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St. Moritz: Cool Runnings

Im Gäste-Bob mit 130 Sachen durch die Natureisbahn von St. Moritz: Wer diese Achterbahnfahrt der Gefühle heil übersteht, darf sich danach guten Gewissens vom Fünf-Sterne-Luxus des benachbarten Kulm Hotels verwöhnen lassen – und sich dabei ein bisschen wie Gunter Sachs fühlen, der bis zu seinem Tod Präsident des St. Moritz Bobsleigh Club war

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Text Günter Kast Bild SMTC, Hotel Kulm, Roger Schaffner

Dominique Godat, Direktor des altehrwürdigen Kulm Hotels in St. Moritz und seine charmante Frau Barbara haben zum Dinner ins noble Grand Restaurant eingeladen. Trotz des hier noch hochgehaltenen Krawatten- und Jacketzwangs ist die Atmosphäre entspannt, man plaudert zwischen Vorspeise und Hauptgang über die große und bewegte Tradition des Hauses. Der legendäre Hotelpionier Johannes Badrutt hatte 1858 das „Engadiner Kulm“ als erstes Hotel im Ort eröffnet. Der Visionär bereitete damit nicht nur den Boden für die Schweizer Luxushotellerie in den Alpentälern, sondern erweckte 1864 durch eine gewagte Wette auch den alpinen Wintertourismus zum Leben: Er bot den letzten Sommergästen einen Aufenthalt von Dezember bis in den Frühling hinein an, wenn der Winter im Oberengadin ebenso sonnig und angenehm verlaufe wie der Sommer. Andernfalls dürften sie ohne Bezahlung abreisen. Mit gebräuntem Teint und voller Begeisterung kehrten die britischen Gäste erst im Frühjahr auf die Insel zurück und erzählten den daheim gebliebenen Bleichgesichtern vom „lovely“ Bergwinter in St. Moritz.

Damit war der Grundstein für den Ruhm des Hauses hoch über dem See gelegt. In den „Golden Twenties“ trafen sich hier der Adel und die High Society Europas zu rauschenden Maskenbällen. 1928 und 1948 wurden im Park des Hotels sogar die Olympischen Winterspiele eröffnet, und bis heute zählt das Fünf-Sterne-Superior-Haus zu den ersten Adressen im Oberengadin. Dessen Eigentümer ist die griechische Familie Niarchos. Der griechische Reeder Stavros Niarchos, lebenslanger Rivale von Aristoteles Onassis, hatte sich hoffnungslos in das Engadiner Hochtal verliebt – und in den 50er Jahren begonnen, hier zu investieren. Er ist der größte Grundbesitzer vor Ort. Ihm gehören zum Beispiel die Luftseilbahnen am Corvatsch und am Piz Nair sowie mehrere Hotels. Als er 1970 dem Club Med das zum Verkauf stehende Kulm Hotel vor der Nase wegschnappte, avancierte er zum Retter der

St. Moritzer Luxushotellerie.

Dracula in St. Moritz

Was das mit Bobfahren zu tun hat? Eine ganze Menge! Denn dem

Milliardär und Hauptaktionär der Engadinerkulm AG gehört nicht nur das Hotel, sondern das gesamte angrenzende Areal, auf dem sich der Olympia Bobrun St. Moritz-Celerina mit dem berühmten, von Gunter Sachs in den 1970er Jahren gegründeten Dracula Club und auch der legendäre Cresta-Run befinden.

„Die Geschichte der Bobbahn und die Geschichte des Hotels sind eng miteinander verwoben“, erklärt Hotelchef Godat beim Dessert. Aber das werde man morgen ja live erleben können, sagt er mit einem Unterton, bei dem man eine gewisse vorweggenommene Schadenfreude herauszuhören glaubt. – Ob er sich denn selbst schon einmal in die eisige Schlucht der Bobbahn gestürzt habe? Nun ja, antwortet er, als Hausherr habe er nicht ständig kneifen können. Und etwas zu hastig fügt er hinzu, dass so eine Gästefahrt ein ganz besonderes Erlebnis sei.

Aus der sicheren Zuschauerperspektive mag das durchaus stimmen. Schließlich kann die Bahn mit einigen Superlativen aufwarten: Die 1904 in Betrieb genommene Strecke ist die älteste noch benutzte Bobbahn der Welt. Der Eiskanal zwischen St. Moritz und Celerina ist ferner die letzte noch bestehende Natureisbahn des Planeten und mit rund 5.000 Kubikmeter verbauten Schnees außerdem die weltgrößte Schneeskulptur. Alle übrigen Bobbahnen in Europa, Nordamerika und Japan müssen künstlich vereist werden, weil das Klima nicht kalt und trocken genug ist. Fast logisch, dass auch der St. Moritz Bobsleigh Club der älteste der Welt ist. Ihn haben, wie könnte es anders sein, die Briten 1897 gegründet, um ihre eben erst erfundene Sportart ausüben zu können und nicht mehr auf den benachbarten Cresta Run angewiesen zu sein, den die Skeleton-Piloten für sich exclusiv beanspruchten.

Die Eisrinne führt heute noch durch den Arvenwald des St. Moritzer Badrutt’s Park nach Celerina-Cresta entlang der Via Maistra, der Verbindungsstraße St. Moritz – Celerina, die während der Bobsaison gesperrt ist. Technik und Ausrüstung der Bobsportler haben sich während des vergangenen Jahrhunderts zwar grundlegend verändert, doch der Verlauf der Bobpiste ist bis heute mehr oder weniger gleich geblieben: 1.722 Meter lang, 130 Meter Höhenunterschied, ein durchschnittliches Gefälle von 8,14 Prozent. Das klingt nicht besonders dramatisch, doch das Medium Eis hat es in sich. Man beschleunigt darauf schneller, als einem lieb sein kann.

Jeden Winter müssen Spezialisten die Bahn von Grund auf neu bauen. Seit 1990 sind dafür der Celeriner Christian Brantschen und seine Süd-tiroler Bahnmannschaft verantwortlich. In der letzten Novemberwoche reist diese an, um innerhalb von drei Wochen aus Schnee und Wasser die Bahn zu formen. Obwohl jede Kurve im Terrain exakt ausnivelliert ist, gibt es jedes Jahr minimale Änderungen in der Linienführung. Sobald der Rohbau fertig ist, teilt sich die Mannschaft auf. Jeder Bahnarbeiter bekommt einen Streckenteil zugewiesen und ist für dessen Endausbau und Pflege verantwortlich. Die täglichen Ausbesserungsarbeiten werden hauptsächlich nachmittags vorgenommen und dauern pro Abschnitt bis zu vier Stunden. Nach dem Ende der Saison beginnt unverzüglich der Abbau, und die schützenden Sonnensegel werden entfernt.

Inoffizielle Gästebobfahrten

Weil das Ganze eine äußerst aufwändige und teure Prozedur ist, hat der Bob-Club früh nach Möglichkeiten gesucht, die Bahn zu vermarkten und optimal auszulasten. Bis in die 1930er Jahre reicht die Geschichte der – inoffiziellen – Gästebobfahrten zurück, als der berühmte italienische Skeleton- und Bobpilot Nino Bibbia mit wildentschlossenen Damen der Gesellschaft per Bob von St. Moritz nach Celerina hinabraste. Gästefahrten im heutigen Sinn mit Bobs vom Typ „Feierabend“ gibt es seit 1973. Das klingt gemütlich. Tatsächlich sind die 15 Gästebobs jedoch nur leicht modifizierte Renn-Vierer. Einzig der fliegende Start, der sehr viel Routineerfordert, bleibt den Amateuren erspart. Die Gästebobs benötigen für die 1.722 Meter lange Strecke rund 75 Sekunden, erreichen im „Horse Shoe“ einen Druck von bis zu 5 G (das fünffache Körpergewicht) und vor dem „Martineau Corner“ Spitzen-geschwindigkeiten bis zu 135 Sachen.

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So muss man sich fühlen, wenn man in eine Presse für Schrottautos gerät

Das alles erfahre ich, während ich mich vorbereite, mir einen schweren Integralhelm über den Kopf stülpe und mir gute Ratschläge anhöre. Für einen Rückzieher ist es jetzt zu spät. Eine Etage über mir, auf der Terrasse

des Bob-Restaurants neben dem Starthaus, blicken in Pelz gekleidete Damen mit einem Glas Champagner in der Hand auf das Geschehen.

Wie schön wäre es jetzt, wenn man sich einfach in Luft auflösen könnte? Oder wenigstens um die Ecke in den Dracula Club flüchten könnte? Dieser ist in St. Moritz eine gesellschaftliche Institution. Gunter Sachs hat hier die exclusivsten Partys des ganzen Engadin gefeiert. Als sich der Playboy am 7. Mai 2011 im Alter von 78 Jahren in seinem Haus in Gstaad erschoss, weil er glaubte, an Alzheimer erkrankt zu sein, waren seine Freunde im Kulm und dem Dracula Club tief betroffen. Heute steht dem Club Gunter Sachs’ Sohn Rolf vor. Nach wie vor öffnen sich die Türen des privaten Dracula’s Ghost Riders Club ausschließlich Mitgliedern und deren Freunden. Nur im Sommer, während des berühmten Festival da Jazz, steht er allen Musikfreunden offen.

Zwischen Pilot und Bremser

„Grüezi, ich bin der Fabio, Euer Pilot.“ „Und ich der Luca, Euer Bremser“, stellen sich zwei in Weißwurst-ähnliche Anzüge gepresste Menschen vor. Die beiden wollen meine Kollegin Sabine und mich während der Schussfahrt in die Mitte nehmen. Sie haben rosige Wangen, wir sind bleich. Und deshalb sagt Fabio: „Versucht es zu genießen. Ihr habt nur diesen einen Run. Und dann ist es urplötzlich vorbei.“

Genießen? Der hat Nerven! Beim Fototermin für die Erinnerungs-urkunde vor dem Start sieht man zwei skeptische Augenpaare unter einem Motorradhelm in die Kameralinse blinzeln. Viel mehr ist nicht zu erkennen. Dicht aneinander gepresst sitzen wir im Bob, so als könnte das Schaden von uns abwenden. Aus dem Laut-sprecher am Starthäuschen hören wir die Namen unseres Teams. Als ob echte Champs an den Start gingen!

Bremser Luca schiebt an, unser Viererbob rutscht in die Piste mit den eiskalten Seitenwänden hinein. Das ist er: der „point of no return“. Umdrehen ist jetzt nicht mehr. Maria Mutter Gottes, hoffentlich hat Fabio nachts gut geschlafen und lenkt uns ohne Katastrophen durch die 19 Kurven.

Auf dem ersten Viertel der Strecke ist die Geschwindigkeit nur zweistellig, ich riskiere sogar einen Blick nach vorn, vorbei an Fabio. Doch je näher wir der berüchtigten Hufeisen-Kurve, dem „Horseshoe“ kommen, desto

stärker zerren die Fliehkräfte an uns. Es ist, als ob da noch jemand mitfährt im Bob. Ein Riese, der mit seiner kraftvollen Pranke unsere Köpfe

nach unten und zur Seite Richtung Eiswand drückt. So muss man sich fühlen, wenn man in eine Presse für Schrottautos gerät. Die Nackenwirbel schieben sich aufeinander wie bei einem Auffahrunfall. Das Gehirn kommt ohnehin nicht mehr mit, die Eindrücke zu verarbeiten. Nur kurz gelingt es, auf der langen Geraden „oben“ und „unten“ zu ordnen, ein wenig durchzuschnaufen.

Ich sage mir: Das war sie, die schlimme Kurve. Jetzt wird es ruhiger. Doch dieser Bob wird immer noch schneller. 120, 130 Stundenkilometer. Festhalten, Atmen, an nichts mehr aktiv denken, gar nichts denken, der Kopf leer, nur noch die Kurven fühlen, gnadenlos beschleunigen, wie eine Lottokugel in der Trommel herumgeschleudert werden.

Warum bergauf? Fliegen wir jetzt aus der Bahn? Nein, es ist der Auslauf. Es ist vorbei. Das erste Gefühl: Erleichterung. Oder doch Enttäuschung? Keine Ahnung, zu viel Adrenalin im Körper. Mit Pudding-Knien steigen wir aus, drücken Fabio und Luca so fest die Hand, als ob die uns gerade aus einem Lawinenkegel befreit hätten. „So intensiv kann Leben sein“, sagt Sabine. „Was in 75 Sekunden an Emotionen alles reinpasst.“

Mit dem Allrad-Fahrzeug geht’s zurück zum Start, zu den Damen im Pelz, wo ich meine von Rolf Sachs signierte „Bob-Taufe“-Urkunde entgegen nehme. Ich denke an „Cool Runnings – dabei sein ist alles“. Die Kinokomödie, die die Geschichte der ersten jamaikanischen Bobmannschaft erzählt, die bei den Olympischen Winterspielen 1988 in Calgary an den Start ging, hatte mich damals nicht vom Hocker gerissen. Jetzt werde ich sie mir ein zweites Mal anschauen. Mit anderen Augen. <<<

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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: SkiMAGAZIN Nr. 03 / 2013

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