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Erst Wachs verleiht Flügel

Wer seinen Ski etwas Gutes tun will, der präpariert die Beläge vor jedem Einsatz mit dem guten alten Wachs – oder dessen modernen Nachfolgern

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Wichtig ist, dass nach dem Heißwachsen das überschüssige Wachs wieder abgezogen wird.

Text Rainer Bommas Bild Holmenkol

Der Belag braucht regelmäßige Pflege“ weiß Thomas Burmann vom World Racing Team des Skipflegespezialisten Holmenkol, der bei allen großen Events und Weltcups der alpinen und nordischen Skisportler im Einsatz ist. Er vergleicht den Belag gerne mit der menschlichen Haut, die gerade auch im Winter intensiv gepflegt sein will. Sind es bei der Haut Cremes und Lotions, die sie geschmeidig und funktionstüchtig erhalten, sind es beim Skibelag Wachse oder auch Paraffin-Fluor-Carbon-Mixturen.

Das Wachs sorgt dafür, dass die Polyethylenbeläge der Ski nicht austrocknen und spröde werden. Ein nicht gepflegter Belag ist sehr leicht an seiner rauen, weißlichen Oberfläche zu erkennen. Und spätestens wenn man losfahren will, spürt man sofort, dass der Belag nicht gewachst ist, denn es geht nur sehr zäh vorwärts und träge um die Kurve. Mit anderen Worten: Der Belag schreit nach Wachs – aber warum?

Der Wachsauftrag füllt die Poren des Belages, macht ihn glatt und fettig, so dass der Ski fast schwerelos über den Schnee gleitet. Erst so wird das Skifahren zum Vergnügen, zu dem begeisternden Erlebnis, das uns alle so fasziniert.

Dabei nehmen die modernen gesinterten Beläge gar nicht viel Wachs auf. Aber erst durch das aufgebrachte und polierte Wachs wird die Belagoberfläche geschmeidig, lässt keinen Schnee anhaften und sorgt auch bei kaltem Schnee dafür, dass der Ski auf einem minimalen Wasserfilm gleiten kann.

Gleiten auf dem Wasserfilm?

Dabei ist die Geschichte mit dem Wasserfilm bislang nur eine Theorie, wie Thomas Burmann erklärt.

Wissenschaftler verschiedener Einrichtungen, darunter das Frauenhofer Institut, sind gerade dabei, diese zu überprüfen. Sie versuchen die Dicke des Wasserfilms zu messen. Noch liegen keine gesicherten Ergebnisse vor. Klar ist jedoch, dass bei Temperaturen um 0° bereits sehr viel Wasser im Schnee vorhanden ist. Hier geht es mehr darum, durch das Wachs das Ankleben von Schnee am Belag zu verhindern. Ist es hingegen sehr kalt, sind die Schneekristalle extrem aggressiv. Man geht hier von einem Wasserfilm von maximal 1/1000 mm aus. Entscheidend ist in diesem Fall, dass der Belag durch den Wachsauftrag geschützt wird. Ohne das Wachs würde der Belag bei Geschwindigkeiten von bis zu 120 km/h außen verbrennen, da die Reibung und damit die Wärmeentwicklung so extrem hoch ist. Nicht selten kann man bei alpinen Rennski Verbrennungen des Belags erkennen.

Stellt sich die Frage: Was ist Wachs überhaupt? Die traditionellen Skiwachse sind Hartparaffine. Diese sind brennbar, geruch- und geschmacklos, ungiftig, wasserabstoßend sowie mit Fetten und Wachsen zusammenschmelzbar. Für günstige Skiwachse kommt einfaches Paraffin organischer Herkunft zum Einsatz, wie es z. B. auch für die Herstellung von Kerzen verwendet wird.

Daneben gibt es synthetisch gewonnene Paraffine, die bei der Erdöl-gewinnung anfallen. Die Kunst bei der Herstellung von Skiwachsen ist es, ein perfektes Mischungsverhältnis zwischen organischem und synthetischem Paraffin zu finden. Zudem werden noch diverse Additive mit besonderen Gleiteigenschaften beigemischt.

Dabei gilt: je kälter der Schnee, desto härter das Wachs und desto höher der Anteil an synthetischem Paraffin. Bei warmem, nassem Schnee kommen Wachse mit einem höheren organischen Paraffin-Anteil zum Einsatz. Zwar füllen harte Wachse die Poren generell besser, doch hartes Paraffin hat bei warmen Bedingungen den Nachteil, dass auf Grund der extremen Glätte von Belag und Schnee die Gefahr besteht, dass zwischen den Kontaktflächen ein dünner Wasserfilm entsteht, der den Belag an die Schneeunterlage ansaugt, wie zwei Glasscheiben, zwischen denen sich Wasser befindet. Dieses Adhäsion genannte Phänomen tritt bei weicherem Paraffin und nassem Schnee nicht auf, da das weiche Wachs Wasser besser verdrängt und abstößt.

Vom Wachs zum Pulver

Im Rennlauf sind diese klassischen Wachse jedoch längst nicht mehr im Einsatz. Hier wird den Rezepturen neben organischem und synthetischem Paraffin als dritte Komponente Fluor beigemischt. Diese Gleitmittel reduzieren die Schmutzaufnahme deutlich und stoßen Wasser noch effektiver ab, wodurch sich die Gleitfähigkeit der Beläge weiter erhöht. Nachteil dieser Mixturen: Sie sind teuer.

Noch teurer, aber auch noch schneller, sind die Fluor-Wachs-Pulver, die im Weltcup eigentlich nur noch zum Einsatz kommen. Sie sind extrem schmutzabweisend sowie hoch gleitfähig und kosten spürbar mehr als die klassischen Wachse. Daneben gibt es auch Fluor-Carbon-Paraffin-Wachse mit Nano Composites. Die im Wachs gebundenen Nano-Partikel dringen dank ihrer kleinen Größe sehr tief in den Belag ein und versiegeln den Belag mit dem Wachs sehr wirkungsvoll, so dass die Wirkung auch länger erhalten bleibt. Da die Nano-Partikel gebunden sind, können sie nicht in die Umwelt entweichen und bilden keine Gefahr für den menschlichen Körper.

Seit einigen Jahren gibt es auch Skiwachse, die biologisch abbaubar sind. Eine Entwicklung, die sehr zu begrüßen ist. Allen Skifahrern, die nicht im Rennlauf um hundertstel Sekunden kämpfen, seien diese Wachse ans Herz gelegt.

Am besten Heißwachsen

Das tägliche Wachsen ist für den Rennläufer Pflicht und für den engagierten und normalen Skiläufer eine Empfehlung, die bei Kunstschnee auch fast zum Muss wird. Der extreme Abrieb des sehr aggressiven Maschinenschnees schmirgelt den Belag und macht ihn sehr schnell spröde. Die Folge: Skifahren macht weniger Spaß.

Die Wachsmaschinen, die es in einigen Skigebieten gibt, helfen nicht wirklich weiter. Das Wachs wird hier nur auf den Belag gebürstet und ist schnell wieder rausgefahren. Auch Flüssigwachse sind nur die zweitbeste Lösung. Am besten ist es nach wie vor, heiß zu wachsen und das Wachs mit einem Bügeleisen auf bzw. in den Belag zu bringen.

Dabei sollte man sich genau an die Temperaturvorgaben des Herstellershalten, um das Wachs nicht zu verbrennen. Noch schlechter wäre es, den Belag zu verbrennen, was sehr schnell passieren kann, wenn man mit einem zu heißen Bügeleisen zu lange auf einer Stelle des Belages bleibt. Wenn das Wachs gleichmäßig in den Belag gebügelt wurde, ist es sehr wichtig, diesen anschließend wieder abzuziehen. Der Ski sollte nämlich auf dem Belag und nicht auf dem Wachs fahren! Nach dem Abziehen mit der Strukturbürste den Belagsschliff wieder freilegen und auch die Kanten vom Wachs befreien. Von Zeit zu Zeit macht es auch Sinn, den Belag zu reinigen, da sich dort Schmutzpartikel festsetzen. Dazu gibt es spezielle Reinigungsmittel. Man kann die Ski aber auch „auswachsen“. Das heißt, der Belag wird mit gelbem oder maximal mit rotem Wachs (siehe Kasten) heiß gewachst und sofort wieder abgezogen. Das noch warme Wachs bindet die Schmutzpartikel und zieht sie so aus dem Belag. Gegen Ende der Saison, wenn der Schnee schmutziger wird, empfiehlt es sich, den Belag zu reinigen. Sinnvoll ist es in jedem Fall auch nach einem Belagsschliff.

Wachsen ist kein Hexenwerk

Während Belagsreparaturen und das Schleifen beschädigter Kanten in den meisten Fällen etwas für den Fachmann sind, kann das Wachsen und Nachschleifen der Kanten jeder einigermaßen handwerklich geübte Skifahrer durchaus selbst machen. Dazu empfiehlt sich die Anschaffung eines kleinen Pflegesets, bestehend aus Bügeleisen, Abziehklinge, rotem und Universalwachs sowie einem Kantenschleifer.

Und nach der Saison im Frühjahr die Ski am besten zum Service geben, damit sie gut zugewachst übersommern und perfekt präpariert für den Start in den nächsten Skiwinter bereit stehen. Denn nach dem Winter ist vor dem Winter. <<<

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Fluor-Wachs-Pulver sind extrem schmutzabweisend, hoch gleitfähig – und deutlich teurer

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