Lofoten: Skifahren mit Meerblick

Die Chance, sich den Traum vom Skifahren mit Rundumsicht aufs Meer zu erfüllen, liegt näher als man denkt. Dazu muss man nicht unbedingt auf Hawaiis Mauna Kea klettern, sich auf nordamerikanischen Eisriesen mit Aussicht auf den Golf von Alaska halbtot frieren oder grönländische Inuit nach geeigneten Abfahrten in ihren Küstenbergen fragen. Ein Billigflieger-Ticket nach Nordnorwegen reicht völlig aus. Es ist die beste Eintrittskarte für mehr Meer als man es sich auf Ski je hätte träumen lassen. Die Rede ist von der aus 80 kleinen Eilanden bestehenden Inselkette der Lofoten, die zwischen 100 und 300 Kilometer nördlich des Polarkreises liegt und deren Berge bis zu 1.200 Meter aus der arktischen See ragen

neuer_name
Die meisten Aufstiege dauern zwischen drei und vier Stunden.

Text und Bild Dirk Wagener

Erstkontakt mit den Lofoten habe ich beim Zahnarzt – beim Durchblättern einer älteren Ausgabe der Zeitschrift „National Geographic Traveler“. Im Magazin wird die nordnorwegische Archipel-Ansammlung mit den unaussprechlichen Namen wie Austvågøy, Skrova, Gimsøy, Vestvågøy, Flakstadøy, Moskenesøy, Værøy und Røst als Sommerreiseziel empfohlen und zu den drei schönsten Insel-Gruppen der Welt ernannt. Die beigefügten Fotos von tief eingeschnittenen Fjorden, ultramarinblauem Meer, feinen Sandstränden, beeindruckenden Felsküsten, kleinen Fischerdörfchen und alpenähnlichen Gipfeln überzeugen mich nicht nur von der Richtigkeit dieser Jury-Entscheidung, sondern lassen auch das anstehende Bohr-Martyrium in den Hintergrund rücken. Noch mit geschwollener Wange und frisch verfülltem Backenzahn nehme ich zu Hause den vergilbten Schul-Atlas aus dem Regal und mache mir erstmal klar, auf welch nördlicher Breite die Lofoten liegen. Egal wohin ich mit dem Daumen zwischen dem 67. und 68. Breitengrad auch fahre, es finden sich dort ausschließlich eiskalte menschliche Zivilisations-außenposten. „Irre, wie hoch im Norden das ist, da ist Alaska ja fast schon zu Ende“, staunt mein Skikumpel Akki, aber er ist sofort Feuer und Flamme für unser bisher nördlichstes Abenteuer. „Die Lofoten im Winter stelle ich mir vor, als hätte man einen Teil der Alpen im Meer versenkt. Täler, Wiesen und Wälder sind weg, nur noch die Bergspitzen schauen raus. Genau das Richtige für uns“, freut er sich.

Launisches Wetter und eisfreies Meer

Durch weitere Recherchen erfahren wir, dass die Lofoten aufgrund ihrer geografischen Lage Tiefausläufer, die vom Atlantik und aus Richtung Grönland anrauschen, zuverlässig abfangen. Im Winter sorgen ständig wechselnde Wetterlaunen für eine Menge Schnee. Trotzdem bleibt das Meer vom Skagerrak bis hoch zur Barentssee eisfrei. Die Temperaturen an der nordnorwegischen Küste sind zwar in der kalten Jahreszeit deutlich unter null, aber rund 24 Grad Celsius höher, als sonst auf dieser geografischen Breite. Möglich wird diese größte Temperaturanomalie auf Erden durch karibische Wärme: Dank der Heizkraft des guten alten Golfstroms.

„So bekommen wir beim Tourengehen, Kraxeln und anschließenden Freeriden wenigstens keine kalten Füße“, kommentiert Kilian – der dritte Mitreisende in unserem Subpolar-Trio – diesen klimatischen Umstand trocken. In punkto Reisetermin doktern wir lange herum und studieren Sonnen-stands-Kalender für den hohen Norden. Im Dezember und Januar sind die Tage dort oben ziemlich düster. Die Sonne geht gar nicht auf oder glimmt nur wenige Stunden am Horizont. Dafür schwimmen große Schwertwal-Gruppen in den Vestfjord und das Nordlicht flackert bei klarem Wetter unentwegt über den Himmel. Im Februar und März werden die Tage dann schnell wieder länger. „In den Wintermonaten kann man pro Woche einen Zuwachs von etwa einer Stunde mehr Sonnenscheindauer kalkulieren, Ende Mai wird es dann gar nicht mehr dunkel und es beginnt die Phase der Mitternachtssonne“, weiß Kilian. Die Wahl zwischen nahezu 24 Stunden Dunkelheit im Dezember und Januar und fast durchgehender Helligkeit ab Mitte Mai führt uns zu einem klaren Kompromiss: Möglichst viel Tageslicht für lange Skitage und möglichst um die sechs Stunden Dunkelheit für einen gesunden Schlaf.

neuer_name
Die Anreise führt durch faszinierende Landschaften.

Billigflieger und happige Bierpreise

Gesagt, getan, gebucht. Unser Reisezeitraum sind die letzten beiden Aprilwochen. Am 10. April um 21.20 Uhr starten wir mit Norwegian Airlines von Köln durch. Den Hin- und Rückflug ins nordnorwegische Tromsö konnten wir zum Schnäppchen-Preis von 300 Euro ergattern. Wie immer beim Einchecken in einen Skiflieger stehen wir auch diesmal wieder vor dem lästigen Problem der Gewichtsreduzierung – nicht nur im Hinblick auf unsere Bikini-Figur, sondern vor allem in Bezug aufs Equipment. Aber die perfekt geschminkte nordische Schönheit am Check-in-Schalter lässt uns mit viel Gnade, einem wissenden Lächeln und einer Menge Übergepäck passieren. „Takk skal du ha!“, also „Danke!“ rufen wir ihr in unserem rudimentären Norwegisch noch nach, dann lassen wir den ersten Teil der Flugreise an uns vorbeischweben und trinken beim Zwischenstopp in Oslo um Mitternacht das teuerste Bier unseres Lebens. 12 Euro für ein 0,5er-Glas des Gerstensafts – so langsam dämmert uns, warum diese Reise in alkoholischer Hinsicht eine ziemlich nüchterne Angelegenheit werden wird. Da der Anschlussflieger zu unserem Zielort Tromsö erst um 8.00 Uhr am nächsten Morgen startet, bauen wir uns aus unseren Taschen eine Art Wagenburg, rollen die Schlafsäcke auf dem Granitboden aus und träumen von Nordlichtern und Tiefschnee. Unsanft werden wir viel zu früh vom dumpf-hölzernen Geklapper unzähliger hochhackiger Absätze und eleganter italienischer Herrenschuhe geweckt. Der Flughafen erwacht zum Leben. Oslo bricht auf zum Business. Und wir brechen auf nach Tromsö. „Los aufstehen! Auf geht’s Richtung Norden!“, motiviert uns Akki.

Durchs Fenster der Boeing sehen wir die tief verschneite norwegische Landschaft unter uns dahinziehen. Beim Landemanöver selbst sehen wir dann nicht mehr viel. Es schneit üppig. Die Atmosphäre ist im wahrsten Sinne des Wortes polar. Kein Baum, wenig Gesträuch, nur weiße, langgezogene Bergketten und der wolkenverhangene Ozean. Mittendrin in dieser Abgeschiedenheit: die Hafenstadt Tromsö, ein berühmter Ausgangspunkt vieler Arktis- und Polarmeerexpeditionen. Auf uns wartet allerdings kein Eisbrecher, sondern ein schwarzglänzender Volkswagen Passat mit 4Motion-Allrad-Antrieb, 2.0-Liter-TDI-Motor und Winterreifen inklusive Spikes.

Polarpowder und Meersalz in der Nase

„Autofahren könnt ihr Deutschen ja, aber seid beim Skifahren vorsichtig – so viel Schnee wie in den letzten Wochen hatten wir hier seit Jahren schon nicht mehr“, warnt uns Autohändler Frank Gjerdrum bei der Fahrzeugübergabe. Einige Stunden Fahrt stehen uns jetzt noch bevor, bis wir unseren Zielort Svolvær auf den Lofoten erreichen. Es geht durch tief verschneite, dünn besiedelte und faszinierende Landschaften. Nur Berge und Weite. Die Zeit vergeht schneller als vorher im Flug. Schließlich noch eine letzte spektakuläre Brücke und ein tiefer Tunnel direkt unter dem Meer, dann sind wir Insulaner. Ziel erreicht. Austvågøy, eine der Hauptinseln der Lofoten. „24.000 Menschen leben insgesamt auf den Lofoten. Wenn ich sehe, wie rau das Wetter ist, dann können das wohl nur Nachfahren der Wikinger sein“, vermutet Kilian. Temperaturen um den Gefrierpunkt, düstere Wolken, die über den kalten Ozean fegen, Schnee, der bis auf Meereshöhe liegt, Windböen, die Schaumkronen auf die Wellen peitschen und eine einsame Küstenstraße, von der bis zu 1.200 Meter hohe, fett verschneite Felsriesen in den Himmel wachsen. Den Kontrast dazu bilden eisige Fjorde und vereinzelte, kleine Fischerdörfchen. Deren rote Holzhäuser sind auf Stelzen direkt bis ins Meer gebaut. In eines dieser heimeligen Häuschen, genannt „Rorbur“, schlüpfen auch wir im Hafen von Svolvær. Durchs Wohnzimmerfenster lassen wir den Blick schon mal auf die umliegenden Berge schweifen.

„Was für ein magisches Plätzchen. Mit dem Salzgeruch des Meeres in der Nase startet man hier zum Skifahren“, schwärmt Akki noch, während er die Sauna anheizt. Er ahnt wohl schon, dass wir Hitze gebrauchen können, denn unsere erste Abfahrt mit Meerblick am folgenden Tag schlägt gleich so einige Wetterkapriolen. Beim Hochkraxeln scheint die Sonne und taucht die umliegenden Gipfel in faszinierendes Licht. Auf dem Gipfelgrat stürmt es dann mit Windstärke acht und der Schnee fällt quer. Ein Traum. Aber genau das macht die Lofoten aus. Hier muss man mit Allem rechnen.

Lange, blaue Stunden

Obwohl es unzählige Gipfel und Bergflanken gibt, finden sich auf den insgesamt 1.227 Quadratmeter großen, zerklüfteten Inseln nur einige Loipen und zwei winzige klapprige Tellerlifte. Ohne Tourenski kann man die verlockenden Hänge nur von unten bestaunen. Jeder Tag ist eine Mission für sich. Wir fahren auf der E 10, der asphaltierten Lebensader der Lofoten, in Richtung Süden, lassen den Blick durch die Landschaft gleiten, nehmen die Karte zur Hand und sondieren mögliche Gipfel, Aufstiegswege oder Abfahrtsrouten. Sobald wir fündig werden, versuchen wir so nah wie möglich an den Fuß des erwählten Berges ranzukommen und parken unseren Passat an einem einsamen Farmhaus oder sonst wo am Wegesrand. Dann kleben wir die Felle unter die Ski, packen Brote, Energy-Riegel, eine Wasserflasche, Harscheisen, wärmende Ersatzkleidung sowie Film- und Fotoausrüstung in unsere Ortovox-Rucksäcke und starten die mühsame Kraxelei. Middagstindan, Higravtindan, Geitgaljen oder Vagakallen heißen die Ziele unserer Touren. Jene sind zwischen 600 und 900 Meter hoch und kosten uns meist zwischen drei bis vier Stunden Aufstiegszeit. „Das ginge auch schneller “, gibt Akki zu bedenken, „aber deine unzähligen Fotostops kosten natürlich Zeit.“ Eilig haben wir es eigentlich nicht. Vor allem nach Ankunft auf den Gipfeln schauen wir wie erstarrt auf die rundum liegende verschneite Insel-Landschaft und das tiefblaue Nordmeer. Bei der anschließenden Abfahrt stauben dann die Schnee-kristalle unter unseren Planken, und die Schwünge scheinen irgendwann in Wellen und Salzwasser zu enden.

Jeden Skitag verlängern wir bis in den späten Abend. Es ist die flach verlaufende Sonne und dieses magische Licht der Dämmerung, das uns immer wieder in seinen Bann zieht. Jetzt Ende April setzt diese „blaue Stunde“ etwa gegen 16.30 Uhr ein und geht erst gegen 21.30 Uhr zu Ende. Einfach überwältigend. Intensive und trotzdem sanfte Farben. Ein Paradies für die Augen – und das nicht nur für Augenblicke, sondern fast den ganzen Tag lang. Besser als Schauspielerin Liv Ullmann in ihren Memoiren kann man es eigentlich nicht auf eine Kurzformel bringen: „Die Landschaft ist so schön, dass es innerlich schmerzt.“

Die Zeit auf diesen Trauminseln gleitet an uns vorbei wie die Blauwale draußen vor den Vesteralen. „Wahnsinn, ich wüsste nicht, wo man sonst auf der Welt solche Kontraste sehen und maritime Skiabenteuer erleben kann“, resümiert Kilian zufrieden.

Massentourismus gibt es auf den Lofoten nicht und die Skitouren-Möglichkeiten sind nahezu unbegrenzt. Nirgendwo lauert skifahrerische Konkurrenz. Auf den Flanken, die wir hochsteigen und den Hängen, die wir abfahren, treffen wir nicht eine Menschenseele. Mit einer Ausnahme: Auf dem 740 Meter hohen Stornappstindan sitzt bei unserer Ankunft schon jemand in rot-schwarzem Funktions-Dress und mit allerneuester Telemark-Ausrüstung am Gipfelkreuz. Er heißt Eivind Flakstad, zeigt auf den unten liegenden Hafenort Vareid und erklärt uns, dass er Kapitän eines Dorsch-Kutters ist. „Ich habe heute meinen fangfreien Tag und ich will einfach mal die Sonne, den Schnee und den Meerblick genießen.“

Einen ausführlichen Reisebericht mit drei Film-Episoden und vielen weiteren Fotos gibt’s im Web auf www.whitehearts.de <<<

neuer_name
Die Landschaft ist so schön, dass es schmerzt

Diese Artikel könnten Sie auch interessieren

Aktuelle Beilagen und Specials

  • catalog flat
  • catalog flat

Events

21.11 – 28.11.2020
SkiMAGAZIN Skitestwoche in Sulden