Lasse Kjus: "Skirennen sind nicht gefährlicher als früher"

Ein Gespräch mit Ski-Legende Lasse Kjus. Lasse Kjus ist einer der erfolgreichsten alpinen Skirennläufer. Im Interview mit dem SkiMAGAZIN spricht der dreimalige Weltmeister und zweifache Gesamtweltcup-Sieger über sein ebenso erfolgreiches Leben nach dem Weltcup-Zirkus sowie die Entwicklung

Text: Timo Böckenhüser

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Top-Allrounder. 1998/99 gewann der Norweger den Abfahrts-, den Kombinations- und den Gesamtweltcup.

Der Mann ist eine lebende Ski-Legende. Insgesamt 16 Medaillen hat er bei Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften in seiner 16-­jährigen Karriere eingefahren, dazu 1995/96 und 1998/99 den Gesamtweltcup gewonnen. Bei der WM gelang ihm als bis heute einzigem Athleten das Kunststück, in allen ausgetragenen Disziplinen Edel­metall zu gewinnen. Man sieht: Der Name ­Lasse Kjus (45) steht wie nur wenige andere für Erfolg im alpinen Rennsport, zumal der 45-Jährige schon während seiner aktiven Laufbahn die Sportbekleidungsmarke Kjus gegründet hat. Heute beschäftigt das Unternehmen über 70 Mitarbeiter und vertreibt seine Produkte in über 30 Ländern. Das SkiMAGAZIN hat den sympathischen Norweger zum Interview getroffen.

Herr Kjus, viele Athleten machen sich erst kurz vor dem Ende ihrer Karriere Gedanken um die Zeit nach ihrer Laufbahn. Sie hingegen haben schon in Ihrer Primetime eine eigene Firma gegründet. Wie kam es dazu?

Tja, wie ist es dazu gekommen? Eine gute Frage! Viele Dinge passieren im ­Leben eher zufällig, und genau das war auch bei dieser Sache der Fall. Ich war schon ­immer sehr ­interessiert, Dinge zu erschaffen und kreativ zu arbeiten. Die Idee entstand 1998, 1999 aus dem puren Wunsch, etwas zu entwerfen, in Kombination mit dem ­Glauben, dass unser Konzept, das mit der Zeit immer mehr Form angenommen hat, in den Markt passen und auch dort bestehen kann. 1999 fingen wir dann an herauszuarbeiten, was genau wir sein wollten, und wir schufen quasi als Grundgerüst einen Leitfaden der Identität unserer Marke. Und dieser ist heute noch exakt der von 1999. Schon ein bisschen ­lustig, aber es zeigt auch, dass die Idee, die Didi Serena und ich damals mehr oder weniger auf dem Golfplatz entwickelt haben, nicht so schlecht gewesen sein kann!

Was war die oberste Prämisse, die sie beide bei der Entwicklung und Umsetzung ihrer ­ersten Kollektion ausgegeben haben?

Wir wollten etwas völlig Neues schaffen, da uns als Sportler gewisse Missstände an den bestehenden Produkten aufgefallen sind. Und unsere Innovationen sollten ­natürlich in Sachen Qualität und Funktionalität Maßstäbe setzen. Uns war von Anfang an klar, dass wir zum Beispiel nicht Hosen ­produzieren wollen, die die Leute nur kaufen, weil sie besonders günstig sind, sondern weil sie über Features ver­fügen, die die bislang auf dem Markt erhält­lichen Hosen nicht haben. Die besonderen Eigenschaften sollten stets das Hauptkaufargument sein. Wir wollten einzigartig und technisch hochinnovativ sein.

Das beste Beispiel ist, dass das erste ­Produkt eine völlig neuartige 2-Way-Stretch-Skihose war. Damit hat alles richtig angefangen …

(lacht) Ja, denn ich war nach all den Jahren einfach die unbequemen Skihosen leid! Es fing damit an, dass wir einen Weg finden wollten, die Bewegungsfreiheit und den Komfort von Skihosen maßgeblich zu verbessern. Denn eine Skihose muss nicht nur beim Skifahren bequem sein, sondern auch, wenn man damit auf eine Hütte oder in ein Restaurant geht. Letztendlich haben wir die perfekte Hose beim Motocross gefunden.

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Steckbrief: Lasse Kjus Geboren: 14. Januar 1971 in Siggerud, Norwegen Profi: 1990—2006 Erfolge: Olympische Spiele: 1 x Gold (1994: Kombination), 3 x Silber (1998: Kombination & Abfahrt; 2002: Abfahrt), 1 x Bronze (2002: Riesenslalom); Weltmeisterschaften: 3 x Gold (1993: Kombination; 1999: Super-G & Riesenslalom), 8 x Silber (1996: Kombination; 1997: Super-G, Abfahrt & Riesenslalom; 1999: Abfahrt, Slalom & Kombination; 2003: Kombination); Weltcup: 18 Einzelsiege, 2 x Gesamtweltcup-Sieger (95/96 & 98/99), 3 x Kombinationsweltcup-Sieger (93/94, 98/99 & 00/01), Abfahrtsweltcup-Sieger 98/99

Beim Motocross? Warum ausgerechnet dort?

Ja, denn die Fahrer waren die ersten Sportler, die elastische Stretch-Einsätze in verschiedenen Bereichen ihrer Hosen hatten, da sie sich auf den Motorrädern viel weniger in einer bestimmten Position befinden wie zum Beispiel Skiläufer. Also haben wir uns viel von ihren Hosen abgeschaut und alle Features, die ein Skifahrer auf der Piste benötigt, hinzugefügt. Man kann also sagen, dass wir nicht nur eine andere Mode schaffen wollten, sondern gut durchdachte Fashion, die über die Funktionalität von Outdoor-Produkten verfügt.

Viele WeltklasseFahrer wie Didier Cuche, Bode ­Miller oder Lara Gut gehen oder gingen mit Ihren Produkten an den Start. Wie ­wichtig war es für die Marke Kjus, so bekannte Athleten als ­Bot­schafter zu gewinnen?

Es ist natürlich immer gut, wenn inspirierende Persönlichkeiten involviert sind. Der Nutzen ist auf mehreren Ebenen enorm. Zum einen logischerweise aus Marketinggesichtspunkten, zum anderen, weil es ein klares Statement ist. Und intern ist zudem der Motivationsfaktor groß. Denn natürlich ist es auch für das Entwickler- und Designer-Team cool, mit einem Ausnahmesportler wie Didier Cuche gemeinsam neue Projekte und Ideen zu besprechen. Alle unsere Athleten sind komplett in den Entwicklungsprozess eingebunden, testen neue Produkte und geben uns Feedback. Das ist uns extrem wichtig, denn niemand kann uns bessere Anregungen geben als die besten Athleten der Welt.

Natürlich müssen und wollen wir auch über das Skifahren sprechen. Sie haben 2006 Ihren Rücktritt aus dem Weltcup-Zirkus erklärt. Sind Sie nach wie vor noch oft auf der ­Piste unterwegs und testen dabei Ihre eigenen Produkte?

(lacht) Ich habe heute nicht mehr die nötige ­Qualifikation, um zur Testcrew zu gehören! Auch in diesem Bereich bin ich eher in die Position des Beobachters an die Seitenlinie gewechselt. Nein, Scherz beiseite. Ich fahre natürlich noch Ski, aber ich bin heute ein echter Familienmensch. Ich bin Vater von drei Kindern und versuche, bei ihnen das Interesse am Skilaufen zu wecken. Meine Tochter liebt es sehr, und da liegt mein Fokus auf der Piste darauf, mit ihr mitzuhalten und sie vor all den verrückten Skifahrern, die heute leider unterwegs sind, zu beschützen.

Ist das denn wirklich nötig?

Ja, denn die Welt hat sich verändert. Zuletzt gab es in vielen Gebieten viel weniger Schnee als sonst, und infolgedessen drängen alle in einige wenige Gebiete, was leider oft zu völlig überfüllten Pisten führt. Da gibt es einfach viel weniger Platz. Vor allem zu Beginn der Saison finde ich es erschreckend und beängstigend, wie viele große, schwere Menschen mit nur wenig Können viel zu schnell über die Piste schießen, ohne auch nur annähernd die nötige Kontrolle über ihre Ski zu haben. Auch material­bedingt überschätzen sich viele heute massiv und ­schätzen ihre Geschwindigkeit nicht realistisch ein. Da kriegt man es schon ab und zu mit der Angst zu tun, wenn man mit einem kleinen Mädchen unterwegs ist.

Ist das Ihrer Meinung nach nur den heutigen Ski geschuldet, mit denen es deutlich einfacher ist, das Skifahrer zu ­lernen? Oder hat sich an der Einstellung und Selbsteinschätzung der Menschen etwas geändert?

Beides ist der Fall. Die heutigen Ski sind Hightech-­Geräte, die viel schneller zu handeln sind, aber viele ­Menschen sind auch auf der Piste gehetzt und wollen in kürzester Zeit große Ergebnisse sehen, sprich schnell fahren. Dazu ist aber auch der Schnee ein ganz anderer als noch in den 80ern oder frühen 90ern, als es noch viel weniger Kunstschnee gab. Naturschnee ist stumpfer, es dauert viel länger, ihn zu komprimieren, und dadurch ist er deutlich langsamer. Es ist viel schwerer als auf Kunstschnee, so schnell so viel Speed aufzunehmen.

Sie sind einer der erfolgreichsten Skirennläufer, wurden 1999 zu Norwegens Sportler des Jahres gewählt und mit dem Skieur d’Or ausgezeichnet. Kurzum: Sie sind eine lebende Ski-Legende. Wie kann man sich das Leben in einer Wintersportnation wie Norwegen vorstellen?

Inzwischen führe ich ein ganz normales, sehr zurückgezogenes und ruhiges Leben. Es verhält sich bei mir ähnlich wie bei Björn Daehlie, der als einer der besten Langläufer der Welt genauso in seiner aktiven Zeit in aller Munde und einer der bekanntesten Männer unseres Landes war. Er ist heute wie ich ein leidenschaftlicher Jäger. Aus diesem Grund verbringe ich einen großen Teil meiner Freizeit mit meinen Kindern in den Wäldern.

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Heimtriumph: 1994 gewann Lasse Kjus in Lillehammer seine einzige Goldmedaille bei Olympischen Spielen (Kombination).

Daehlie sagte aber auch, dass es in seiner Primetime wirklich verrückt war. Fans haben beim Versuch, ein Foto an der Ampel mit ihm zu schießen, Staus verursacht und sogar vor seinem Haus campiert. Werden Sie heute noch oft ­erkannt und um Fotos gebeten?

Ja, ich werde fast immer erkannt, wenn ich in Oslo unterwegs bin, das wird sich wohl auch nicht mehr ändern, aber es ist nicht mehr so, dass Leute mich im Auto an der Ampel fotografieren (lacht). Aber in Schweden erkennt mich zum Beispiel niemand mehr. Ich habe also nicht weit zu reisen, um in Ruhe Urlaub machen zu können!

Sie haben viele Rennen gewonnen. Hat ein so hoch dekorierter Sportler wie Sie Triumphe, die ihm besonders im Gedächtnis geblieben sind? Vielleicht die Goldmedaille im eigenen Land bei dem Olympischen Spielen 1994 in Lillehammer?

Nein, so schwer mir diese Antwort fällt! Doch als Allrounder muss ich zugeben, dass mein größter Moment die Weltmeisterschaft 1999 in Vail war. Du gibst immer alles dafür, in allen Disziplinen zu den Besten der Welt zu gehören, doch du schaffst es fast nie, zur gleichen Zeit in allen Disziplinen auf dem gleichen Top-Level zu performen, meist hast du zumindest in einem Wettkampf zu kämpfen. Bei der WM 1999 ist mir das Kunststück aber gelungen, und ich konnte im Riesenslalom und im Super-G Gold sowie in der Abfahrt, dem Slalom und der Kombination jeweils Silber gewinnen. Das war mein größter Triumph!

Wie beeindruckend die Leistung ist, zeigt die Tatsache, dass dies bei einer Alpinen Ski-WM noch keinem anderen Fahrer gelungen ist!

(lacht) Stimmt. Ich bin der einzige. Nicht schlecht, oder?!

Sie haben rund um den Globus Rennen ­bestritten. Was ist Ihre Lieblingsstrecke?

Eine gute Frage, die ich bis heute nicht beantworten kann. Ich kann nur sagen, was und wo mein Lieblingsschnee ist. Ich liebe den trockenen Schnee, den es in Nordamerika und speziell in Colorado gibt. Der wird nicht umsonst Champagne-Powder genannt! Es ist der leichteste, fluffigste Schnee, und es ist ein wahrer Genuss, dort Ski zu fahren.

Wie sieht es mit legendären Strecken wie etwa dem Hahnenkammrennen auf der Streif aus, das Sie fünfmal gewinnen konnten?

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Erfolgstyp: Der heute 45-Jährige raste insgesamt 60 Mal im Weltcup aufs Podium – die meisten seiner 18 Siege fuhr er in der Abfahrt ein (10).

Natürlich ist Kitzbühel immer etwas ganz Besonderes. Kein Abfahrtsrennen macht mehr Spaß, wobei es gleichzeitig die größte Herausforderung und von Zeit zu Zeit auch mal die angsteinflößendste Strecke des Weltcups ist (lacht). Aber die Atmosphäre und Stimmung ist sehr speziell und einmalig. Es ist ein wenig so, als würdest du dort jedes Jahr die Rennen der Olympischen Spiele bestreiten. Dementsprechend heiß bist du auch, das Rennen zu gewinnen.

Im vergangenen Jahr war die Streif mal wieder extrem furchteinflößend. Georg Streitberger, Hannes Reichelt und ihr Landsmann Aksel Lund Svindal stürzten schwer. Ist der heutige Skirennlauf, in dem die Fahrer auf der Streif mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von über 100 km/h unterwegs sind, ­gefährlicher als zu Ihren aktiven Zeiten?

Nein, das denke ich nicht. Klar, eine gewisse Sturzgefahr besteht immer, denn jeder fährt, um zu gewinnen – und damit am Limit. Aber die Sicherheitsvorkehrungen und das Equipment haben sich seit den 60er-Jahren oder auch meiner aktiven Zeit extrem weiterentwickelt. Früher gab es nur Heuballen als Begrenzung, die durchnässt hart wie Beton waren. Heute gibt es hochfunktionelle Fangzäune, und die Streckenführung ist auch eine ganz andere, ausgelegt auf Highspeed. Ich erinnere mich noch gut an meinen ersten Start in Kitzbühel und die berühmte Mausefalle. Die war extrem eng, und für die schnellste Linie musstest du so nah wie möglich am Zaun landen. Also bist du nach einem 50-Meter-Sprung maximal einen Meter neben dem Zaun gelandet. Bei meinem zweiten Start war es recht windig, und zwei amerikanische Kollegen sind auf der falschen Seite des Zauns im Wald gelandet! Heute ist die Strecke viel breiter, du hast viel mehr Platz, um sicher zu landen. Einfach alles hat sich geändert, wobei die Geschwindigkeit seit einigen Jahren konstant bleibt. Der Streckenrekord wurde ja bereits 1997 aufgestellt. Es ist eben Abfahrtslauf – Unfälle passieren.

Würden Sie Ihren Kindern erlauben, Profi-Rennläufer zu werden?

Nein, auf keinen Fall (lacht)!

Warum? Weil das Risiko zu hoch ist?

Nein, ich hoffe, dass sie nicht auf die Idee kommen, Skirennlauf zu betreiben, weil ich nicht einer dieser Väter sein möchte, die Wochenende für Wochenende quer durch Norwegen fahren, um dann frierend im Zielbereich darauf zu warten, dass das eigene Kind den Berg gut herunterkommt! Nein, Scherz beiseite. Falls diese Frage einmal aufkommen sollte, werde ich sie natürlich bestmöglich unterstützen. Warum auch nicht, es ist ja ein faszinierender Sport.

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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: SkiMAGAZIN Nr. 04 / 2016

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