Souverän Tiefschneefahren!

Ein jungfräulicher Hang mit feinstem Pulver ist für jeden Powder-Fan das Größte. Denn Tiefschneefahren ist der Traum eines jeden Freeriders und die Königsdisziplin im Skifahren. Doch was Genuss für die einen ist, bedeutet Stress für andere. Denn das Fahren im Tiefschnee will gelernt sein. Unsere Experten vom Deutschen Skilehrerverband geben Tipps, wie auch Sie herrliche Spuren in den Powder zaubern können

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© Michael Mayer

Text: Christiane Bauer & Tobias Heinle

Der erste Schnee ist gefallen – doch wir brauchen noch mehr! Liegt endlich genug Schnee, hört man weithin die Jauchzer, und überall sieht man die lachenden Gesichter der Skifahrer, die gerade einen unverspurten Hang heruntergewedelt sind. Das mühelose Schwebegefühl im tiefen Schnee zählt zu den größten Erlebnissen beim Skifahren. Neuschneetage sind daher für viele Skifreunde die Highlights einer Saison. Sich dem Gelände und Schnee anzupassen, mit der Situation zu arbeiten und am Ende eine symmetrische Spur in den Pulverschnee zu zaubern – das macht einen Riesenspaß. Im folgenden Text beschreiben wir, was zu beachten ist, damit Sie sicher abseits der Pisten unterwegs sind. Wir geben Ihnen Tipps und Tricks, damit Sie kontrolliert und kraftsparend einen magischen Powder-Skitag erleben können.

Sicherheit steht an erster Stelle

Am Anfang eines jeden Off-Piste-­Tages – egal ob direkt im Skigebiet, wo man keinen Aufstieg benötigt, oder fernab der gesicherten Pisten – sollte man sich im Bereich Risiko­management vorbereiten. Ihre Sicherheit steht an erster Stelle. Abseits der gesicherten Pisten und Skirouten muss jeder eine Notfallausrüstung mit sich führen. Ein LVS-Gerät (Lawinen­verschütteten-Suchgerät) muss sich direkt am Körper, eine Schaufel und eine Sonde in einem Freeride-Rucksack befinden. Zusätzlich sollten Sie immer ein Erste-Hilfe-Set und ein aufgeladenes Handy mit sich führen. ­Diese Basis-Ausrüstung ermöglicht Ihnen im Ernstfall eines Lawinenabgangs oder Unfalls, schnellstmöglich zu helfen und weitere Hilfe zu rufen. Jeder von uns sollte wissen, dass die Ausrüstung allein noch keine Sicherheit bringt. Eine perfekte Hightech-Notfallausstattung darf uns daher nicht dazu verleiten, ein größeres ­Risiko einzugehen. Der richtige Umgang mit der Ausrüstung muss gekonnt sein und immer wieder geübt werden. Führen Sie zu Beginn eines Tiefschneetages einen LVS-Check durch, wobei die Geräte auf ihre Sende- und Empfangsleistung geprüft werden. Zusätzlich muss der Lawinenlagebericht, der die aktuelle Situation am Berg beschreibt, gecheckt und ausgewertet werden.

Erste Schritte neben der Piste

Nun sind Sie perfekt vorbereitet und haben das nötige Background-Wissen – der Tiefschneetag kann beginnen. Um die richtige Technik zu erlernen, muss die vorherrschende Situation (z. B. Schneebeschaffenheit) berücksichtigt werden. Das Einsinken in tieferem, weichem Schnee mit erhöhtem Gleit- und Reibungswiderstand ist anfangs ungewohnt und kann Ihren Gleichgewichtssinn stören. Jede Gewichtsverlagerung in eine Richtung kann den entsprechenden Ski abtauchen lassen, was durch eine Ausgleichsbewegung verhindert werden kann. Um das Gleichgewicht im Powder zu trainieren, eignen sich flache, einfache Tiefschneeabschnitte oder auch leicht verspurtes ­Gelände neben den Pisten. Wenn es die Verhältnisse zulassen, beginnen Sie möglichst in niedrigem Tiefschnee (15 bis 20 cm). Beachten Sie, dass Neuschnee nicht immer nur „fluffig“ und locker ist und sich durch Wind und Wetter verändern kann. Fangen Sie an, geradeaus zu fahren und sich dabei durch Verlagerung des Körperschwerpunkts in einer mittleren, bewegungsbereiten Position einzupendeln. Eine mittige Position auf dem Ski definiert sich durch eine leichte Beugung von Sprung-, Knie- und Hüftgelenk und durch eine natürliche Armhaltung seitlich vor dem Körper. Nun können Sie schnellstmöglich auf jede Situation reagieren, wenn das Gelände schwieriger wird.

In einer weiteren Geradeausfahrt fangen Sie an, durch Auf-und-Ab-Bewegungen aus den Beinen leichte Richtungsänderungen zu fahren. Am Ende einer Hochbewegung werden die Ski entlastet und können so leichter gedreht werden. Eine schmalere Skiführung erhöht den Auftrieb und verhindert ein Auseinanderlaufen der Ski durch eine bessere Körperspannung. Diese Technik wird im Fachchinesisch der „Wedler“ genannt. Sobald Sie ein Gefühl für die Situation bekommen haben und leichte Richtungsänderungen nahe der Falllinie kein Problem mehr darstellen, steigern Sie die Geschwindigkeit und die Hangneigung. Mit der richtigen Spur und Geschwindigkeitswahl können äußere Kräfte für ein ökonomisches Kurvenfahren genutzt werden.

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LVS-Check – Nie vergessen! Zu Beginn eines Tiefschneetages müssen ein LVS-Check durchgeführt, die Geräte auf ihre Sende- und Empfangsleistung geprüft und der aktuelle Lawinenlagebericht ausgewertet werden. Zum Erlernen dieser Fähigkeiten und zum sicheren Umgang mit der Technik bietet der DSLV am 16. und 17. Januar sowie am 13. und 14. Februar 2016 verschiedene Kurse im Bereich Risiko­management an. Infos dazu gibt’s unter www.skilehrerverband.de. Mitglieder können sich über die Homepage direkt anmelden.
© Michael Mayer

Angepasste Technik

Die Technik beim Tiefschneefahren ist allgemein schwierig zu beschreiben, denn es ergeben sich ständig neue und variierende Verhältnisse, die unterschiedlich gefahren werden müssen. Oft ändert sich die Situation vom Vormittag zum Nachmittag, manchmal sogar innerhalb einer Abfahrt. Im nächsten Abschnitt stellen wir Ihnen drei verschiedene Verhältnisse vor:

Im lockeren Pulverschnee bleibt das Fahren relativ einfach. Der Schnee kann leicht verdrängt werden. Hier hilft uns eine schmalere Skistellung, die die Auflagefläche der Ski vergrößert und den Auftrieb verstärkt. Weitere Vorteile sind zudem, dass meist auch der Innenski stärker mitbelastet wird und größere Kantbewegungen verhindert werden. Durch ein starkes Aufkanten würden die Ski tiefer absinken, da der Widerstand des Schnees geringer ist. Bei kürzeren Radien kann der Verdichtungseffekt des Schnees punktueller aufgebaut werden und besser für den Kurvenwechsel genutzt werden (Rebound). Das darauf folgende Tiefgehen in der Kurvensteuerung bringt enormen Spaß, und Sie haben das Gefühl, in tiefem, lockerem Schnee zu versinken. Ein höheres Tempo lässt größere Fahrtwucht und Auftrieb entstehen, die das Kurvenfahren erleichtern.

Bei schwererem, nassem Schnee, den es oft im Frühjahr gibt, wenn es wärmer wird, fällt das Drehen der Ski besonders schwer. Durch das sogenannte „Jetten“, bei dem im Kurvenwechsel das Aufrichten dynamisch nach hinten ausgeführt wird, steigen die Skispitzen auf und werden aus dem Schnee gehoben. Diese Technik ist anstrengend, erleichtert aber das Fahren in schwerem Schnee.

Eine weitere Situation herrscht ebenfalls gegen Ende der Saison. Durch starke Sonneneinstrahlung oder durch die Tageserwärmung wird der Schnee durchfeuchtet, und die Schneeoberfläche gefriert über Nacht wieder. Der Wind verändert die Schneedeckenoberfläche ebenfalls und lässt diese hart und brüchig ­werden. Um diese Situation meistern zu können, sollten Sie das Tempo reduzieren und zuerst in einer Querfahrt austesten, wie stark dieser Oberflächendeckel ist. Anschließend ist es besser, kurze gleichmäßige Radien zu fahren. Beim Kurvenwechsel müssen Sie eine sehr ausgeprägte Hochbewegung machen, fast schon ein Hüpfen, um über der harten Oberfläche die Beine drehen zu können. Eine sehr stabile Position des Oberkörpers muss durch Körperspannung gewährleistet sein. Versuchen Sie, die Stöcke ohne Stockschlaufen stark zu greifen. Das hilft dabei, Spannung aufzubauen, ohne dabei zu verkrampfen. Diese Technik muss nur angewendet werden, falls der Deckel Sie nicht trägt und beim Fahren bricht.

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„Big Turns“ mit hoher ­Geschwindigkeit sind die hohe Kunst beim ­Tiefschneefahren
© Michael Mayer

Herausforderung: Big Turns

Wenn Sie sich sicher fühlen und ­Ihnen kurze Radien oder ein ge-mäßigtes Tempo nicht mehr reichen, geht es an die großen Kurven. Der „Big Turn“ beschreibt einen größeren Radius bei höherer Geschwindigkeit. Diese Kurve erfordert ein hohes Maß an Tempo­sicherheit und Stabilität, insbesondere die Innen- und Außenregulation. Hierbei ist darauf zu achten, sich nicht zu sehr in die Kurve zu legen, um ein Stocken des Innenskis und des Innenschuhs zu vermeiden. Wir empfehlen hier, eine hüftbreite Skistellung einzunehmen, um stabiler zu stehen. ­Besonders bei schwererem Schnee (z. B. durch starke Sonneneinstrahlung, Durchfeuchtung der Schnee­decke) ist darauf zu achten, sich nicht zu weit nach innen und vorne zu lehnen, um nicht einseitig einzusinken. Starten Sie mit einer passiveren Position und verlagern Sie Ihr Gesäß ein wenig nach hinten, ohne in Rücklage zu geraten. Jetzt kann die richtige Position für die Situation erfühlt werden. Das Gleiche gilt übrigens auch für große Schneemengen. Nicht nur mehr Radius und Tempo bestimmen den Verlauf der Kurve, sondern auch das Gelände. Jetzt muss der Fahrer in der Lage sein, seine Kurven perfekt zu planen, um möglichen Hindernissen, z. B. Bäumen, Felsen, Rinnen oder Mulden, auszuweichen oder sie zu nutzen. Selbstverständlich gilt es aber auch, die Spuranlage seinen skitechnischen Fähigkeiten anzupassen. Safety first!

Um das Tiefschneefahren weiter zu erleichtern, hilft Ihnen auch das richtige Material. Ein körperlanger „gerockerter“ Ski mit einer breiteren Mitte sorgt im Tiefschnee durch mehr Auftrieb für ein „Surfgefühl“, d. h. ein leichteres Drehen der Ski durch kürzere Auflage und mehr Laufruhe bei höherer Geschwindigkeit. Unser Tipp: Umso tiefer und leichter der Schnee, desto breiter der Ski. Am Ende braucht es Fahrpraxis im Gelände mit variablem Untergrund. Nach einigen Tiefenmetern im Off-Piste-Bereich werden Sie lernen, kontrolliert und sicher unterwegs zu sein.

Wir wünschen Ihnen für die kommende Winter-Saison viel Freude in den Bergen und vor allem ganz viel (Tief-)Schnee!

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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: SkiMAGAZIN Nr. 01 / 2016

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