Ab in den Ofen!

Was nicht passt, wird passend gemacht– Teil 2: Thermo-Verformung – Der Kampf zwischen Skischuh und Fuß ist beendet. Auch Problemfüße haben mit ihrem einstigen Erbfeind Frieden geschlossen. Die Zeiten, da sich die beiden in einem schmerzhaften Prozess aneinander gewöhnen mussten – oder auch nicht – sind vorbei. Eine wesentliche Entwicklung ist dabei die thermische Verformbarkeit des Materials

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Über das Compression-Pad wird per Druckluft die gesamte Schale an den Fuß angepasst.

Text Rainer Bommas Bild Tecnica, Fischer, Hersteller

In der vorigen Ausgabe des SkiMAGAZINs haben wir näher beleuchtet, was die meisten Standard-Skischuhe in Sachen Passform inzwischen bereits zu bieten haben. Heute im zweiten Teil geht es um solche Skischuhe, die auch bei Problemfüßen oder Füßen mit von der Norm abweichenden Besonderheiten erstaunlich anpassungsfähig sind. Das Zauberwort dabei heißt thermische Verformung, also Anpassung des Skischuhs an den Fuß durch Wärme.

Doch bevor wir auf diese technischen Verfahren zum Wohle des Skifahrer-Fußes zu sprechen kommen, sei noch eine weitere, seit vielen Jahrzehnten bestens bewährte Lösung erwähnt, die sich nach wie vor behauptet: Luft.

Die gute alte Luftpumpe

Was in den 70-er Jahren des vorigen Jahrtausends mit der kleinen Pumpe und dem Lowa Air Skischuh begann, ist auch heute noch ein probates Mittel, um bei Passform-Problemen im Fersen- sowie im Ristbereich für Abhilfe zu sorgen. Da Lowa seine Tätigkeit als Skischuh-Hersteller aufgibt und sich künftig voll auf das Outdoor-Segment konzentriert, ist der Lowa Air zwar ein Auslaufmodell, aber die Schwesterfirma Tecnica übernimmt diese ausgereifte Technologie und hat sie unter dem Namen Air-Shell weiter entwickelt.

Per integrierter Pumpe am hinteren Schaft kann bei Bedarf Luft in getrennte Kammern im Fersen- und/oder im Vorfußbereich gepumpt werden.

Die speziell geformten Air-Shell-Einheiten sind zwischen Schale und Innenschuh platziert und optimieren an diesen Stellen die Passform. Der einfach zu bedienende Mechanismus lässt zu jeder Zeit eine individuelle Regulierung der Luftkammern zu. Weiterer Vorteil: Die Luft ist gleichzeitig ein guter Isolator – also ein sehr wirkungsvoller Kälteschutz.

Doch zurück zur thermischen Anpassung der Skischuhe. Neben der im vorigen Heft beschriebenen Funktionsweise, bei der sich das Innenschuh-Material aufgrund der vom Fuß abgegebenen Wärme elastisch verformt, gibt es bereits seit längerem die Möglichkeit, den Innenschuh durch thermisches Anpassen individuell zu formen. Dazu benötigt man spezielle Innenschuhe, deren Polsterung aus einem thermoverformbaren Schaum gefertigt ist. Fast alle Hersteller bieten entsprechende Modelle an, man kann diese Innenschuhe aber auch separat kaufen.

Innenschuhe aus dem Backofen

Die Vorgehensweise ist wie folgt: Zunächst werden die Innenschuhe entweder in einem speziellen Ofen oder mit einem Heizsystem, bei dem heiße Luft in den Innenschuh geblasen wird, ca. zehn Minuten auf 80 Grad Celsius vorgeheizt. Anschließend steigt man mit seinen Skisocken in den Innenschuh, über den bei manchen Anbietern ein Nylonstrumpf gezogen wird, um problemlos in den Skischuh zu schlüpfen. Wichtig ist es, gut mit der Ferse hinten in den Skischuh zu kommen. Anschließend wird der Schuh sorgfältig geschlossen, wobei auf einen sauberen Sitz der Zunge bzw. der Überlappung zu achten ist.

Am besten im geschlossenen Schuh eine Abfahrtsposition mit der gewünschten Vorlage einnehmen. Nach knapp zehn Minuten hat sich der Innenschuh an die individuelle Fußform angepasst und ist entsprechend abgekühlt. Schnallen öffnen, vorsichtig aus dem Skischuh steigen und fertig ist die Anpassung. Der Vorgang kann bei Bedarf mehrmals wiederholt werden, falls bei der Anpassung etwas verrutscht sein sollte oder es weiterhin Passform-Probleme gibt.

Wer besonders problematische Stellen am Fuß hat, wie extreme Überbeine oder sehr empfindliche Partien, dem empfehlen wir, diese Stellen vor dem Anpassvorgang mit speziellen Polstern zu versehen (bekommt man i. A. vom Händler). Dadurch erhält der Innenschuh an diesen Punkten zusätzlich Volumen, um Druckstellen zu vermeiden.

Die Schale kommt unter Druck

Einen ganz anderen und absolut neuen Ansatz verfolgt die Firma Fischer mit ihrem System Vacuum Fit. Hierbei werden nicht die Innenschuhe angepasst, sondern die erwärmte Schale soll sich unter hohem Druck an die anatomische Form des Fußes anschmiegen. Die Österreicher haben dafür ein neuartiges Skischuh-Material entwickelt, das schon bei einer Temperatur von 80 Grad Celsius seine Struktur verändert, um bei Abkühlung zu rekristallisieren und damit wieder die vorige Molekularstruktur, also die identischen Eigenschaften wie vor dem Erwärmen, zu erhalten. Dies ist besonders wichtig, denn bisherige Skischuh-Schalen mussten auf ca. 170 Grad erhitzt werden, um sie thermisch verformen zu können. Diese hohe Temperatur ist nicht nur ein Problem in der Handhabung: Das Material verändert nach dem Abkühlen auch seine Eigenschaften und ist nicht mehr so stabil wie zuvor, da sich die Molekularstruktur verändert. Daher kam das Erhitzen der Schale bislang nur bei einer punktuellen Verformung zur Anwendung, um z. B. Druckstellen zu weiten.

Die Firma Fischer verspricht bei ihrem neuartigen Schalenmaterial neben der guten Verformbarkeit gleichzeitig eine deutlich höhere Temperatur-Stabiltät als bei herkömmlichem PU-Material. Die Steifigkeit des neuen Polymers verändere sich bei einem Temperaturspektrum von +20 bis –20 Grad Celsius lediglich um 200 Prozent, während es bei herkömmlichen Skischuhen 400 Prozent sind, so Fischer. Diese Veränderung des Kunststoffs bei unterschiedlichen Temperaturen hat jeder sicher schon einmal erfahren, wenn er bei großer Kälte seine Skischuhe nur mit großer Mühe anziehen konnte, während es im Geschäft doch so einfach war. Kälte macht die Skischuh-Schale extrem steif. Als weitere Vorteile des „Vacu-Plast“ genanten Polymer-Materials nennt Fischer ein um 15 Prozent niedrigeres Gewicht und eine verbesserte Vibrationsdämpfung.

Doch wie genau funktioniert bei Vacuum Fit der Anpassungsprozess? Zunächst wird die Schale ohne Innenschuhe in einem speziellen Ofen auf 80 Grad Celsius aufgeheizt. Anschließend kommen die Innenschuhe in die Schale und der Skifahrer – auch in diesem Fall werden besondere Problemzonen bei Bedarf abgepolstert – steigt in den Schuh, der sorgfältig und nicht zu eng geschlossen wird. Anschließend werden so genannte Cooling-Pads um die Schale gelegt (damit diese nun schnell auskühlt). Darüber kommen die Compression-Pads, druckluftgefüllte Manschetten, die die Schalen vollflächig umschließen.

So präpariert steigt man in die Vacuum Fit Station, die zuvor auf die individuelle Standbreite eingestellt worden ist. Auch der Vorlagewinkel wird fixiert. Der Skifahrer lehnt sich dabei mit seinen Knie gegen eine entsprechend eingestellte Auflage. An das Ventil des Compression-Pads wird nun der Druckluftschlauch des Kompressors angeschlossen. Unter dem so ausgeübten Druck – dessen Höhe wird je nach Modell und Fahrtyp eingestellt – passt sich die Schale an die Anatomie des Fußes an. Die Veränderung der Leistenbreite kann bis zu +/– 5 mm und die der Länge bis zu einer Schuhgröße betragen. Der Druck- und Abkühlungsprozess dauert sieben Minuten. In dieser Zeit bleibt der Skifahrer möglichst ohne Bewegung in seiner Position in der Fitting-Station. Nach dem Anpassungsprozess muss der Schuh zwölf Stunden ruhen, damit das Material rekristallisieren kann. Der Prozess kann insgesamt bis zu fünf Mal wiederholt werden.<<<

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In der Station muss der Skifahrer sieben Minuten in seiner individuell eingestellten Position bleiben.

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