Lerne lieber ungewöhnlich

Barfuß im Bewegungsstudio. Mit zugehaltenen Ohren auf der Piste.

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Was absurd klingt, sind Übungen aus zwei Skischulen, die mehr wollen als Technik zu vermitteln. Die an unsere Neanderthaler-Gene gemahnen und daran, dass der Körper sich mit dem Geist verbinden kann.

Bild Nicola Förg, Jens Lindworsky/fotostory.at, Laurent Ziegler/unstill.net Text Nicola Förg

Es mutet ein wenig seltsam an: Der Skilehrer bestellt einen in das Gemeindehaus von Au im Bregenzerwald. Er selbst ist barfuß. Und umgeben von ein paar Gymnastik-bällen, einem Flipchart und einigen weiteren Utensilien, die man nicht so recht einzuordnen weiß. Heh, man wollte doch Skifahren lernen, das ist doch jener Sport, wo man am Sammelplatz der Skischule erst mal beweisen muss, ob man in Gruppe eins oder doch schon drei passt. Wo man in eisiger Kälte wartet, wo der Skilehrer vorfährt, auf dass man den Sport begreife, der auf jenen Brettern steht, die so vielen die Winterwelt bedeuten.

Aber noch schaut es hier nicht nach Skifahren aus! Dabei ist Michael Widmer-Willam doch Skilehrer des Österreichischen Berufsskilehrerverbands und Skischuhe hätte der Barfüßige doch auch! Aber der Mann ist auch Bewegungspädagoge, Tanzschaffender und Performance-Künstler, der Bühnentanz studiert hat. „Ich unterrichte Bewegung anhand vom Skifahren“, sagt er und natürlich wäre das doch auch das erklärte Traumziel. Skifahren, so leicht, so spielerisch wie Tanz – ohne Schrittkombinationen, dafür mit umso mehr Dynamik im Spiel. Und mit allem, was zum Tanz gehört: Durchlässigkeit, Lebensfreude, Leichtigkeit – bloß irgendwie klemmt es eben. Krampf statt Tanz, man gelangt immer wieder in die vermaledeite Rücklage oder der Außenski entgleist. Viele kennen das: Sie fahren medioker Ski, sie lieben Skifahren, aber irgendwie stagniert das Können. Man würde ja auch so gerne mal im Tiefschnee tanzen – aber auch der Powder erweist sich als äußerst unkooperativ. Verschnitten, gestürzt, Schneemann …

Solche gestürzten Schneemänner sind zum Beispiel die Klientel von Michael Widmer-Willam, all’ jene, die sich verbessern wollen.

Aber auch ängstliche Wiedereinsteiger oder Rekonvaleszenten sind hier gut aufgehoben. Natürlich wissen die Leute, die zu ihm kommen, ein Stück weit, was sie erwartet. Sie hatten lange Vorgespräche mit Michael, der ungeheuer viele Fragen gestellt hat. „Kannst du deinen Ski parallel steuern? Was macht dann dein Außenski?“ wäre nur eine Frage. Die Antwort bleiben die meisten an der Stelle bereits schuldig und stehen dann in jenem Raum mit Holzparkettboden und finden sich auf einem Ball wieder. Sie winden sich ein Seil um die Hüfte und ziehen sich selbst in eine Position, die jenseits der Rücklage ist. Es geht darum, die Gelenke zu lockern und das Gleichgewicht zu stärken. „Unsere Gene stammen noch aus einer Zeit, wo man nicht unbedingt Ski gefahren ist“, lächelt Michael. „Auf das Skifahren bezogen sind es Fallen, die rutschigen Ski, die keinen Halt geben. Darauf reagiert der Körper mit natürlichen Schutzmechanismen.“ Eben, unsere Gene stammen aus einer Zeit, zu der man Angst vor Säbelzahntigern hatte. „Das sind wichtige Ressourcen, die wir haben, wenn wir uns bewegen. Das Nervensystem will uns nur vor Verletzungen schützen“, erklärt Michael und nimmt damit schon mal sehr viel Leistungsdruck aus der Gruppe. Es geht hier nicht darum, in einer Woche von Gruppe drei zu vier aufzusteigen. „Es geht in dieser Woche in erster Linie darum, die eigenen Bewegungsabläufe zu verstehen. Dazu gehört, dass ich sie spüre, sie erfahrbar mache. Einfache Bewegungsbilder helfen, neue, leichtere Bewegungsmöglichkeiten zu entdecken.“

Trockentraining mit Überraschung

Der Tag beginnt im Raum und eröffnet im Trockentraining bereits echte Aha-Erlebnisse. Das Sprunggelenk ist viel zu starr, was es alles kann, erfährt man auf bunten Bällen und Balancetellern. Gewicht loszulassen und zu führen, fließende Bewegung – all diese Erfahrungen sind auch für andere Lebensbereiche nützlich und fördern eine gesunde Bewegung. Viele der Kursteilnehmer rufen an im Sommer und berichten, dass sie nun viel besser Tennis spielen würden … Die wenigsten Menschen haben genug Körpererfahrung und es sind oft minimale Änderungen, die große Wirkung bringen – dann endlich draußen im weißen Element. Dass ein Tiefschneekurs auf der Piste beginnt, ist eben genauso wenig seltsam, wie der barfüßige Michael, denn auf der Piste schon sieht er am Oberkörper seiner Eleven, dass das Sprunggelenk mal wieder zu starr ist. Und da rotiert bei der ersten Abfahrt schon wieder die Schulter mit so viel Eigenleben zum Hang. „Das ist eigentlich eine Alarmreaktion des Körpers. Du bist zu schnell in der Kurve“, sagt Michael und packt etwas aus, was in dieser Situation beileibe nicht würdelos ist: Der gute alte Schneepflug entschleunigt, lehrt Bewegungsabläufe und Steuerungselemente.

Michael nimmt seine Gruppe auch auf Video auf, und abends endet der Tag wieder im Gemeindehaus: den Tag Revue passieren lassen, leichte Dehnungsübungen machen. Jeder Tag hat seinen festen Rhythmus. Und diese Tage sind intensiv: Von 9 bis 18 Uhr geht es um Bewegung, und es geht auch immer wieder um die Hardware. „50 Prozent der Skifahrer haben zu große oder nicht richtig sitzende Skischuhe“, sagt Michael. „Das erschwert meine Arbeit sehr, da die Bewegungsabläufe nicht optimal auf die Ski übertragen werden.“

Dass er deshalb auch noch zum Einkaufscoach avanciert, sieht er mit gemischten Gefühlen. Es scheint im Handel ein Beratungsproblem zu geben. Michaels Service ist es, mit dem Video des Kunden dann zu einem Händler zu gehen und jenen Ski zu finden, der den Tanz erleichtern wird in der Zukunft. Auch den Tanz im Tiefschnee unterlegt er mit neuem Wissen und Bewusstsein. „Wir sind alle auf rechte Winkel geeicht. Beim Ski fahren verschiebt sich der Raum um uns permanent, und der Tiefschnee entzieht einem auch noch den gewohnten festen Boden unter den Füßen.“ Auch hier geht es darum, das erst mal anzunehmen und dann neue Körperbilder einzuüben und darauf aufbauend neue, sichere Bewegungsabläufe zu entwickeln. Üben, Augen schließen, genießen!

Gesteigerte Wahrnehmung

Bei Sabrina Nussbaum-Berger soll man die Augen wirklich schließen. Sie möchte wirklich, dass man sich die Augen zuhält und dann Ski fährt! Wie bitte? Oh ja, das geht und ist sofort ein gewaltiges Erlebnis. Jede Welle, jede Veränderung des Untergrunds wird registriert. Nur logisch, dass eine weitere Übung vorsieht, sich nun mal die Ohren zuzuhalten. Die Geräusche reduzieren sich auf das Rauschen der Ski, auf die Vibration. Plötzlich ist man isoliert da am Hang. Sabrina Nussbaum-Berger lädt ein, sie bei Yoga on Snow zu begleiten. Und so wie Michael kein abgehobener Tänzer in Strumpfhosen ist, will Sabrina niemand erleuchten. Man muss auch gar nicht den großen Yogakurs belegen und „Ooom“ sagen, man muss nur Dinge zulassen, denen viele schon so weit entrückt sind. Yoga heißt nichts anderes, als „verbinden.“ Yoga verbindet Körper, Geist und Natur, und ein Kurs mit Sabrina beginnt eben nicht damit, aus dem Sessel oder der Gondel zu eilen und davonzubrausen, sondern mit Stillhalten hoch über dem Engadin. Blick ins Tal. Geräuschen nachhören. Sehen. Warten. Atmen. Der Großteil ihrer Gäste kommt aus der Welt der Rasenden, und wenn Sabrina drum bittet, das Handy auszuschalten, ist das schon die erste Übung. Wenn sie sehr ruhig sagt, dass es keinen Unterschied fürs Leben macht, ob man drei Gondeln später einsteigt, verwundert viele. „Skilehrer müssen viel mehr auf ihre Stimme achten“, meint sie und lädt ein zu einer ersten Abfahrt. Sie bittet darum, die Zehen hochzuziehen, um den Fußballen mal zu setzen. Sie bittet darum, die Zehen zu spreizen, um die Fußsohle zu entspannen. Was das alleine für die ruhige Skiführung bringt ist eine Offenbarung. Sie lässt ihre Gäste die Augen schließen, die Ohren auch, sie fragt. „Fährst du mit offenem oder geschlossenem Mund?“ Gute Frage, der Test ergibt es: viel zu oft mit offenen Mund. Eine ganze Abfahrt mal den Mund zu halten, ist faszinierend und nur durch die Nase zu atmen! Mit Sabrina lernt man, dass man im Ausatmen viel mehr Kraft hat – das alles ist einfach, gar nicht abgehoben oder esoterisch. Es zentriert und es führt vor allem dazu, dass das Skifahren leichter und flüssiger wird.

„Alle denken immer, Yoga ist dazu da, die Beine zu einer Brezel zu verknoten. Das ist Quatsch“, sagt Sabrina. Vielmehr hilft ihr Konzept, die Augen zu öffnen. Sie selbst hat beim Kunstturnen Disziplin gelernt, aber auch Drill. Sie studierte Bewegungspädagogik in Basel und war eine international hochklassige Windsurferin. Im Winter war es dann das Snowboard, und bei einem Snowboardcup kam sie im ersten Lauf in Laax ins Finale. Andere hätten sich gefreut, Sabrina aber wusste, dass es im Engadin gerade fast einen Meter Neuschnee gegeben hatte! Sie ließ den zweiten Lauf sausen und tanzte im Engadin durch den Powder. Auch das ist Yoga, nein sagen zu können und sich vom Außendruck zu lösen. Bei Sabrina ist es Yoga, bei Michael ist es tänzerische Leichtigkeit und beides Mal ist es pure Liebe!

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