Heidi Zacher: Bei uns geht es halt etwas härter zu!

Besuch in Lenggries. Heidi Zacher (24) stellt die Krücken zur Seite, lässt sich auf der Küchenbank des Elternhauses nieder und trinkt schwarzen Tee mit Zitrone – aus dem „Ski Cross Vizehaferl“:

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Interview Jupp Suttner Illustration Jasmin Siddiqui Bild Gepa Pictures/Völkl

Diese Tasse hat sie von einem Onkel verliehen bekommen, gewissermaßen als persönlichen Pokal – errungen für den zweiten Platz im Skicross-Gesamtweltcup der Saison 2010/11. Sie ist damit die erfolgreichste deutsche Skicrosserin seit Bestehen dieser jungen Sportart, die 1998 erstmals in Europa auftauchte, 2005 ihre erste WM und 2010 ihre ersten Olympischen Spiele erlebte. Die Bankkauffrau konnte ihren Vize-Titel in der Saison 2011/12 allerdings nicht verteidigen: Beim Weltcup-Rennen von St. Johann in Tirol stürzte sie am 7. Januar 2012 im Finallauf schwer und brach sich den Unterschenkel

Eine unübliche Frage, um ein Interview zu beginnen, aber in Ihrem Fall sicher angebracht: Wie geht’s?

So weit ganz gut. Es ist zwar allgemein eine blöde Situation, aber der Fuß macht Fortschritte und verkraftet habe ich es inzwischen auch einigermaßen.

Verfolgten Sie während Ihrer Reha, wie es im Skicross-Weltcup weiter ging?

Ja – auf Eurosport 2 und im Internet. Wenn die Rennen allerdings erst um 23 Uhr gezeigt wurden, dann habe ich sie aufgezeichnet. Denn der Schlaf, die Erholung und die Gesundung standen und stehen an erster Stelle.

Bittere Momente, die Konkurrenz im Fernsehen zu sehen?

Das war durchaus hart, da ich ja bis zur Verletzung vorne mit fuhr – und plötzlich gefangen auf der Couch war. Aber man fiebert natürlich mit und wenn dann die wahre Action auf dem Bildschirm ist, denkt man kaum mehr an sich selbst oder zerfließt gar vor Selbstmitleid.

Skicross ist unglaublich spektakulär – und trotzdem kaum im Bewusstsein der deutschen Öffentlichkeit. Warum nicht?

Weil wir eine junge Sportart sind. Die meisten Menschen haben erstmals bei den Olympischen Spielen 2010 in Vancouver Bilder von uns gesehen. Die Sendung Blickpunkt Sport des Bayerischen Fernsehens hat vor ein paar Monaten eine online-Umfrage gemacht, welche alpinen Ski-Disziplinen die Zuschauer am liebsten sehen würden. Skicross landete dabei mit fast 70 Prozent an erster Stelle! Aber man stößt als Normal-TV-Konsument halt eher durch Zufall auf unsere Übertragungen. Vielleicht wird es nun jedoch besser, da Audi als Sponsor des Weltcups eingestiegen ist.

Sie kennen beide Lager. Gibt es einen Unterschied beim Training außerhalb des Schnees?

Eigentlich ist das ziemlich identisch. Allerdings braucht man beim Skicross mehr Ausdauer, da wir ja drei Läufe innerhalb von 45 Minuten absolvieren müssen – und das geht ziemlich an die Substanz.

Wie holen Sie sich diese zusätzlich nötige Ausdauer?

In erster Linie durch Rennradfahren. Manchmal 60 Kilometer, wenn ich nur zwei Stunden Zeit habe. Aber am Wochenende dann schon mal über 100 Kilometer.

Und wie läuft das Schnee-Training im Skicross-Lager ab?

Wir kommen immer erst Ende August in den Schnee – und das ist schön, weil man sich dann so richtig darauf freut. Zuerst viel Technik und frei fahren, dann Riesenslalom, später eine Mischung aus Riesenslalom und Super-G und am Schluss erst Skicross-Strecken.

Wo?

In der Schweiz, auf dem Gletscher von Saas-Fee, da haben Sie immer schon was gebaut. Sonst muss man halt warten, bis genügend Schnee liegt und die Bergbahnen sich bereit erklären, einen Kurs zu kreieren.

Hintertux, Kaunertal, Mölltal – die haben die offensten Ohren für unsere Bedürfnisse.

Als Dorado gilt ja Amerika – keine Chance, dort zu trainieren?

Dort fährt zwar der Opa mit dem Enkel über die Schanze, so dass man sich nicht zu wundern braucht, dass die so gut sind. Doch das geschieht erst im Winter. Im Herbst haben die auch noch nichts – sonst würden nicht die Kanadier zur Saison-Vorbereitung nach Saas-Fee kommen.

Wie sieht es in Deutschland aus?

Es heißt immer, am Taubenstein im Skigebiet Spitzingsee (Oberbayern, Anm. d. Red.) solle eine permanente Skicross-Strecke geschaffen werden, die im „richtigen“ Winter dann benutzt werden könnte. Aber in der Praxis war bisher dann doch niemals eine vorhanden. So bleibt nur die Weltcup-Strecke Grasgehren im Allgäu.

Ihre Weltcup-Trainerin ist die berühmte Regina Häusl (Abfahrts-Weltcup-Gewinnerin der Saison 1999/2000) aus Schneizlreith. Fährt sie – inzwischen 38 – gelegentlich auch die Kurse? Oder rutscht sie nur nebenbei ab?

Meistens rutscht sie nur ab, aber einmal ist sie mit leuchtenden Augen ins Quartier gekommen und hat gestanden, dass sie heute Skicross gefahren sei. Sie besitzt sehr viel Erfahrung beim Kursbesichtigen und vor allem: Sie hat das Renn-Feeling.

Was ist für Sie das Faszinierendste an Skicross?

Das man zu viert gegeneinander fährt. Man steht am Start – und hört die anderen schnaufen! Dann natürlich die Taktik. Denn es klappt ja nicht immer, dass man als Erste aus dem Start rauskommt und diesen Vorsprung dann ins Ziel bringt. So muss man zum Beispiel cool bleiben, wenn eine

Konkurrentin während der Fahrt auf den Ski-Enden steht – die schmiert dann meist von selbst ab. Und ganz, ganz faszinierend natürlich: das Überholen!

Worauf kommt es dabei an?

Auf die Taktik eben: Wann kann ich überholen? Wo kann ich überholen? Wann und wo ist es hingegen sinnlos? Ich muss meine Geschwindigkeit so anlegen, dass sie passt, wenn der Überhol-Zeitpunkt da ist. Das ist anders als beim Autofahren, wo ich einfach Gas geben kann! Skicross ist nicht nur „Zack, den Ellbogen ’raus!“ – sondern man braucht auch den Kopf dazu.

Sind Sie im Leben außerhalb des Sports eine Zack-und-Ellbogen-

Taktikerin?

Tja, wenn es sein muss, muss man da schon mal die Ellbogen ausfahren – rein symbolisch gemeint natürlich. Denn wenn man – im Beruf beispielsweise – ein Ziel hat, muss man es auch verfolgen. Da sind sich Beruf und Sport sehr ähnlich.

Mit welcher Alpin-Disziplin ist Skicross am ehesten zu vergleichen?

Rein fahrtechnisch ist es eine Mischung aus Riesenslalom und Super-G – auch was das Tempo betrifft: Beim Skicross-Weltcup in Grindelwald wurde für den Sieger eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 70 km/h ermittelt, was bedeutet, dass er irgendwann während des Rennens die 100 km/h überschritten haben muss.

Was sind die drei wichtigsten Eigenschaften, die man im Skicross besitzen muss?

Erstens eine gute Skitechnik, um einen schnellen Schwung fahren zu können – damit man überhaupt die Viertelfinal-Qualifikation, die ja als Einzelrennen stattfindet, zu schaffen. Zweitens ein bisschen Mut für die Sprünge und die Geschwindigkeit. Und drittens Köpfchen für die Taktik und das Wissen, dass man manche Kurse einfach nicht Vollgas fahren kann.

Was ist Ihre persönliche Stärke?

Dass ich eine technisch gute Skifahrerin bin, also den besagten schnellen Schwung fahren kann. Denn die Masse habe ich mit meinen 59 Kilo ja nicht gerade.

Und gibt es etwas, was Sie noch an sich verbessern müssen?

Am Start kann man immer arbeiten! Denn am besten ist halt ein Start-Ziel-Sieg – da kann einem nichts passieren. Und die Sprungtechnik wäre noch ausbaufähig.

Wie weit springen Skicrosser(innen)?

In manchen Kursen nur fünf bis zehn Meter, in anderen, wie etwa Grindelwald, 30 bis 40 Meter. Aber wenn die Jumps gut angelegt sind, ist das kein Problem.

Besitzen Sie einen Lieblings-Kurs im Weltcup?

Ja – St. Johann! Dort habe ich 2011 gewonnen und dort lag ich diesen Januar bis zu meinem Verletzungs-Sturz vorne mit dabei. Bei diesem Rennen in Tirol ist mehr der Skifahrer gefragt und weniger der Gleiter-Typ. Außerdem ist es ein Nachtrennen, es herrscht also eine besondere Atmosphäre, und es kommen 5.000 bis 8.000 Zuschauer!

Wo geht es noch heiß zu im Weltcup?

In Grindelwald – da muss man sich wegen des Tempos und der Sprünge ziemlich überwinden. Und in Grasgehren im Allgäu steht immer das längste Rennen der Saison auf dem Plan – etwa 1:20 Minuten. Normal sind 60 Sekunden und in St. Johann sind es sogar nur 50. In Grasgehren hört man die Zuschauer übrigens auch durchgehend von oben bis unten!

Wie hoch ist die Prämie bei einem Weltcup-Sieg?

Das geht nach Schweizer Franken – bei mir ergaben das rund 3.000 Euro. Bar, in einem Kuvert. Die Alpinen schmunzeln meist darüber …

Welche Ski fährt man eigentlich beim Skicross?

Ganz normale Riesenslalom-Modelle, ich beispielsweise den Race Tiger von Völkl. Aber Stöckli und Fischer haben nun damit angefangen, spezielle Cross-Ski zu bauen.

Wie kommt die Szene untereinander aus?

Es ist ziemlich familiär. Man ist nur Konkurrent zwischen Start und Ziel. Und dann wieder Freund. In Übersee etwa, wo man weniger Autos zur Verfügung hat, wird man oft von den anderen vom Training heim oder zum Supermarkt mitgenommen. Oder man bekommt Material geliehen, wenn es mit dem Flugzeug nicht ankam.

Gibt es am Start so etwas wie Psycho-Krieg?

Mmmh. Nicht so ganz direkt – aber ein bisschen schon. Da gibt es zum Beispiel einen österreichischen Trainer, der immer ganz intensiv auf seine Athletin einredet, so dass wir anderen das auch immer mithören müssen. Keine Ahnung, ob das Absicht ist oder nicht. Ansonsten gibt es natürlich schon Späßchen und dass man sich gegenseitig ein bisschen hinauf schießt – aber keine Vernichtung. Man fährt das immer fair aus.

Wirklich immer?

Na ja, manchmal kommen schon Sachen vor, die nicht so fair sind. Da muss man dann einfach stärker durchgreifen und die vom Reglement her gegebene Disqualifikation durchsetzen – denn dann überlegt die betreffende Person es sich beim nächsten Mal, ob sie das wieder macht. Wir sind halt eine Disziplin, bei der man gegeneinander fährt und man muss die anderen abhängen, sonst bleibt man auf der Strecke. Bei uns geht es halt etwas härter zu.

Was war die unfairste Attacke gegen Sie?

Eigentlich gar keine. Zumindest nichts Dramatisches. Eine hat mal die Hand ausgefahren, damit ich nicht vorbei kann. Manchmal kommt auch jemand im Ziel zu einem heran und entschuldigt sich, dass dies einfach ein Reflex gewesen sei. Man lernt im Laufe der Zeit, wer was wie macht. Und außerdem weiß ja jede: Man sieht sich immer zwei Mal beim Skicross … (grinst)

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