Hütten Talk

Die Lüge mit der Länge

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© Andreas Saldavs / shutterstock.com

von Jupp Suttner

Theo ist ein Typ, der gelegentlich – heimlich – in die favoritisierte Frauenzeitschrift seiner Liebsten guckt. „Und wisst ihr, was ich da gelesen habe?“ Wir saßen auf der Skihütte und lenkten unsere Blicke aus den Rotweingläsern, in die wir ziemlich schweigend gestarrt hatten, auf Theo. „Dass nirgends so heftig gelogen wird wie in der Liebe und beim Sex!“ Tatsächlich? Theo nickte.

Georg hingegen schüttelte heftig den Kopf: „Ich kenne jemand, der noch stärker schwindelt!“ Da seien die pikanten Details des zwischenmenschlichen Zusammenseins geradezu Manifeste der Wahrheit! Gegen die pikanten Daten der Fremdenverkehrsämter. Dann zählte er auf: „Im Frühjahr dichten sie gerne ein paar Zentimeter dazu – was die Schneehöhe ihrer restlichen, sonnengeschmolzenen Alpin-Pisten betrifft.“

„Im Sommer geben sie gerne ein paar Grad Celsius mehr an, wenn es um die Temperaturen ihrer Badeseen geht.“

Und im Herbst, wenn die Aktualisierung der Websites für den Winter anstehe, würden aus Notfall-Lügen (wie im Frühjahr und Sommer) faustdicke Echt-Lügen. Und zwar stets dann, wenn es um die Kilometer-Angaben der Pisten und Langlauf-Loipen gehe:

„Wer zu wenig davon hat, rechnet bei den Abfahrten einfach noch die Breite dazu. Oder die Umfahrungen. Denn Ziehwege sind lang. Und bei den Langläufern ist es noch schlimmer – da addieren manche einfach noch den Rückweg hinzu!“ So würden aus 20 mickrigen Kilometern im Nu gleich 40 – was schon wesentlich bedeutender klinge. Und sei daneben noch eine Skating-Spur planiert – so erhöhten sich die 40 eben auf 80 km. 80 – wow! Hört sich doch schon echt klasse an.

Der Grund für die Dreistigkeit mancher schwarzer Schafe des Tourismusgewerbes (erfreulicherweise sind ja nicht alle so) liege schlichtweg daran, erklärte uns der Georg, dass in diesem Metier gelte: Je höher die Schneeunterlage, je wärmer der See, je länger die Pisten – desto attraktiver empfinde der Kunde die Region. Und desto eher buche er.

Geradezu auf verlorenem Posten hingegen: Die kleinen Ehrlichen. „Und darum lieben wir diese Winzlinge so!“, tönte Theo, als wolle er aus der Ferne jene kleinen, feinen Nicht-Angeber-Ski-Orte trösten. Wir nickten pflichtschuldigst. Denn Underdogs zu lieben – war politisch absolut korrekt.

Aber jeder von uns wusste, wie es mit Liebeserklärungen so ist. Und dachte insgeheim an die Wahrheit – welche Theos Frauenzeitschrift verkündet hatte. Und Medien dieser Art – lügen bekanntlich nie.

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