Bene Mayr: Es macht Spaß, die Grenzen hinauszuschieben!

Bene Mayr ist Deutschlands erfolgreichster Ski-Freestyler. Doch ihn auf Park und Kicker zu reduzieren wird dem Münchner nicht ­gerecht – seine Zukunft liegt in den steilsten Hängen der Welt

neuer_name

© Red Bull Mediahouse

Interview: Florian Tausch

SkiMAGAZIN: Zu Beginn Ihrer ­Karriere waren Sie Buckelpisten-­Fahrer. Wie sind Sie dann ausgerechnet in der Freestyle-Szene gelandet?

Bene Mayr: Als Kind war ich im Ski-club und bin auch Rennen gefahren, erst im Zillertal, im gleichen Club, in dem auch Stephan Eberharter war, später in Lenggries. Aber es hat mir immer mehr Spaß gemacht, neben der Piste zu fahren und zu springen. Als ich etwa 13 Jahre alt war, hat mich der Trainer zu den Freestylern geschickt. Und Freestyle hieß damals: Buckelpiste. Dort bin ich dann auch in den Nachwuchskader gefahren. Aber das Springen war für mich das Beste. Als ich mich dann verletzt habe, habe ich mir gesagt: Lass es sein mit den ­Buckeln. Jetzt mache ich auf Skiern nur noch das, was mir Spaß macht.

Sie hatten damals einen Kreuzbandriss. Bei dem, was Sie seitdem machen, werden die Knie aber kaum weniger beansprucht. Stimmt, das nimmt sich nicht viel. Ich hatte mittlerweile auch schon fünf Knie-OPs – Kreuzband, Meniskus, Knorpelschaden, das volle Programm. Nach der letzten OP war es auch ziemlich heikel, die Ärzte haben gesagt, dass ich mit dem Skifahren aufhören müsse. Aber ich hatte sehr gute Trainer, konnte die Muskeln wieder aufbauen und muss die nun jeden Tag intensiv trainieren. So geht das ganz gut.

Sind Sie im Nachhinein vielleicht sogar dankbar über die erste Verletzung? Das hat Ihren weiteren Werdegang ja entscheidend beeinflusst. Definitiv, das kann man so sagen. Zuerst denkt man natürlich, die Welt bricht zusammen. Aber mittlerweile bin ich dankbar, denn sonst wäre ich vielleicht nicht beim Freeski gelandet.

Da fahren Sie allerdings bei relativ wenigen FIS-Veranstaltungen mit. Nicht mehr! Ich wollte ja bei den Olympischen Spielen (2014 in Sotschi, Anm. d. Red.) teilnehmen, da musste ich zur Quali dann FIS-Wettkämpfe fahren. Letzte Saison habe ich das auch noch mitgemacht, weil ja Weltmeisterschaft war. Dem habe ich jetzt aber komplett den Rücken zugekehrt, denn ich will gerne etwas anderes ­machen. Die FIS-Geschichten sind ­reines Parkfahren, das ist sehr reglementiert. Ich möchte einfach „free­skien“ und im Gelände genauso fahren wie auf der Piste oder sonst wo.

Interessieren Sie Contests dann gar nicht mehr? Steht nur noch Filmen im Vordergrund? Nein, Contests sind cool, und es macht Mega-Spaß, sich da zu messen und die eigenen Grenzen hinauszuschieben. Genau das Gleiche macht man auch beim Filmen, aber da ist man halt flexibler. Denn beim Contest muss natürlich alles auf den Punkt passen.

Wenn man sich die Contests ansieht, hat man das Gefühl, dass es wesentlich entspannter zugeht als beispielsweise im alpinen Weltcup, wo sich die Fahrer offensichtlich ärgern, wenn sie ein paar Hundertstel zurückliegen. Wird in der Freestyle-Szene dem Wettkampf-Aspekt nicht ganz so viel Bedeutung beigemessen wie bei den Rennfahrern? Doch, mittlerweile schon. Früher war es definitiv so, dass alles viel entspannter zuging. Aber heutzutage ärgern die sich schon. (lacht)

Inwiefern hat sich die Freestyle-­Szene in den letzten zehn Jahren noch verändert? Es ist alles viel ernster geworden. Früher waren wir ein Haufen Jungs, die zusammen zum Skifahren gegangen und Contests gefahren sind. Wir haben uns gegenseitig gecoacht und Tricks beigebracht. Heutzutage reist jeder mit seinem Team an, jeder hat einen eigenen Physiotherapeuten, und die Leute hängen auch nur noch mit ihren Teams ab. Es ist heute viel mehr professionalisiert und eher wie im alpinen Rennsport als im ursprünglichen Gedanken des Freeskis.

Da schwingt etwas Wehmut mit! (lacht) Ich bin froh, die guten Zeiten noch mitgemacht zu haben.

neuer_name

© Red Bull Mediahouse

Wenn es schon so professionalisiert ist, drängt sich die Frage auf: Wo liegt Deutschland beim Freeski im internationalen Vergleich? Die Deutschen liegen relativ weit hinten. Es gibt sehr gute Leute, die sich einbringen, es ist Nachwuchs da, aber die Förderung ist nicht so wie in vielen anderen Ländern. In der Schweiz gibt es beispielsweise seit vielen Jahren ein Freeski- und Snowboard-Programm, und darum sind die in der Weltspitze. Gleiches gilt für Norwegen, Schweden, die USA und Kanada.

Passen denn Freeski und Verbandswesen überhaupt zusammen? Klar, das ist immer eine Kompromissfrage – auch wegen der neuen olympischen Sportarten. Aber ich muss sagen, der DSV stellt sich dafür in Deutschland sehr gut an und bricht sogar die eigenen Strukturen auf, um Freeskiing mehr Freiraum zu geben. Aber wir haben natürlich auch sehr gute Athleten, vor allem bei den Mädels. Ich glaube, das ist auch ein Grund, warum der Verband da mehr reingeht.

Sehen Sie Chancen, dass sich hier Ähnliches wie in den von Ihnen ­genannten Ländern entwickelt? Ja, es gibt Ansätze. Ich hoffe einfach, dass das funktioniert und man vor allem die Kids damit anspricht. Es ist wichtig, dass die den Spaß am Ski­fahren nicht verlieren.

Dafür engagieren Sie sich auch mit Ihrem „Kids in the Streets“-Projekt. Richtig. Ich konnte in München nie Ski fahren. Immer mussten meine Eltern mich irgendwo hinbringen. Und so kamen wir auf die Idee für das Event: Die Kids können einfach in die S-Bahn steigen und in München in der Stadt Ski fahren. Sie müssen die Kicker nicht mal selbst aufbauen. Sie kommen einfach an, werden versorgt und können loslegen. Das war letztes Jahr sehr erfolgreich, und in diesem Jahr werden wir das wieder machen.

Wie sieht für Sie die Saisonvorbereitung aus? Saisonvorbereitung, das heißt für mich viel Fitness-Studio, viel Ausdauer und viel Koordinationstraining. Mein Körper hat schon viel mitgemacht, ich hatte häufig Verletzungen, und da muss ich schauen, dass er in einem perfekten Zustand ist.

Machen Sie auch im mentalen Bereich besonderes Training? Als ich mich auf die Olympischen Spiele vorbereitet habe, habe ich drei Jahre lang intensiv mit Mentaltrainern zusammengearbeitet, Leute aus verschiedenen Bereichen und mit verschiedenen Ansätzen. Das ging von Atemtechnik über Visualisierungen bis hin zu sogenannten Tools, die man in bestimmten Situationen anwenden kann. Zum Beispiel habe ich Methoden gelernt, um Schmerz auszublenden oder um sich nicht ablenken zu lassen, wenn sich der Start verzögert. Dabei habe ich sehr, sehr viel gelernt, was ich auch heute noch anwenden kann.

Woher holen Sie sich Inspirationen für neue Tricks? Schauen Sie auch auf andere Sportarten? Ja, definitiv. Ich bin ein echter Sport- und Extremsport-Fan und schau mir immer an, was andere machen. Dann überlege ich mir, wie das auch auf Skiern funktionieren könnte. Die Idee entwickelt sich erst einmal im Kopf, und wenn man sicher ist, dass es funktioniert, setzt man es auch um. Früher habe ich noch mit Trampolin und Wasserschanze gearbeitet, aber das mache ich heute nicht mehr. Denn irgendwann hat man einen Punkt erreicht, an dem man die Basics alle kann.

Gibt es auch Zeiten, in denen Sie länger nicht auf den Brettern stehen – oder fahren Sie im Sommer auf die Südhalbkugel? In den letzten Saisons war ich immer im Sommer in Neuseeland, doch diesmal bleibe ich hier. Ich werde vielleicht nach Saas Fee oder Zermatt fahren, aber nicht mehr nach Übersee. Das ist das erste Mal, aber es tut auch mal ganz gut. Ich fahre jetzt seit zehn Jahren Freeski, davon acht Winter als Profi. Das ist toll, ich möchte das gegen nichts in der Welt eintauschen, aber es ist auch immer mal wieder wichtig, im ­Sommer einen gewissen Tapetenwechsel zu haben, gerade jetzt nach Olympia und der WM.

neuer_name
Man muss einfach akzeptieren, dass das eine Risikosportart ist und immer was passieren kann
© Red Bull Mediahouse

Wir hatten Ihre Verletzungen ja schon angesprochen. So etwas kann natürlich immer wieder passieren – und im schlimmsten Fall die Karriere sogar beenden. Wie gehen Sie mit diesem Risiko um? Ich hatte wirklich viele Verletzungen, nicht nur die Knie-OPs. Das reicht von ausgeschlagenen Zähnen bis hin zum gebrochenen Rücken. Man muss einfach akzeptieren, dass das eine ­Risikosportart ist und dass immer was passieren kann. Dieses Risiko geht man ein, wenn man weiß, dass man die Sportart machen will.

Falls Sie die Karriere wirklich beenden müssen, haben Sie für diesen Worst Case einen Plan B? Ich betreibe in München mit zwei Freunden eine Bar (Die „Schorsch Bar“ in der Georgenstraße, Anm. d. Red.), in der ich auch selbst ab und zu ­arbeite. Wir werden auch noch mehr in dieser Richtung machen, wir eröffnen zum Beispiel ein Tattoo-Studio. Solche Sachen interessieren mich einfach, und darin sehe ich auch meine Zukunft. Wenn es von einem Tag auf den anderen mit Skifahren nicht mehr geht, hätte ich auf jeden Fall ein Standbein.

Wenn es gar nichts mit dem Skifahren geworden wäre: Hätten Sie auch etwas in der Gastronomie gemacht? Nein, dann wäre ich wahrscheinlich Arzt ­geworden. Ich wollte ­früher immer Chirurg werden. Aber daraus wird jetzt wohl nichts mehr. (lacht)

Sie machen Slopestyle, Backcountry-Freestyle, Big Air und Freeskiing. Welche Variante ist Ihnen persönlich am liebsten? Das ist eine gemeine Frage, weil ich alles mag. (lacht) Aber das letzte Jahr war ich erstmals in Alaska. Das war so richtig „Big Mountain“. Das ist etwas, was ich für mich entdeckt habe und was ein ganz neues Feuer in mir entfacht hat. Ich fahre jetzt seit zehn Jahren Park. Ich weiß nicht, wie oft ich schon über den Kicker gesprungen bin – und das macht mir immer noch sauviel Spaß. Aber ich habe auch gemerkt, dass mir da inzwischen ein wenig das Feuer fehlt, auch weil mir irgendwann das Knie oder der Rücken wehtut. In ­Alaska war das jetzt etwas ganz anderes.

Worin liegt für Sie die ­besondere Faszination? Ich war einen Monat dort und bin fünf Tage lang Ski gefahren. Und das waren die intensivsten Skitage meines Lebens – sowohl vom Kopf als auch vom Körper her. Es ist wirklich unglaublich, so technisch, so steil. Und drum herum gibt es einfach nichts. Man kann sich nicht vorstellen, wie steil das ist. Wenn du oben stehst und runter-schaust, sieht man für 300, 400 Meter erst einmal gar nichts. Falls es dich schmeißt, kommst du auch erst ganz unten wieder zum Stehen. Dabei ist alles felsdurchsetzt. Man darf einfach nicht fallen! Es ist schwierig, das genau zu beschreiben. Im Park habe ich so ein Gefühl nur, wenn ich zum allerersten Mal einen schwierigen Trick springe. Und in Alaska hast du das jedes Mal, wenn du fährst.

Wie sieht es mit Ihren Film-Ambitionen aus? Sie sind ja mit Ihrem „Legs of Steel“-Projekt aktiv. Da kam gerade unser bisher größter Film raus: „The Passenger“. Dafür haben wir zwei Jahre gedreht und alles in Eigenregie produziert. Neue Projekte sind auch in der Pipeline. Manches ist noch nicht spruchreif – aber wenn es klappt, wird es großartig!

Das ist Bene Mayr

GEBOREN: 14. März 1989 in München

DISZIPLINEN: Freeski, Backcountry-Freestyle, Big Air, Slopestyle – und alles, was auf Skiern sonst noch Spaß macht

AUSZEICHNUNGEN: European Rider of the Year 2010, Freeskier des Jahres 2008, 2010 und 2012

FILMPROJEKTE: Bene hat gemeinsam mit zwei Freunden die „Legs of Steel“- Filmproduktion ­gegründet und vielbeachtete Streifen wie „Hurt So Good“ und „Lost“ produziert. Sein

Diese Artikel könnten Sie auch interessieren

Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: SkiMAGAZIN Nr. 01 / 2016

Aktuelle Beilagen und Specials

  • catalog flat
  • catalog flat