieder und gleitet elegant hinter seinem Stein her und führt seinen Schrubber so unnachahmlich elegant neben sich her. Alles aus einem Guss! Er starrt über die Eisfläche, runzelt die Stirn. Dieses Natureis sei ja so was von uneben, das müsse man einplanen. Im Unterland, da hätten die eine ganz andere Infrastruktur, ganzjährig spiegelglatte Hallen, hier hingegen ist man draußen, eiskalt ist es zudem. Aber man kommt schnell ins Schwitzen, von wegen Curling ist so ein Hausfrauensport für jene, die gerne wischen … Schon ohne Curl zu rutschen, ergibt peinlichstes Umhereiern. Dann mit Curl: „Dua rechts heba und der Griff muas nach hinta.“ Ach so, klar, sonst flutscht das Ding ja nicht richtig los. Voller Einsatz und ein Bauchplatscher vom Feinsten.

Als nächster Schritt nun mit dem Besen, den man elegant linkseitig mit sich zu führen hat. Um sich vernünftig abzustoßen hat man eine Gummisohle am Schuh und nun gilt es. Rechts der Curl, links der Schrubber, den Blick aufs Ziel gerichtet, los! Leider viel zu kurz. Aber immerhin ein Anfang, auf den wieder ein elefantengleicher Abgang folgt. Man hätte die Gummisohle dann eben wieder ablegen sollen! Und auch der Hinweis, dass man auf dem Eisfeld nie rückwärts gehen sollte, da könnte ja ein Curl im Wege sein, kommt leider zu spät … Zwei Stunden am Eise sind lehrreich, überhaupt nicht kniefreundlich und eine perfekte Lektion, niemals wieder über die Schrubberfraktion zu lästern!

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Auch abseits der Piste lädt die Lenzerheide zu zahlreichen Aktivitäten ein.

Der Charme der zwei Seiten

Wen das nun Wunder nimmt (wie der Schweizer sagen würde), dass eine Skigeschichte auf dem Eise beginnt, der hat das Wesen der Lenzerheide als Winteridyll für alle – auch jenseits der Pisten – nicht begriffen. Es heißt „die Lenzerheide“, obgleich sie teilweise im rätischen Sprachgebiet liegt, und begonnen hat alles mit dem Erzabbau im 15. und 16. Jahrhundert am Parpaner Rothorn. Ende des 19. Jahrhunderts wurde das anmutige Hochtal das Maiensäss Gebiet der Obervazer Bauern. Wer dann erstmals ganzjährig auf der Lenzerheide wohnte, ist schwer zu sagen. Nicht jeder mag die Theorie, dass es wohl ein Abdecker gewesen sein soll – einer, der mit der Beseitigung und Verwertung von Tierkadavern seinen Lebensunterhalt verdient. Was für ein Beginn für einen blühenden Kurort!

1879 wurde das erste Gasthaus gebaut (später Hotel Danis), das natürlich eine Pferdepoststation hatte. Aber erst, als Joachim Cantieni das Hotel Kurhaus im Sommer 1882 eröffnete, ging es für die ersten Touristen los mit: dort wohnen, wo einst nur Kühe gegrast hatten. 1936 kam die erste „Funibahn“ (Schlittenseilbahn) von Val Sporz nach Tgantieni und 1942 kamen verwegene Skilifte – ein Wintersportort war geboren. Oder ein Wintersport-Hochtal war geboren, dessen großer Charme in der Weisheit liegt, dass alles im Leben zwei Seiten hat. Die Ski-Lenzerheide auch: Erstens ist da die „Dorfseite“ von Lenzerheide, also die Westseite, die vom Piz Scalottas bis zur Windegga über Churwalden reicht. Rauf, runter, die Gebietserkundung macht mehr Freude, wenn man die Lifte jeweils doppelt nutzt, denn sonst verkommt die Exkursion zur einer Schrägfahrt-Orgie. So aber gibt’s schöne Schwünge runter vom Piz Scalottas und ein paar knackige, wenn auch kurze Pisten in schwarzem Gewand unterm Stätzerhorn.

Alles in allem ungeeignet für Steilwandfahrer, aber das ist hier auch gar nicht der Sinn der Übung. Die abwechslungsreiche Übung lautet „Runda Lai“, die Umrundung des Hochtals – und mindestens so wichtig wie das Fahren ist das Rasten. Die Lenzerheide straft all jene Lügen, die behaupten, urige Hütten gäbe es nur in Südtirol. Von wegen! Hier heißt urig „urchig“ und auch die Gourmets kommen allemal auf ihre Kosten. Auf dem Piz Scalottas liegt Bündens höchstes Gilderestaurant und etwas tiefer hat die Alp Fops auch schon für einen Werbespot gemodelt.

Steile Herrenabfahrt

Sich allzu lange festzusitzen ist aber auch nicht ratsam, denn es soll ja rüber gehen zur Ostseite, und die präsentiert sich ungleich alpiner. Das Rothorn kratzt mit seinen 2.865 Metern am Dreitausender, und hier heroben wogt eine Welt aus Felsen und Gipfeln. 1.000 Gipfel soll man sehen, aber im Felsenmeer kann’s ganz schön stürmen und wehen – und man tut gut daran, den staunenden Blick zu lösen, das Durchzählen einzustellen und abzufahren auf einer hochalpinen Piste, rein in die Galerie um schließlich ebenfalls staunend am Start der Herrenabfahrt zu landen. Mann, ist die steil Mann! Die Lenzerheide hat Erfahrung im Ausrichten alpiner Großereignisse, und das Terrain dazu hat sie auch. Da darf es dann gerne nach dem Bezwingen der „Silvano Beltrametti“ ein „Kaffi mit Schuss“ an der Goldgräber-Bar sein und ein geruhsamer Cruise hinunter nach Dieschen, wo man Kinderskikurse und Rodelspezialisten trifft und wo sich der Waldgürtel an den Hang schmiegt. So anders als oben in der rauen Felsenwelt – die Runda Lai ist immer auch eine Reise aus sulzigen Dorflagen hinauf in pulvrige Dimensionen.

Und eine Reise durch ganz unterschiedliche Dörfer. Da wäre Lenzerheide selbst – mondän mit einer Flanierstraße, die das hat, was eben auch internationale Gäste suchen: Topmarken und Uhren. Churwalden und Parpan, ursprünglich Walserdörfer, ziehen die Sportler an, die den Seiteneinstieg ins Gebiet lieben. Lain, Muldain und Zorten sind beschauliche Bergdörfer, wo das Chalet ein altes, knarzendes Haus sein darf. Brienz, Brinzauls und Vazerol am Eingang ins Albulatal bedeuten: Sonne satt! Und dann wäre da noch Brambrüesch, das Eingangstor zur Lenzerheide, wenn man von Chur herauf kommt. Brambrüesch ist der Ferienhausberg der Alpenstadt Chur, und auch hier wurde aus der Maiensäss-Siedlung später ein ganzjährig bewohntes Bergidyll. Einer von rund 50 ganzjährigen

Bewohnern ist „Gübi“, der Formengeber. Wer bei Gübi, Gubert Luck, zur Mittagszeit reinschneit, hat Glück. Die wunderbare Pilzsuppe streckt er etwas, das Gamsragout auch und das Quittenmus zum Dessert bekommt einen Extraklacks Sahne, damit auch Überraschungs-Mitesser satt werden. Die Pilze und die Quitten sind selber gebrockt, die Gams ist selbst geschossen, nur der Wein ist kein Bündner, sondern ein Vino Nobile di Montepulciano. In Italien ist Gübi häufig, kürzlich koordinierte er den Transport von 600 Jahre alten riesenhaften Olivenbaumstämmen von Padua auf den Brambrüesch. Im Tieflader von der Poebene auf Churs 1.600 Meter hohen Hausberg, wo Gübi in einem „urchigen“ Haus inmitten von 10.000 qm Grund lebt und wo unzählige Holzskulpturen an den Wolken zu kratzen scheinen, wo sie wie Flammen züngeln oder behäbig mit der Umgebung kommunizieren. Gübis Sammelleidenschaft gilt nämlich Stämmen und Wurzelstöcken, deren natürliche Formen er betont und herausarbeitet – behutsam, mit dem Blick eines Mannes, der die Natur immer als beseelt begriffen hat. Gübi ist seit 1968 Bergführer, seit 1998 haben den ehemaligen Bauleiter nicht zuletzt persönliche gesundheitliche Warnschüsse zur Holzbildhauerei geführt und zum Leben hoch über dem Alltag.

Retour ins Kerngebiet. Dämmerung senkt sich über das Hochtal. Die Berge wetteifern noch in orange bis lila um den schönsten Anstrich und dunkeln ein unter einer sternklaren Nacht. Wenn nun grad Vollmond ist, sollte man den inneren Schweinehund, der einen irgendwie ans gemütliche Bett tackert, überwinden und die Skistiefel anlegen. Rauf aus Rothorn zum Drei-Gänge-Menü und wieder runter auf einer geführten Vollmondabfahrt. Oder man marschiert zu Fuß ein lockeres halbes Stünden zur Tschuggahütte, wo Fondue und Raclette dampfen und man ungleich beschwerter nun mit dem Rodel zu Tale sausen kann. Auch ohne Vollmond, die Bahn ist beleuchtet. <<<

Gourmets kommen hier allemal auf ihre Kosten

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