« Voriger Artikel   |   Nächster Artikel »

Fritz Dopfer: "Ich war schon komplett im Tunnel"

Wie schnell es im Skisport gehen kann, weiß Fritz Dopfer aus eigener Erfahrung. Mit großen Ambitionen startete der 29-jährige in die neue Saison, die aber nach einem Schien- und Wadenbeinbruch ein jähes Ende fand. Im Interview schildert der top-Techniker die Phase nach der Verletzung, seine Motivation beim Neuanfang und die kleinen Nuancen, die einen Weltklasse-Ahtleten im Rennsport nach vorne bringen.

neuer_name
Auf dem weg zurück - Nach seiner schweren Verletzung arbeitet Fritz Dopfer intensiv für sein Comeback in der kommenden Weltcupsaison – im Sommer möchte er wieder auf Ski stehen.

Text: Timo Böckenhüser, Fotos: Imago/Sven Simon, Getty Images, Lorenz Pietzsch

Keine Spur von Frust ist Fritz Dopfer auf der ISPO in München anzumerken, als er am Stand seines Handschuhausrüsters Ziener dem SkiMAGAZIN Rede und Antwort steht. Dabei hätte der 29-Jährige allen Grund dazu: Nach durchwachsenem Vorjahr wollte der Slalom-Vizeweltmeister von 2015 in dieser Saison wieder voll angreifen und bei den Titelkämpfen in St. Moritz um die Medaillen mitfahren. Daraus wurde nichts: Ein Trainingssturz im November beendete Dopfers Hoffnungen jäh. Schien- und Wadenbeinbruch, das Saisonaus für das Slalom-Ass.

Herr Dopfer, die wichtigste Frage natürlich direkt zu Beginn: Wie geht es Ihnen?

Danke, es geht aufwärts. Es ist bisher nach dem Sturz eigentlich alles ohne Komplikationen verlaufen, die Heilung schreitet bisher optimal voran. Der Knochen braucht aber noch ein bisschen Zeit, da es schon ein massiver Bruch war. Aber es läuft alles nach Plan.

Wie ist der Unfall genau passiert?

Es war eine Verkettung blöder Umstände. Die erste Fahrt des Tages, Linksschwung – recht unspektakulär, da ist mir der Ski weggefahren. Ich wollt ihn einfangen, einen Sturz vermeiden. Als ich nicht mehr im Gleichgewicht war, bin ich auf der Piste in eine weiche Stelle gefahren. Ski gefressen, Schuh verdreht, eine leichte Rotationsbewegung – ich habe sofort gemerkt, dass etwas kaputt ist.

Es ist Ihre erste schwere Verletzung – für einen Skirennfahrer eigentlich wirklich selten.

(lacht) Vor allem in meinem Alter!

Wie schwer war es für Sie, damit umzugehen?

Natürlich war das eine komplett neue Situation. Da war ich überhaupt nicht drauf vorbereitet. Ich war schon komplett im Tunnel, hatte mich gut auf die neue Saison vorbereitet, mir Ziele gesetzt. Die Verletzung hat mich aus diesem Prozess herausgerissen. Es gibt jetzt noch Situationen, in denen Sachen neu für mich sind, die mich wieder herausfordern. Man lernt erst jetzt richtig zu schätzen, was man all die Jahre hatte, dass man sich immer auf den Körper verlassen konnte. Das war ein großes Privileg. Jetzt ist es so, dass der Körper ansagt, was man machen kann und was nicht. Der Unterschenkel bestimmt, wie weit es geht. Wenn man alltägliche Dinge wie das Laufen und Gehen neu erlernen muss, dann wird man wieder demütiger und sagt: „Puh, ich hab die letzten Jahre extrem viel Glück gehabt!“

Wie präsent ist diese Szene noch?

Es war kein schwerer Sturz, der auch nicht dokumentiert ist. Ich kenne es also nur aus meiner Perspektive. Anfangs war es präsenter, nun aber nicht mehr so. Natürlich wird das wiederkommen, wenn ich das erste Mal wieder auf den Ski steh, aber da probiere ich, mir die vielen positiven Situationen ins Gedächtnis zu rufen, die mir der Sport gegeben hat, und nicht solche Erlebnisse die Oberhand gewinnen zu lassen. Beim Comeback wird definitiv nicht die Angst mitfahren.

neuer_name
Angriffslustig - Nach seiner schweren Verletzung will Dopfer wieder im Weltcup-Zirkus attackieren.

Sie Sind ein Techniker. Fahren Sie im Training auch die Speed-Disziplinen? Im Januar stand wieder die Streif an. Wie ist es dann für Sie, wenn sie sehen, wie die Jungs da wieder runterknallen?

(lacht) Vollkommen irre. Ich bin jemand, der nur Slalom und Riesenslalom fährt. In jüngeren Jahren bin ich schon auch Super-G und Abfahrt gefahren, aber es hat sich schnell herauskristallisiert, dass ich eher Techniker bin. Wenn man das jetzt vom Sofa verfolgt, zum Beispiel die Abfahrt von Kitzbühel, denkt man sich: Die Jungs sind ganz schön verrückt! Allergrößten Respekt vor jedem, der da rennmäßig herunterfährt.

Für Sie ist es eine besondere Situation, mit Felix neureuther in einem Team zu sein. Zwei Welt­klasse-fahrer im training – wie wichtig ist es, dass Sie sich immer wieder pushen?

Es ist extrem wichtig, dass man immer Konkurrenzkampf im Training hat. Denn nur dann kann man wirklich an sich arbeiten, seine Limits nach oben verschieben. Und das ist das, was uns auszeichnet, was die Trainer auch immer wieder fordern: Dass wir uns im Training am Limit bewegen. Es ist sehr wichtig, dass wir ein extrem leistungsorientiertes Team sind. Wenn das Training wieder vorbei ist, haben wir einen extrem guten Teamgeist. Solange wir aber auf dem Hang sind, will jeder schneller fahren als der andere, ihn schlagen. Sonst wäre man kein Leistungssportler.

Geben sie sich denn auch mal Tipps?

Man studiert natürlich, wie der andere gewisse Passagen gefahren ist und wie man selbst dort agiert hat. Das ist eben auch das Gute an einem starken Team, dass man einen unmittelbaren Vergleich hat und sich eben im direkten Gespräch austauschen kann. Felix und ich haben beispielsweise das gleiche Material,­ fahren beide Nordica-Ski. Da bist du im Team natür­­­­lich besser aufgestellt als ein Einzelkämpfer.

Sie sind jemand, der an Nuancen feilt. Wie schwer ist es, als Weltklassefahrer Feinheiten zu ändern?

Vor der Saison habe ich probiert, neue Wege zu gehen. Alles eher kleine Dinge, die ich verbessern wollte. Leider konnte ich nicht zeigen, ob sie Früchte tragen. Natürlich kannst du das Rad nicht immer neu erfinden, deshalb probiert man, über die Jahre immer neue Reize zu setzen. Ich habe gemerkt, wie schwierig es ist, den Fokus immer hochzuhalten. Letzte Saison hatte ich einen leichten Durchhänger. Das sind gewisse Dinge, die man am eigenen Leib erfährt, wenn man sich vielleicht nicht hundertprozentig auf neue Dinge fokussiert. Um Erfolg zu haben, müssen all die kleinen Puzzleteile passen, dementsprechend muss man auch Nuancen mit akribischer Arbeit verändern.

Es ist beeindruckend, mit welchem Speed es im Slalom durch die eng gesteckten Tore geht. Reagiert man da noch oder funktioniert man einfach?

Bestenfalls funktionierst du und probierst nicht bewusst, auf den Bewegungsablauf einzuwirken. Ein Schwung dauert zwei, drei Zehntelsekunden, da kannst du nicht bewusst auf irgendetwas einwirken, das muss im Training automatisiert werden. Du musst so weit sein, dass du dich hundertprozentig auf die Situation einlassen kannst – das kannst du nur mit viel Erfahrung. Und die holst du dir im Training. Deswegen ist es so wichtig, gut vorbereitet zu sein.

Hat man vorher die Ideallinie im Auge, so dass man dann für diese eine Minute in den Tunnel eintaucht?

Genau das ist die Idealvorstellung, dass man sich einfach vor dem Rennen, vor dieser einen Minute, in einen Tunnel begibt und nur mehr das wahrnimmt, was dann kommt. Keine Nebengeräusche mehr, nur die Konzentration auf den Lauf. Deswegen haben wir ja die Besichtigung – damit man sich den Lauf einprägen kann. Natürlich kommt es, wenn du den Lauf fährst, immer wieder zu anderen Situationen. Da ist es wichtig, dass du dich immer im Hier und Jetzt befindest.

Wie wichtig ist da der mentale Aspekt, gerade in puncto Selbstvertrauen?

Sehr wichtig. Im Slalom ist es mit Abstand am wichtigsten, da du Millimeterentscheidungen innerhalb von Sekunden fällen musst. Man muss vom ersten Tor an ans Limit gehen. Wenn du da mit einem großen Rucksack an Selbstvertrauen ankommst, dann weißt du, dass du das machen kannst, und dann gehen viele Dinge eben automatisch auch besser.

neuer_name
Offen & ehrlich - Im Gespräch zeigte sich der derzeit verletzte Athlet von seiner lockeren Seite.

Haben Sie einen Lieblingshang?

Ich mag besonders Kitzbühel und Schladming – die sind schon echte Klassiker vom Gelände her. Es hat ­jeder Hang seine Eigenheiten, aber mir gefällt Kitzbühel am besten. Auch Beaver Creek hat seit der WM 2015 einen sehr hohen Stellenwert für mich (lacht). Sportlich gesehen ist das eines der schönsten, wenn nicht sogar das schönste Erlebnis. Der Moment, in dem ich die Silbermedaille gewann, gehört zu denen, die mir extrem viel Kraft geben, speziell auch in der jetzigen Phase.

Wie war das, als sie realisierten, dass es eine Medaille wird?

Da schießen dir so viele Bilder durch den Kopf nach den Monaten der Ungewissheit. Als Skifahrer ist man einer, der immer auf der Suche ist, wie er sich verbessern kann, der immer wieder neue Wege probiert. Man hat stets das Resultat vor Augen und sagt sich: „So hab ich mir das vorgestellt, da hat sich alles ausgezahlt.“ Es ist eine ständige Suche im Skisport. Wenn man dann so bestätigt wird, ist das echt super.

Sie haben die Nuancen angesprochen. Wie intensiv bringen Sie sich in der Entwicklung Ihrer Ski, aber auch bei vermeintlichen Kleinigkeiten wie den Handschuhen oder dem Rennanzug ein?

Bei Ziener, meinem Handschuhausrüster, sind es extrem kurze Wege, um Feedback zu geben. Bei mir wurde etwa ein Daumenschutz in die Handschuhe integriert, weil ich beide Daumen schon gebrochen hatte. Das sind die Momente, in denen man merkt, dass der Partner sich wirklich um dich kümmert. Es ist extrem wichtig, dass das Material passt. Man muss sich komplett wohlfühlen.

Wie viele Handschuhe tragen sie im Jahr?

Gar nicht so viele. Zwei, drei Paar – maximal, weil die Qualität sehr gut ist.

Und wie viele Ski nutzen sie im Vergleich dazu?

(lacht) Schon mehr, ungefähr sieben. Wir haben die auf Lager und wenn einer kaputt geht, greift man auf den Bestand zurück.

Kommt man bei gut 150 Skitagen dazu, zu sagen: OkAY, wir gehen in der Freizeit Skifahren?

Selten. An Weihnachten ist meist die Zeit, in der ich mit der ganzen Familie Skifahren gehe. Und am Saisonende gibt’s ein paar Tage, an denen ich frei fahren kann. Sonst bin ich rein berufsmäßiger Skifahrer.

Diese Artikel könnten Sie auch interessieren

Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: SkiMAGAZIN Nr. 03 / 2017

Aktuelle Beilagen und Specials

  • catalog flat
  • catalog flat

Events

25.11 – 02.12.2017
SkiMAGAZIN - Skitestwoche in Sulden
25.11.2017
Ischgl - Ski Opening
25.11.2017
Spezial-Bootfitting-Tag - Ski Baggeroer in Sundern
26.11 – 02.12.2017
WSV - Saison Opening im Pitztal
01.12 – 03.12.2017
St. Anton/Arlberg - Ski Opening
01.12 – 03.12.2017
Schladming - Ski Opening
08.12 – 17.12.2017
Ski Welt Wilder Kaiser - Hüttengaudi zum Winterstart
14.12 – 17.12.2017
Montafon - Eröffnung Skisaison
16.12.2017
Mayrhofen - Auf und Ab bei Rise & Fall
28.12 – 29.12.2017
Lienz - Ski Weltcup der Damen
09.01.2018
Flachau - Weltcup Nachtslalom Damen
13.01 – 14.01.2018
Bad Kleinkirchen - Weltcup Abfahrt/Super G der Damen
14.01 – 21.01.2018
Kitzbühel - Weltcup Super G/Abfahrt/Slalom
23.01.2018
Schladming - Weltcup Nachtslalom Herren