Aksel Lund Svindal: „Die Erwartungen in Deutschland sind zu groß

Die Bilanz ist beeindruckend: Zu Buche stehen ein kompletter Medaillensatz bei Olympischen Spielen, zwei Siege im Gesamt-Weltcup, vier Weltmeister-titel, insgesamt 15 Weltcup-Siege.

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Aksel Lund Svindal ist im Alter von 28 Jahren schon einer der erfolgreichsten alpinen Rennläufer aller Zeiten, knüpft damit an die Tradition von norwegischen Ski-Legenden wie Kjetil Andre Aamodt oder Lasse Kjus an. Selbst Horrorstürze wie 2007 in Beaver Creek konnten den Hünen nur kurzfristig aus der Erfolgsspur werfen:

Am „Golden Eagle Jump“ geriet Svindal in Rücklage, schlug nach 60 Metern wie ein Stein im Flachstück auf und trug Knochenbrüche im Gesicht sowie tiefe Schnittwunden am Gesäß davon – die Saison war für den Favoriten auf den Gesamt-Weltcup beendet. Im folgenden Jahr bezwang Svindal den Sprung fehlerlos, gewann das Rennen und später die große Kristallkugel.

Der Skandinavier ist mit einem kleinen Team unterwegs, schließt sich beim Training schon mal größeren Mannschaften wie den Österreichern an. In der vergangenen Saison landete Svindal im Gesamt-Weltcup auf Rang vier – Durchschnitt für seine Ansprüche. Dafür gewann er bei der WM in Garmisch-Partenkirchen die Super-Kombi. Dort fehlte allerdings Svindals derzeitige Nemesis, der kroatische Topfavorit Ivica Kostelic. SkiMagazin-Autor Tim Tolsdorff traf den sympathischen Norweger, der bestes Deutsch mit österreichischem Akzent beherrscht, bei den norwegischen Landesmeisterschaften im Skiort Trysil. Im Exklusiv-Interview spricht Svindal über Stürze, seine härtesten Konkurrenten, die deutschen Fahrer und seine Ziele für die kommende Saison.

Text Tim Tolsdorff Bild Tolsdorff, Head Illustration Jasmin Siddiqui

Ein Rennen wie die norwegischen Meisterschaften am Ende der Saison, ist das für Sie Spaß oder voller Wettbewerb? Es ist eine Mischung aus beidem. Unsere Weltcup-Saison ist sehr lang, da ist man am Ende ein bisserl müde. Aber jetzt ist die einzige Möglichkeit für jene Fahrer, die nicht im Welt- oder Europacup starten, gegen uns zu fahren. Denen möchte man einen guten Wettbewerb liefern. Außerdem trifft man Leute, die man im ganzen Jahr nicht mehr gesehen hat.

In der vergangenen Saison wurden Sie Vierter im Gesamt-Weltcup. Wie zufrieden sind Sie mit diesem Ergebnis? Ich bin nicht zufrieden. Im Weltcup lief es teilweise sehr gut, teilweise aber überhaupt nicht. Ivica Kostelic hat mir im Januar fast 1.000 Punkte abgenommen, so etwas macht er vielleicht einmal in seiner Karriere. Da war es schwierig, mitzuhalten. Ich ärgere mich, weil mein Potenzial viel größer ist als das, was ich herausgeholt habe.

Hat der Weltmeistertitel in Garmisch dafür entschädigt, dass es für die große Kristallkugel nicht reichte? Ja, die WM war richtig gut. Ich gewann einmal Gold, kämpfte zudem in Abfahrt sowie Super G um die Medaillen und wurde letztlich Vierter und Fünfter.

Es lag ja in der letzten Saison nicht an Verletzungen. Was hat nicht

gepasst? Es hat bei bestimmten Bedingungen nicht gepasst. Ich war sehr schnell, wenn es richtig eisig war – oder richtig warm, mit nassem Schnee. Bei skandinavischen Winterbedingungen hingegen, auf griffigem, trockenem Schnee, wo ich früher sehr schnell war, lief es nicht gut. Vielleicht kam das daher, dass ich viel auf Eis gearbeitet hatte, wo zuvor meine Defizite lagen. Da habe ich anscheinend so viel gemacht, dass ich das andere ein wenig verloren habe. In der kommenden Saison läuft es hoffentlich auf allen Schneearten perfekt.

Was machen Sie nach dem Ende der Wettkampfsaison? Gehen Sie auch zum Vergnügen Skifahren oder zieht es Sie eher zum Relaxen in die Sonne? Solange noch Schnee liegt, gehe ich Skifahren, denn in diesem Bereich habe ich Sachen zu erledigen, etwa Materialtests. Wenn ich in den Urlaub aufbreche, dann steht anderes auf dem Programm. Meine Füße stecken vielleicht neun Monate im Jahr in den Skischuhen, da braucht der Körper schon ein wenig Hitze und warmen Sand.

Was sind Ihre Ziele für die nächste Saison? Mein Ziel ist der Sieg im

Gesamt-Weltcup. In der vergangenen Saison war ja recht früh klar, dass ich die große Kugel nicht mehr gewinnen kann, weil Kostelic so weit voraus war. Es ist wichtig, bis zum Schluss im Kampf dabei zu sein. Zum Gewinnen muss man brutal gut fahren. Deshalb lautet das Ziel, gegen Ende der Saison unter den drei, vier Besten zu sein. Für den Gesamtsieg muss man auch ein bisschen Glück haben, deshalb setze ich mir zunächst Ziele, deren Erreichen ich selbst kontrollieren kann. Vor einer Meisterschaft ist es nie mein Ziel, Gold zu gewinnen. Ich will als Favorit bis kurz vor Ende mitmischen. Beim Weltcup spielen viele kleine und unübersichtliche Faktoren eine Rolle.

Kommen wir zu den Konkurrenten: Ivica Kostelic ist drei Jahre älter als Sie selbst, Bode Miller feiert im Oktober seinen 34. Geburtstag,

Didier Cuche ist gar noch zwei Jahre älter. Was glauben Sie, mit wem müssen Sie sich in den nächsten Jahren im Kampf um die große Kugel herumschlagen? Kostelic ist Jahrgang 1979 und wird sicher noch einige Zeit dabei sein. Zu nennen ist in jedem Fall Carlo Janka, der fährt noch lange, und auch der Österreicher Romed Baumann wird aus meiner Sicht immer stärker. Es kommen immer neue gute Fahrer nach. Man darf nicht denken, dass einige starke Fahrer altersbedingt ausscheiden und man dann locker gewinnen kann.

Wer ist der talentierteste der Konkurrenten, wer hat das beste Skigefühl? Gute Frage. Ich denke, dort liegt Bode weit vorne. Er ist über die Jahre in Disziplinen stark geworden, in denen er früher weniger gut war – obwohl das Niveau höher geworden ist. Janka ist auch ein sehr guter Skifahrer, Hirscher fährt einen extremen Stil. Definitiv ist auch Didier Cuche zu nennen. Wie der in Kitzbühel die Streif gefahren ist – das ist aus meiner Sicht das höchste Niveau, was es gibt. Jeder Fahrer hat aber verschiedene Komponenten.

Wer ist der disziplinierteste Fahrer? Bode ist sicher nicht so dizipliniert. Aus meiner Sicht ist Kostelic der disziplinierteste Fahrer. Der trainiert wie der Teufel, absolviert ein hohes Pensum. Das sehe ich mit eigenen Augen.

Konnten Sie es verstehen, dass er als Top-Favorit bei der WM in Garmisch vor der Super-Kombi abgereist ist? Ich glaube, sein Körper ist immer voll am Limit. Über die letzten Jahre hatte er verschiedene Verletzungen, etwa am Rücken, bei denen es immer ein oder zwei Wochen dauerte, bis er wieder in Form war. In diesem Jahr hat er die Signale ernst genommen und erkannt, dass es zu viel war. Deshalb hat er gesagt: Ich mache hier und jetzt Pause, weil der Gesamt-Weltcup wichtiger ist. Das konnte ich verstehen.

In der vergangenen Saison gab es mehrere schlimme Stürze. Danach entbrannte eine Diskussion um die Sicherheit. Sie haben selber schwere Stürze gehabt. Versuchen Sie seitdem, das Risiko einzudämmen, oder kann man sich das als Rennläufer gar nicht erlauben? Man muss sich entscheiden, wann es wichtig oder weniger wichtig ist. So gut in Form wie vor meinen Sturz 2007 war ich noch nie, und so schnell bin ich auch nie wieder gefahren. Jeder Hang, den ich mir damals angeschaut habe, sah einfach aus. In Beaver Creek war ich überlegen der Schnellste – bis ich stürzte. Wenn man so gut in Form ist, dann muss man vielleicht ein wenig dosieren. Das gilt sowohl auf einem Kurs als auch im Verhältnis von Trainingslauf zu Rennen. Bis jetzt war ich aber nie mehr so gut drauf, dass ich mir zu viel dosieren erlauben konnte.

Das heißt, es hat bei Ihnen bislang nicht mehr so gepasst wie vor dem Sturz? Mal im Riesenslalom, mal im Super G, aber nie über das gesamte Spektrum.

Kjetil Andre Aamodt, Lasse Kjus und seit einigen Jahren Aksel Lund Svindal: Der norwegische Skiverband hat immer sehr gute Allrounder in den Weltcup geschickt. Damals wurde immer wieder darüber gemunkelt, dass auch sehr ungewöhnliche Trainingsmethoden zum Erfolg beitrugen, wie etwa das Skifahren im offenen Gelände. Was ist das Geheimnis, trainieren die Norweger anders? Für mich waren Aamodt und Kjus zwei meiner größten Idole. Deshalb bin ich stets alle Disziplinen gefahren, habe nie auf etwas verzichtet. Als ich jung war, lieferte ich zwar meine besten Resultate im Riesenslalom und im Super G ab, fuhr aber auch den Slalom. Im Europacup habe ich dann auch einen Slalom gewonnen. Nach der Verletzung 2007 musste ich fast bei Null anfangen. Da habe ich gemerkt, dass es mir wichtiger ist, in Abfahrt, Super G und Riesenslalom auf einem Niveau zu fahren, wo ich gewinnen kann.

Betrachten Sie den Riesenslalom als Sprungbrett zu den schnellen Disziplinen und zum Slalom? Das ist er in der Tat. Allerdings ist der Slalom mit der Entwicklung bei den Carving-Ski so extrem geworden, dass er sich von den anderen Disziplinen entfernt hat. Es ist nicht mehr so einfach, dort mitzuhalten. Du siehst fast niemanden mehr, der überall gewinnen kann. Kostelic war in der vergangenen Saison der Einzige, er ist alles überlegen gut gefahren. Hoffentlich war das eine Ausnahmesaison, sonst wird es extrem schwierig, gegen ihn zu anzutreten.

In Deutschland gibt es bei den Herren einige Speed-Fahrer, die in letzter Zeit auf sich aufmerksam gemacht haben, dazu kommt Felix Neureuther in den technischen Disziplinen. Uns fehlt jedoch ein Allround-Skifahrer. Haben Sie einen Tipp für die deutschen Herren, was sie besser machen können? Felix ist ein großes Talent, auch Dopfer schaut für mich sehr gut aus. Es scheinen jetzt mehr gute Fahrer nachzukommen. Die Erwartungen in Deutschland sind immer groß, vielleicht zu groß. Für mich persönlich bedeutet es mehr, in einer Disziplin zu gewinnen, als in vielen Disziplinen irgendwo im Mittelfeld zu landen. Auch in Norwegen ist der Druck groß, aber ich bin fast nie dort. Die Rennen finden ja fast alle in Mitteleuropa statt. Vielleicht sollte man den deutschen Fahrern mehr Zeit lassen. Wenn man sie in der einen Disziplin aufgebaut hat, sollte man ihnen in der nächsten etwas Geduld entgegenbringen. Selbst im österreichischen Team gibt es wenige Allrounder.

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