Die neuen Ski 2015/16: OH!MEIN!GOTT!

Im Dschungel des Skimarktes ist der Wahnsinn ausgebrochen. Wie vermeidet man es abzudrehen, wenn einen die Flut neuer Modelle und ­Technologien zu überrollen droht? Unser Tipp: Einfach ganz genau die Marktübersicht 2015/16 im ­SkiMAGAZIN studieren …

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© Marmot, Ziener, Stöckli

Text: Marc Neumann

Wahnsinn!“ – das ist der Gedanke, der sich als Erstes aufdrängt, wenn man durch die aktuellen Kataloge der Hersteller blättert. Auf jeder Seite: neue Ski, neue Technologien, neue Materialien, neue Konzepte. Wer soll sich da noch auskennen und den passenden Ski finden? Einen, der nicht nur optisch etwas hermacht, sondern der Spaß macht, weil er perfekt zu eigenem Können und ­Anspruch passt. Also einen, von dem sein Besitzer sagen kann: „Das ist der Ski, den ich gesucht habe, mein ganz spezieller und perfekter eigener Ski.“ Aber ist denn nicht der beste Ski auch der beste für mich? Leider nein. Denn der „beste Ski“ muss einen breiten Einsatzbereich abdecken, damit er eine breite Käuferschicht anspricht und für alle der beste ist. Er soll natürlich im Tiefschnee eine 1a-Figur hinlegen, ebenso optisch ansprechend sein, und – ganz wichtig – auch auf der Piste nicht versagen. Aber allein schon da gibt es unterschiedliche Konzepte: Piste und Powder sind zwei Gegensätze, die auch im Skibau nie zu 100 Prozent harmonieren werden. Die Hersteller versuchen natürlich (sehr erfolgreich), alles unter einen Hut zu bringen, dennoch findet man den individuell besten Ski nur, wenn man sich klar darüber ist, was man will und worauf man Wert legt.

Ein klares Anforderungsprofil

Wie oft fahre ich wirklich im Tiefschnee, und wie sind dann die Bedingungen? Es ist eine bittere Wahrheit: Richtig fette Powder-Tage sind eher selten. Deswegen bleibt man dann häufig doch im pistennahen Bereich. Schneit es dann endlich mal ohne Unterbrechung, steigt leider auch die Lawinengefahr. Wieder ist der pistennahe Bereich eines Skigebiets das Revier der Wahl. Im Ergebnis sind Freeride-Tage, wie sie in unseren Träumen vor-kommen, eher eine Rarität. Wer mit nur einem Paar Ski, aber eben einem Freeride-Ski, auskommen will, der sollte zwangsläufig darauf achten, dass sie sich auch auf hartem Untergrund noch angenehm steuern lassen. Nichts bringt mehr Frust, als wie ein kleines „Skihaserl“ im Pflug die Piste herunterzubrettern – oder wohl eher zu schleichen? Und nicht zu vergessen: Die meisten Freeride-Spots sind nur über Pisten als Zubringer zu erreichen.

Fels in der Brandung oder Wirbelwind?

Die 190 cm langen Ski mit einer Schaufelbreite von 140 mm und einem Radius von 27 Metern sind natürlich sehr beeindruckend. Länge und Gewicht sind ideal für steile Hänge mit viel Schnee, Schneeklumpen und anderen Hindernissen. Hier können die Breitbretter ihre Stärken voll ausspielen und entpuppen sich als echte ­Spaßmaschine. Auf der Piste muss dieser Ski jedoch eisern gesteuert werden. Es braucht einiges an Kraft, damit die Kanten in die Kurve einziehen. Ganz anders die Ski mit gemäßigtem 18-Meter-Radius und Tip-und-Tail-Rocker, die sich bei dieser Länge auch auf hartem Untergrund noch recht einfach händeln lassen. Insofern ist kein Ski schlechter als der andere, aber eben doch anders.

Freeride-Ski – die Key-Facts

Um also verschiedene Modelle zu bewerten, sollte man sich über folgende Eigenheiten Gedanken machen:

• Großer Radius: Gut im Powder, schlecht auf der Piste. Der Radius des Skis beschreibt eine Kreislinie, die der Ski in der Theorie fahren würde, vorausgesetzt, die Kante hat, auf­gewinkelt, durchgängigen Schneekontakt. In der ­Praxis heißt das vereinfacht: Ein großer Radius macht den Ski etwas träge, verleiht ihm aber auch Ruhe und Kraft auf weiten Powderhängen.

• Tip-und-Tail-Rocker: Solide auf der Piste, extrem gut im Powder. Die Rockertechnologie hat der Ski-Industrie vor einigen Jahren wieder richtig auf die Sprünge geholfen, als Skifahren altbacken und langweilig war. Die aufgebogenen Ski-Enden erleichtern das Ein- und Aussteuern erheblich. Vor allem im Powder kann der Rocker-Ski alle Karten ausspielen, denn die aufgebogene Schaufel schwimmt spielend leicht auf. Auf der Piste, bei Eis oder hoher Geschwindigkeit wird der Ski durch die verringerte Auflagefläche jedoch ein wenig flattrig. Das Ganze verschärft sich noch, wenn ein Ski über einen „Full Rocker“ verfügt. Das heißt: Nicht nur die Enden sind aufgebogen, sondern der Ski hat unter der Bindung keinerlei Vorspannung – die echte „Banane“ eben.

• Länge: Mehr Länge bringt mehr Auftrieb, benötigt aber auch mehr Kraft. Freeride-Ski dürfen im Gegensatz zum Pisten-Ski gut und gerne ein paar Zentimeter mehr Länge mitbringen. Auch die Länge spielt beim nötigen Auftrieb eine Rolle, damit der Skifahrer den Hang hinuntersurfen kann, ohne sich von Unebenheiten stören zu lassen. Zu kurze Ski nötigen dem Fahrer viel Rückenlage ab, damit die Schaufeln an der Oberfläche bleiben. Abgesehen von dem Kraftaufwand, ist solch eine Fahrweise sehr ineffektiv.

• Breite: Breit, breiter, am besten? Je breiter die Schaufel und auch der ganze Ski ist, desto leichter schwimmt er im Schnee auf. Andererseits gerät das Aufkanten auf hartem Grund immer schwieriger. Breite und Agilität sind im Skibau Gegensätze.

• Gewicht: Weniger ist nur besser, wenn auch Anstiege anstehen. Gewichtsreduktion ist seit einigen Saisons DAS große Thema im Skibau. Und natürlich will keiner mit Bleifüßen durch den Schnee waten. Ein mäßig hohes Gewicht ist jedoch beim klassischen, rein abfahrtsorientierten Freeriden eher von Vorteil. Der Ski liegt dann satter im Schnee und fängt vor allem bei Unebenheiten oder gemischtem Schneeaufbau nicht an zu zicken. Statt an Schneebrocken wild auszubrechen, fräst sich ein schwerer Ski stoisch seinen Weg den Berg hinab. Insofern ist der Blick aufs ­Gewicht vor allem dann wichtig, wenn man den Ski mit einer aufstiegstauglichen Bindung ausstattet und wirklich auch einmal Strecken hiken möchte.

Mit ihren neuen Konzepten versuchen die Skibauer, das Beste aus beiden Welten zu vereinen: Gewicht wird häufig nur an den Ski-Enden gespart. Das macht die Bretter bei gleichbleibend guter Abfahrtsperformance nicht nur ­leichter. Die reduzierte Masse an den Enden spart Schwunggewicht, das durch den Fahrer bewegt werden muss – die Ski werden agiler und spielerischer.

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Die Rocker-Technologie hat die Ski-­Industrie revolutioniert!
© Marmot, Ziener, Stöckli

Was die Neuen zu bieten haben

Carbon- und Titanal-Einlagen sind eigentlich schon Standard. Die spezifischen Eigenschaften wie hohe Zugsteifigkeit und Torsionsbeständigkeit bei geringem Gewicht überzeugen. Durch ihren Einsatz lassen sich nicht nur einige Gramm sparen, sondern auch das Flexverhalten des Skis lässt sich gezielt beeinflussen. Die beste und zuverlässigste Skitechnologie ist und bleibt jedoch der Holzkern. Nur Holz vereint so viele Eigenschaften, die ein guter Ski braucht: gleichmäßiger Flex, Stabilität und Gewicht. Die drei Werte variieren je nach Holzart. Esche ist der Klassiker, gut und günstig. Da das selten ausreicht, wird auf edle Hölzer zurückgegriffen. Nicht nur Dynastar verwendet Paulownia-Holz, das eine Gewichtsersparnis­ von 20 Prozent bringt, ohne Flex und Stabilität zu mindern. Ein Mix aus stabiler Buche und leichter Pappel steckt im Fischer „Ranger“, der mit seinem geringen Gewicht ein Ski für Entdecker sein will. Freeriden hat andere Anforderungen, die sich auch in Shape und Konstruktion widerspiegeln. Armada verzichtet daher an Tip und Tail auf die Sidewall, das macht die Schaufel leichter und flexibler – für mehr Auftrieb. Hinter Konic und Aeroshape stecken Technologien, die die Ski-Kon­struktion durch Gewichtsverteilung innerhalb des Sportgeräts optimieren. Ebenso arbeitet auch „Hollow-Tech“ von Kästle mit Gewichtsreduzierung: Die Materialaussparung an der Schaufel sorgt durch weniger Masse für weniger Schwingungen und mehr Kontrolle. Das gleiche Ziel verfolgt Blizzard mit dem „Carbon Flip Core“, der den Ski auch eine Spur wendiger macht. Eine 5-Punkt-Taillierung findet sich bei vielen Freeride-Ski und bedeutet eine „minimale Auswölbung“ als invertierte Taillierung kurz unterhalb der Schaufel, die für mehr Auftrieb sorgen soll. Ähnlich der „Hammer-Head-Rocker“ von Nordica, mit flacher, aber breiter Schaufel. So ließe sich die Liste von Innovationen und Technologien lange fortführen. Wer genau hinschaut, wird aber gut seinen Ideal-Ski herausfiltern können. Es ist auch kein Geheimnis, dass die kleinen Firmen eher Spezialisten und die großen Marken Allrounder auf den Markt bringen. Beides hat seine Vorteile, die halt nur in das persönliche Anforderungsprofil passen müssen.

Probieren geht über Studieren

Meine Damen und Herren, die Manege ist eröffnet: Bitte stürzen Sie sich nun mit klarem Blick und ohne Verwirrungen ins Getümmel … und finden Sie den passenden Ski. Bei Fragen und unerwünschten Neben-wirkungen wenden Sie sich gerne an den Skihändler Ihres Ver­trauens. Was keine Theorie ersetzen kann, ist, den Ski einfach selbst auszuprobieren.

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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: SkiMAGAZIN Nr. 06 / 2015

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