Sommerschnee statt Strandcafé

Im Januar zum Baden auf die Kanaren zu fliegen ist das Normalste von der Welt. Mit Skifahren im Sommer war das mal so ähnlich. In den vergangenen fünfzig Jahren boten fast sechzig Orte in den Alpen irgendwann mal Sommerskifahren an. Dieses Jahr werden Anfang September nur noch sechs bis acht Gebiete übrig sein. Höchste Zeit also für ein Paar Abfahrten über sommerlichen Gletscherfirn. Denn wer weiß, wie lange das noch geht …

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Text und Bild Christoph Schrahe

Keine Frage: Die Berge sind im Sommer besonders schön. Die Täler wuchern in den verschiedensten Nuancen der Farbe Grün, die alpinen Matten steuern Gelb und Braun zur farblichen Vielfalt bei, die Firnfelder leuchten mal rosa, mal gleißend weiß und der Himmel setzt mit seinem kräftigen Blau noch eins drauf. All das rahmt den auch im Juli makellosen Schneeteppich auf dem Gletscher des Plateau Rosa oberhalb von Zermatt ein. Sich daran satt zu sehen, erscheint irgendwie unmöglich.

Gut, dass die sieben Kilometer lange Abfahrt von der 3.899 m hohen Goba di Rollin, dem höchsten Punkt des Zermatter Sommerskigebiets, bis zur Talstation am Trockenen Steg über weite Strecken gemütlich zu fahren ist. So kann man den umliegenden Viertausendern die ihnen gebührende Aufmerksamkeit widmen. In der Ferne ragen Mont Blanc und Gran Paradiso auf, mit Monte Rosa, Dom und Weisshorn bilden die höchsten Schweizer Berge das unmittelbare Gipfelrund, gekrönt vom Alpenberg schlechthin, dem Matterhorn, dessen Pyramide direkt über dem letzten Stück der bis Anfang Juli befahrbaren Abfahrt emporsteilt.

Zwei Urlaube in einem

Eigentlich Grund genug, die Pisten des Plateau Rosa statt im bitterkalten Hochwinter im Sommer unter die Bretter zu nehmen. Zumal auch die Sonne häufiger und länger scheint. Eine Ahnung davon, warum trotz solcher Vorzüge Skifahren zwischen Weihnachten und Ostern soviel populärer ist, bekommt man an sonnigen Tagen so ab elf Uhr vormittags. Dann taut die vom Nachtfrost hart gefrorene Schneedecke (auch nicht jedermanns Sache) und die Konsistenz schlägt in Richtung Softeis um. Herrlich, solange das nur wenige Zentimeter betrifft, aber diese Phase dauert leider nur eine halbe Stunde. Danach – bei Knöcheltiefe – hört der Spaß auf. Wer um 13 Uhr mit dem Skifahren Schluss macht, hat aber noch acht Stunden Helligkeit vor sich. Reichlich Gelegenheit für andere Aktivitäten: Wandern, mit dem Mountainbike Almwege hinuntersausen oder sich einfach auf einen der anderen Zermatter Aussichtsberge gondeln lassen. Menschen mit Energie können beim Sommerskifahren nicht nur in Zermatt zwei Urlaube in einem verleben.

Ihren professionellen Beginn erlebte die Sommerski-Bewegung 1932 durch den Skipionier Leo Gasperl. Er gründete an der Livrio-Hütte oberhalb des Stilfserjochs die erste Sommerskischule. Die damals in 3.174 m Seehöhe neu errichtete Hütte bot dafür eine ideale Basis, breiteten sich doch direkt vor der Tür die überaus sanften Firnfelder des Ebenferners aus. Es gab Zeiten, da verfügte eine ganze handvoll Skihütten über eigene Sommerskilifte: die Casati-Hütte am Cevedalegletscher, die Scerscen-Hütte in der Bernina oder die Mannheimer Hütte im Rätikon.

Seinen ersten echten Boom erlebte das Sommerskifahren aber erst Ende der 1960er Jahre. Renommierte Skistationen wie Courmayeur, Val d’Isère, St. Moritz, Zermatt oder Crans-Montana erschlossen ihre Gletscher, denn die bürgten für Schneesicherheit. Sommerskifahren versprach außerdem, ein großes Manko des Wintersports im Wettbewerb mit den immer populärer werdenden Badezielen im sonnigen Süden vergessen zu machen: die Kälte. Dementsprechend prangten auf den Prospekten Bilder von nur mit Skistiefeln und Bikini bekleideten Schönheiten, was auch für das weniger kältesensible männliche Geschlecht eine Verheißung darstellte. Als „Snow Beach“ bewarb Zermatt folgerichtig sein Sommerskigebiet.

Vom exklusiven Vergnügen zum Massenphänomen

In den 1970er Jahren begünstigten milde Winter mit schlechten Schnee-verhältnissen, denen kühle Sommer ergiebigen Neuschneefällen im Hochgebirge folgten, die Entwicklung.

Rudi Carell konnte mit „Wann wird’s mal wieder richtig Sommer“ nicht umsonst in dem Jahr einen Hit landen, in dem mit fünf Arealen so viele neue Sommerskigebiete eröffneten, wie in keinem anderen: 1975. Experten schätzten die Zahl der deutschen Sommerskisportler auf 500.000 und die Skikurs-Woche im Juli gehörte „genau so selbstverständlich in den Ferienkatalog wie der Wedelurlaub in der Zwischensaison“, wie „Die Zeit“ damals schrieb. Der Andrang war so groß, dass einige Gebiete die Massen an schönen Sommerwochenenden nur „mit Müh’ und Not“ bewältigen konnten, allein am Stilfserjoch beschäftigten die Skischulen 250 Skilehrer.

Diesem Massengeschäft konnte man in der Logik der Bergbahner nur mit Kapazitätsausbau begegnen. Die etablierten Gebiete bauten ihr Angebot aus, Zermatt erschloss 1979 das oberhalb des Plateau Rosa gelegene, 3.800 m hohe Breithorn Plateau. Im Stubaital kam fast jährlich ein neuer Lift hinzu und Sölden weihte 1981 mit dem Tiefenbachferner gleich ein komplettes zweites Sommerskigebiet ein. Noch in den Siebzigern gingen Saas Fee mit einem überschaubaren aber sportlichen Pistenangebot am Egginerjoch, Laax mit den überbreiten Hängen auf dem Vorabgletscher und La Plagne als letzte der ganz großen französischen Skistationen mit dem Glacier de Bellecôte gletschermäßig an den Start.

Im folgenden Jahrzehnt gab es nur noch wenige und qualitativ meist mangelhafte Neuzugänge. Schlecht war zudem, dass weiße Wochen im Sommer zu diesem Zeitpunkt längst aus den Katalogen der Reiseveranstalter verschwunden waren, denn Badeurlaube und Fernreisen waren massenkompatibel geworden.

Das Ende der Kleinen Eiszeit

Und es gab noch einen zweiten Grund: Während Gletscherforscher für den Zeitraum von 1960 bis 1980 von einer „kleinen Eiszeit“ sprechen, setzte mit dem extrem heißen Sommer 1983 der Trend zu niederschlagsärmeren Wintern und vor allem heißeren, trockeneren Sommern ein. Den Sommerskigebieten entzieht das die Grundlage. Ist der das Sonnenlicht gut reflektierende Schnee erst mal weg, taut das dunkle Gletschereis mit bis zu 10 cm am Tag. Wird den Felsen wegen der Schmelze der Druck des aufliegenden Eises genommen und nagt die Sonne dann ungehindert den Permafrost an, bröselt schwarzgraues Geröll auf den Gletscher und beschleunigt dessen Schmelze weiter. Wo man früher 365 Tage im Jahr Skifahren konnte, ist heute vielerorts schon im Juni Schluss mit Schnee. Manche Gletscher, wie der Glacier de Sarenne oberhalb von Alpe d’Huez oder der Glacier de Peclet in Val Thorens sind richtiggehend zusammengebrochen.

Viele Sommerskigebiete mussten ihre Saison verkürzen oder den Sommerskibetrieb auch ganz aufgeben, wie La Plagne, Val Thorens oder Laax. Besonders schwierig stellte sich die Situation für ursprünglich als reine Sommerskigebiete konzipierte Areale dar. Um die Investitionen nicht abschreiben zu müssen, mussten sie die Gletscher auch im Winter zugänglich machen. Die Söldener bauten 1998 ihr Golden Gate to the Glacier, eine Gondelbahn, die das Winterskigebiet mit dem ettenbachferner verband, der Mölltaler Gletscher erhielt durch eine über vier Kilometer lange Stollenbahn eine wintersichere Zufahrt. Reinen Sommerbetrieb gibt es heute nur noch am Stilfserjoch. Die schwindenden Eismassen bringen auch Probleme im Winterbetrieb. Statt über sanfte Gletschergefilde führen Lifttrassen plötzlich über Felsstufen, auf Eis gegründete Stützen verlieren ihr Fundament und zwischen Bergstationen und abgesenkten Firnfeldern bilden sich prekäre Steilhänge. An solchen Stellen legen viele Skigebiete inzwischen alljährlich Folien oder Vliesmatten aus, die das Sonnenlicht ebenso gut reflektieren, wie die nicht mehr vorhandene Schneedecke und das Abtauen des darunter liegenden Eises bremsen sollen.

Rennläufer statt Touristen

Das Klima hat sich seit den 80ern noch in anderer Hinsicht gewandelt. Damals trugen selbst Skirennläufer keine Helme. Der Spiegel konnte von „barbusigen Skisternchen“ schreiben, ohne von Gleichstellungsbeauftragten dafür gerügt zu werden, die Bikiniträgerinnen scherten sich kein bisschen um die Gefahren extremer UV-Strahlung, in europäischen Parlamenten saßen noch keine grünen Parteien, und es wurde noch nicht für jeden Pups vorgerechnet, wie viel CO2 dabei entsteht. In diesen sorglosen Zeiten erlebte der Sommerskisport seine Blüte. Mit dem wachsenden Umweltbewusstsein verlor er für die Kunden aber seinen Prestige- und für die Anbieter seinen Imagewert. Als man dann bei den Kunden eher mit einer beschneiten Talabfahrt als mit einem schmelzenden Gletscher punkten konnte, taten sich immer mehr Orte leicht damit, den wegen der hohen Betriebskosten meist ohnehin nie besonders lukrativen Sommerbetrieb einzustellen.

Auf den verbliebenen Gletschern sieht man heute keine Bikinis mehr. Ob an der Gefrorenen Wand in Hintertux, am Stilfserjoch oder auf dem Plateau Rosa: Das Bild dominieren die eng anliegenden Anzüge von Skirenn-sportlern, die hier ihr sommerliches Schneetraining absolvieren und weite Hosen mit Schritt unterhalb der Kniekehle, in denen zumeist männliche Snowboarder stecken, denen ganz egal ist, wann sie ihre Tricks perfektionieren. „Noch Anfang der Neunziger haben wir im August keine Rennteams zugelassen, da die Nachfrage durch die Touristen so groß war. Snowboard spielte kaum eine Rolle. Inzwischen würde sich der Sommerbetrieb ohne Boarder und Skiteams gar nicht mehr rechnen“, so Christen Baumann, Chef der Zermatter Bergbahnen.

Für die schwindende Popularität des Skifahrens im Sommer hat er noch einen anderen Grund ausgemacht. „Die Winter sind besser geworden!“ Den Frust, zwischen Dezember und April auf einer Mischung aus Gras, Erde, Steinen und Schneeresten Ski gefahren zu sein, und das daraus resultierende Bedürfnis, beim Sommerskifahren den Komfort zu genießen, eine solide, belagschonende Unterlage aus mehr als 100 m Schnee und Eis unter den Laufflächen zu haben, gibt es dank der inzwischen massenhaften Verbreitung von Beschneiungsanlagen nicht mehr. Perfekte Pistenbedingungen von Weihnachten bis Ostern sind heute überall quasi garantiert. Winterliche Wartezeiten an den Liften, früher nervenaufreibende Realität, gehören ebenfalls der Vergangenheit an. Heute kriegen die Leute im Winter ihre Dosis Schnee und Skifahren, ab Ostern sind sie einfach satt.

Sonnenbrand im Sommersulz, das will sich heute außer Rennläufern und Freaks einfach kaum noch jemand antun. Ganz ohne Zukunft ist das Thema Sommerskifahren aber nicht. Seit ein, zwei Jahren beobachten die Zermatter eine neue Klientel auf den Gletscherpisten: Menschen, die Abkühlung von der Gluthitze der Städte suchen. Es ist ein Trend zurück zu den Ursprüngen, denn mit der „Sommerfrische“ hatte der Tourismus in den Alpen einst begonnen. <<<

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