Banner Resilyon

Zurück in die Zukunft

Nach 15 Jahren Ski-Abstinenz zurück auf die Bretter:

neuer_name

Skimagazin-Autorin Verena Duregger hat in Speikboden, dem Skigebiet ihrer Kindheit den Selbsttest gemacht.

Text Verena Duregger Bild Robert Gasteiger, privat

Alberto Tomba ist schuld. Als der coolste Skirennfahrer aller Zeiten 1998 seinen Rücktritt erklärte, gab es für mich endgültig keinen Grund mehr, jemals wieder Ski zu fahren. Warum auch? Das Image war total eingestaubt. Wer in meiner Generation etwas auf sich hielt, ließ sich auf dem Berg nur noch auf dem Snowboard blicken. Nun sind 15 Jahre vergangen, seit ich zum letzten Mal auf Skiern stand. Ich könnte jetzt darüber sinnieren, wo die Zeit geblieben ist, aber ich habe eine andere Mission zu erfüllen: Ich will wieder zurück in den Schnee – und zwar auf zwei Brettern.

Das Abenteuer beginnt um zehn Uhr morgens und führt mich zunächst in die Vergangenheit – in das Skigebiet meiner Kindheit in Südtirol und zu Artur, meinem Skilehrer von damals. Er leitet mittlerweile die örtliche Skischule und hat sich nicht großartig verändert, derselbe schelmische Blick, das offene Lachen, von den paar Jahren mehr auf dem Buckel mal abgesehen – aber gerechterweise geht es uns da ja gleich. Artur hat mir hier am Speikboden in Sand in Taufers das Skifahren beigebracht, da war ich zehn, hielt Neonfarben für das einzig Wahre und Alberto Tomba für den schönsten Mann der Welt.

Neue Zeiten

„Und, bist bereit?“, fragt Artur und klopft mir aufmunternd auf die Schulter. Ich sage ihm nicht, dass ich vor lauter Aufregung in der Nacht kaum ein Auge zugetan habe. Apropos schlafen: Ich habe gleich eine ganze Ära verpennt. Das zeigt mir spätestens der Helm, den Artur neuerdings ganz selbstverständlich trägt. Was früher an Proteststürmen frisurbewusster Skilehrer kläglich gescheitert wäre, gehört heute zum Sicherheitsstandard. Oben ohne ist out. Also bekomme ich im Skiverleih neben Schuhen, Stöcken und 1,40 Meter kurzen Carving-Skiern auch einen Helm in die Hand gedrückt und fühle mich wie ein perfekt ausgerüsteter Skiroboter.

Auf dem Weg zum Lift, der uns auf 2.000 Meter bringt, werde ich nostalgisch. In den weichen Snowboardboots ist es sich doch immer viel bequemer gelaufen, denke ich und schiele im Vorbeigehen zum Après-Ski-Lokal. Nein, jetzt bloß nicht schwächeln: Der Berg ruft! Außerdem bietet die Gondel dafür ungewohnten Komfort. Zu meinen Snowboard-Zeiten hat man sich hier noch in einem Viererlift ohne Haube die Nase abgefroren – und als ob das nicht schlimm genug gewesen wäre, nebenbei noch ganz lässig eine Zigarette geraucht. Tempi passati – vergangene Zeiten.

Unser Blick schweift nach unten. Auf der Piste ist gerade ein Skifahrer gestürzt und bleibt wie ein Käfer auf dem Schnee liegen. Artur scheint meine Gedanken zu lesen. „Keine Sorge! Das ist wie Radfahren, man verlernt es nie.“ Das beruhigt mich überhaupt nicht, was daran liegt, dass wir an der Bergstation angekommen sind. Ich muss aussteigen. Mein Herzschlag wird schneller. Jetzt wird es ernst.

Artur wird mich wohl langsam wieder an die Materie Ski heranführen, mir das neue Material erklären und sagen, wie ich mit den Dingern umgehen soll. Doch er ist noch genau der wilde Hund wie früher und schlägt vor, zum Einwärmen gleich zum Almlift zu düsen. Hat er aber verstanden, dass ich ewig nicht mehr …?, denke ich, und bevor ich etwas sagen kann, blicke ich seiner weiß-roten Zunft-Kluft hinterher. Nach zwei Sekunden in Schockstarre fahre ich los. Ich folge meinem Leitwolf – und bin gleich dreifach überrascht.

Schon die ersten paar Kurven machen Spaß. Ich bin ohne Sturz nach unten gekommen. Und diese Skier – sie scheinen alles von selbst zu machen. Ist das der berühmte Carving-Effekt, von dem immer alle gesprochen haben?

„Siehst du“, sagt Artur und lacht, „geht ja“. Von meinem Anfängerglück angespornt, peilt er gleich den höchs-ten Punkt des Skigebiets auf 2.400 Meter an. Der will zum Sonnklar-Lift? Zur schwärzesten überhaupt möglichen Piste auf dem Speikboden? Jetzt ist er völlig übergeschnappt, schießt es mir durch den Kopf. Ich komme aus einer Zeit, in der Skier mehr zwei ausgestanzten, lackierten Holzbrettern glichen und mein Skilehrer will mich gleich die schwierigste Piste hinunterjagen. Klarer Fall: Ich werde total überschätzt! Doch Artur bleibt unbeirrt. „Das schaffst du locker!“

Hüftbreit und befreit

Muss ich jetzt ja auch, wir sitzen nämlich schon im Lift. Ich kneife nicht gerne, ein bisschen Wahnsinn gehört zum Leben dazu, finde ich. Aber jetzt habe ich wirklich Angst – die Piste ist an manchen Stellen verdammt steil. Und wenn sie auch noch eisig ist? Das hat mir schon auf dem Snowboard keinen Spaß gemacht, obwohl man damit genial über knifflige Passagen rutschen konnte, wenn einem der Arsch im wahrsten Sinne wieder einmal auf Grundeis zu gehen drohte. Oben angekommen, will ich am liebsten wieder runter. Im Lift, versteht sich. Da mutiert Artur, der Skilehrer, zu Artur, dem Motivator. „Schau, du hast es doch drauf. Genieß’ erstmal die Aussicht!“

Sie ist grandios, das muss ich zugeben. Die Berge, fast alles Dreitausender, sind von Schnee bedeckt, Eiskristalle glitzern in der Sonne, der Himmel hat den Blau-Farbregler ganz weit aufgedreht. Ich atme tief ein. Jetzt bin ich bereit, mich auf der Piste nach unten zu stürzen. Arme nach vorne, in die Knie, Po ein bisschen nach hinten: In meinem Versuch, Arturs Haltung zu imitieren, fühle ich mich wie Daisy Duck. „Bleib’ nah bei mir, drück’ die Bretter nicht zu eng zusammen, etwa 60 Prozent der Kraft musst du auf den Talski verlagern. Und los geht’s!“ Zum Glück trage ich einen Helm, denke ich noch und schubse mich mit zwei kräftigen Stockeinsätzen an.

Skikurs hin oder her, ich war früher nie eine besonders gute Fahrerin. Doch ich merke sofort: Die Taillierung der „neuen“ Skier kommt mir zugute. Ich muss gar nicht so sehr darauf achten, die Bretter ganz nah beieinander zu führen. Oder wie hat Artur im Lift gesagt? „Dieses unnatürliche Aneinanderpressen, diese Schönfahrerei braucht es heute nicht mehr.“

Dadurch fühle ich mich irgendwie frei. Früher hatte ich immer das Gefühl, dem Anspruch an perfektes Skifahren nicht gerecht zu werden. Jetzt lasse ich es einfach laufen. „Schön auf der Kante fahren“, ruft Artur, „und die Geschwindigkeit in der Kurve beibehalten“. Artur fährt in großen Radien vor und ich ihm hinterher. Warum hast du dich nie umgedreht, frage ich ihn unten. „Das muss ich gar nicht mehr. Ich habe am Geräusch der Ski gehört, dass Du nicht ins Rutschen gekommen bist.“ Ich werde ein bisschen rot und beschließe, das Kompliment einfach anzunehmen und mich noch mehr anzustrengen.

Als wir weiterfahren, geben meine Oberschenkel schnell zu verstehen, dass ich schon länger keinen Sport mehr betrieben habe. Ich spüre Muskeln, von deren Existenz ich seit Jahren nicht einmal mehr etwas geahnt habe. Aber meine Euphorie ist das beste Schmerzmittel. Jetzt will ich mehr.

Back to Ski

Da bin ich übrigens nicht die Einzige. Noch vor ein paar Jahren haben hier am Speikboden fast 40 Prozent der Gäste einen Snowboardkurs belegt. Auch Artur hat den Schein fürs Brett gemacht. Doch heute braucht er den nicht mehr so oft. Drei Viertel der Kursteilnehmer kommen wieder, um Skifahren zu lernen. Ich weiß jetzt: Durch das neue Material ist das nicht mehr so schwierig wie früher. „Mit den Carvern kann man ziemlich schnell ordentlich die Pisten runterkommen“, sagt Artur. Aufpassen sollte man natürlich trotzdem. Von aggressiven Ski oder gar Rennschuhen rät er ab. Und: „Man sollte die Technik von einem Skilehrer lernen.“

Das Geheimnis des schnellen Erfolges liegt aber nicht nur in der Taillierung der Ski, sondern auch im Schnee. Bis ins Tal hinunter breitet er sich wie ein gleichmäßiger Teppich auf den Pisten aus. Kein Vergleich zu den hügeligen Pisten von damals. „Heute sind sie ja wie Autobahnen“, sagt Artur und stellt mir die Frage, auf die ich schon den ganzen Tag warte. „Bist du bereit für den Endspurt?“

Jetzt kommt die Königsdisziplin, die Abfahrt ins Tal. Werde ich das am ersten Tag schon schaffen, habe ich mich noch vergangene Nacht gefragt. Und jetzt? Nichts lieber als das, antworte ich selbstbewusst. Meine Oberschenkel melden sich ab der ersten Kurve: Zähne zusammenbeißen und weiterfahren. Zum Trotz stoße ich einen kleinen Jubelschrei aus. Mein Kanteneinsatz ist nur mehr halb so genau wie noch vor einer Stunde, meine Arme hängen irgendwann müde am Körper herunter, dann sehe ich Artur nur noch als kleinen Punkt vor mir.

Als ich an der Talstation ankomme, fühlen sich meine Oberschenkel an wie in Multifunktionsunterwäsche gepresster Pudding. Ich zittere und kriege das Grinsen nicht mehr aus meinem Gesicht. Kein Wunder, ich habe ja eine anstrengende Zeitreise hinter mir. Sie führte mich erst in die Vergangenheit. Und von dort direkt zurück in die Zukunft. Ab jetzt bin ich wieder Skifahrerin!

neuer_name

Diese Artikel könnten Sie auch interessieren

Events

03.12.2021
Saisonstart Bad Kleinkirchheim
03.12.2021
Saisonstart Garmisch Classic
03.12.2021
Saisonstart Gerlitzen Alpe
03.12.2021
Saisonstart Hochkönig
03.12.2021
Saisonstart Nassfeld
03.12.2021
Saisonstart Salzburger Sportwelt
03.12.2021
Saisonstart Oberstdorf-Kleinwalsertal
03.12.2021
Saisonstart Ski Arlberg
03.12.2021
Saisonstart Ski Juwel Alpbachtal Wildschönau
03.12.2021
Saisonstart Warth-Schröcken
04.12.2021
Saisonstart Adelnden-Lenk
04.12.2021
Saisonstart Alta Badia
04.12.2021
Saisonstart Steinplatte Winklmoosalm
04.12.2021
Saisonstart Val di Fassa
04.12.2021
Saisonstart Zillertal Arena
04.12.2021
Saisonstart Balderschwang
04.12.2021
Saisonstart Brixen-Plose
04.12.2021
Saisonstart Damals-Mellau
04.12.2021
Saisonstart Seiser Alm
04.12.2021
Saisonstart Hochfügen
04.12.2021
Saisonstart Hochoetz-Kühtei
04.12.2021
Saisonstart Hochzillertal-Kaltenbach
04.12.2021
Saisonstart Katschberg
04.12.2021
Saisonstart Kreischberg
04.12.2021
Saisonstart Mayrhofen Penken
04.12.2021
Saisonstart Seefeld
07.12.2021
Saisonstart Schmittenhöhe Zell am See
08.12.2021
Saisonstart Großglockner Resort Kals-Matrei
08.12.2021
Saisonstart Nauders
08.12.2021
Saisonstart Skiwelt Wilder Kaiser
08.12.2021
Saisonstart Skizentrum Sillian Hochpustertal
08.12.2021
Saisonstart St. Jakob
09.12.2021
Saisonstart Serfaus-Fiss-Ladis
10.12.2021
Saisonstart Brauneck
10.12.2021
Saisonstart Galtür
10.12.2021
Saisonstart Großglockner Heiligenblut
10.12.2021
Saisonstart Spitzingsee
10.12.2021
Saisonstart Wildkogel-Arena
11.12.2021
Saisonstart Männlichen
11.12.2021
Saisonstart Mürren-Schilthorn
17.12.2021
Saisonstart Kappl
17.12.2021
Saisonstart Oberstdorf-Kleinwalsertal
17.12.2021
Saisonstart Obertilliach
18.12.2021
Saisonstart Grindelwald-First
18.12.2021
Saisonstart Hasliberg