Volle Kontrolle auf glattem Grund

Wenn die Piste hart oder eisig wird, hört für viele der Spaß beim Skifahren auf. Sie verlieren zunehmend die Kontrolle über ihre Bretter. Die Zehen krallen sich in den Skischuh, statt die Kante ins Eis. Dabei hat der Verkäufer bzw. Hersteller doch versprochen, dass die Ski besonders eisgriffig seien. Doch was steckt eigentlich hinter diesem Begriff?

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Hier werden Unter- und Seitenkante in einem Arbeitsgang mit Keramik-Scheiben geschliffen.

In unserer Technologie-Serie verraten wir Ihnen, worauf es ankommt, damit ein Ski auf harter Piste und Eis hält – und was der Hersteller, der Servicemann und auch Sie selber dafür tun können.

Text Rainer Bommas Bild Wintersteiger, Montana

Es ist immer wieder begeisternd, wie die Rennläufer auf eisigen Steilhängen wie auf Schienen durch die Tore ziehen. Kein stockern oder rutschen, perfekter Halt auf der Kante. „So will ich auch über Eishänge fahren“, denkt sich mancher – und driftet selbst haltlos über das Eis.

Eines gleich vorneweg: Eisgriffigkeit ist nicht nur eine Frage des Materials. Es bedarf auch der aktiven Mithilfe des Fahrers. Viele Skifahrer, die über mangelnde Eisgriffigkeit ihrer Ski klagen, schieben die Schuld zu unrecht auf das Material. Es ist vielmehr ihr ausbaufähiges fahrerisches Können.

Zentral auf dem Ski stehen

Optimale Voraussetzungen hat, wer zentral auf dem Ski steht und so Kraft auf die gesamte Länge der Kante ausüben kann – die Grundvoraussetzung für einen geschnittenen Schwung. Diese Kraft muss groß genug sein, um den Ski so durchzubiegen, dass seine natürliche Biegelinie in der Kurve zur Geltung kommt. Nur dann hat die gesamte Kantenlänge Kontakt mit der Unterlage. Außerdem braucht es Mut, einen solchen geschnittenen Schwung auf Eis zu fahren. Denn der Skifahrer muss sich entsprechend weit in die Kurve legen und seinem Material vertrauen – ähnlich wie ein Motorradfahrer in starker Schräglage sich auf seine Reifen verlassen muss.

Das sind die Idealbedingungen, um perfekt durch die gesamte Kurve zu schneiden. Man kann den Schwung selbstverständlich auch andriften und dann nach und nach mit mehr Krafteinsatz den Punkt ertasten, ab dem die Kante voll greift und den Ski durch die Kurve zieht. Anderen reicht es aus, kontrolliert über Eishänge zu driften und dosiert von Schwung zu Schwung den Hang zu bewältigen.

Fahrer mit Rücklage haben hier allerdings ganz schlechte Karten, weil dadurch die Kontrolle deutlich geringer wird. Das Einnehmen der zentralen Position über dem Ski ist immer der erste Schritt zu mehr Eisgriffigkeit – unabhängig vom Ski. In der Realität sind die Übergänge der verschiedenen Fahrformen fließend. Man kann jedoch sagen: je höher das technische Können und der fahrerische Anspruch, desto wichtiger wird der Faktor Eisgriffigkeit des Ski.

Fachleute definieren Eisgriffigkeit als den Grip, den der Skifahrer über die gesamte Kantenlänge auf hartem Untergrund aufbaut, um einen Schwung geschnitten entlang der natürlichen Biegelinie fahren zu können. Mancher drückt es auch einfacher aus und spricht von dem Halt und der Führung des Skis auf hartem Schnee oder Eis.

Ski müssen Härte zeigen

In der etwas anspruchsvolleren Definition wird schon deutlich, dass sich das Thema nicht auf eine scharfe Kante reduzieren lässt. Konstruktiv sind sich alle Skihersteller einig, dass eine hohe Torsionssteifigkeit wichtig ist, damit der Ski den nötigen Biss auf Eis entwickeln kann. Harter Kunstschnee stellt übrigens eine ganz ähnliche Herausforderung wie Eis dar. Eine hohe Torsionssteifigkeit um die Längsachse bedeutet, dass die Kante, wenn man Druck ausübt, diesem nicht ausweichen kann, der Ski also dem Steuerungsimpuls folgt und in den Untergrund schneiden kann.

Hohe Torsionssteifigkeit erzielen die Hersteller zunächst einmal durch einen hochwertigen Kern, der bei guten Ski fast immer aus vielfach verleimten Holzschichten besteht. Ein Schaumkern, wie er in Billig-Ski zum Einsatz kommt, hingegen kann den hohen Kräften selten den nötigen Widerstand entgegensetzen. Spezielle Versteifungen des Ski im vorderen Bereich, wobei insbesondere Titanal oder Karbon Verwendung finden, sind weitere konstruktive Maßnahmen, die der Eisgriffigkeit zugute kommen. Seitenwangen aus ABS-Kunststoff oder Phenol, die über die gesamte Skilänge verlaufen, sind weitere Bauteile, die die Kraft direkt auf die Kante bringen und den Grip erhöhen.

Viel Kante in den Schnee bringen

Die Eisgriffigkeit ist auch maßgeblich beeinflussbar über die effektive Kantenlänge, die direkten Schneekontakt hat. Das bedeutet z. B., dass die neuen Rocker-Ski durch ihre stärkere Aufbiegung vorne und hinten weniger Kantenlänge in den Schnee bringen können, tendenziell also weniger Grip auf Eis haben als Ski mit klassischer Vorspannung. Am meisten Kantenlänge wirkt, wenn ein Skifahrer seinen Ski in der Kurve entsprechend seiner natürlichen Biegelinie durchbiegen kann, so wie man es bei den Rennläufern sieht.

Bei der wirksamen Kantenlänge kommt aber auch das Thema Dämpfung und Elastizität ins Spiel. Denn wie ein Auto, das nur mit gut funktionierenden Stoßdämpfern immer Kontakt zur Straße hält und somit manövrierbar bleibt, muss natürlich auch der Ski mit seiner Kante immer im Schnee bleiben. Verliert ein Ski durch Vibrationen, Rippen, Schläge, Wellen etc. den Pistenkontakt, leidet darunter seine Eisgriffigkeit. Nicht umsonst haben die Skihersteller aufwendige Dämpfungssysteme entwickelt (vgl. vorige Ausgabe), die für Laufruhe und damit Grip sorgen.

In diesem Kontext spielt auch das Zusammenwirken des Systems Ski/Bindung eine wichtige Rolle. So berichten Hersteller, dass sich der gleiche Ski mit unterschiedlichen Bindungssystemen völlig anders fahre, immer abhängig von den Faktoren Kraftschluss und Dämpfung, wobei auch der Skischuh nicht außer Acht gelassen werden darf. Dazu mehr in den folgenden Ausgaben, wenn es um die Themen Bindung und Skischuh gehen wird.

Die Kanten scharf machen

Kommen wir zu einem weiteren Punkt, der einen direkten Einfluss darauf hat, ob ein Ski auf Eis hält oder nicht: die Kantenpräparation. Alle Hersteller liefern ihre Ski inzwischen bestens präpariert aus, gut gewachst und mit scharf geschliffenen, polierten Kanten. Doch der Zustand der Kante ändert sich schon nach wenigen Skitagen, und die Konsequenzen sind für jeden Skifahrer sehr schnell spürbar, insbesondere, wenn es auf der Piste eisig wird. Woran liegt das?

Die von den Skiherstellern eingesetzten Kanten bestehen aus Stahl. Dieser hat eine Härte zwischen 90 und 95 Rockwell, wie die Maßeinheit heißt. In der Regel kommen Kanten mit 92 Rockwell zum Einsatz. Damit ist der Stahl relativ elastisch und kann gut bearbeitet werden. Ist der Stahl härter, bleibt die Kante zwar eventuell länger scharf, ist aber auch spröder und damit empfindlicher gegenüber Bruch. Und wird diese harte Kante stumpf, wird es schwierig, sie wieder zu schleifen.

Stumpf wird die Kante durch verschiedene Faktoren: Da ist einmal der Druck durch Eis und kalten Schnee, vor allem auch durch die Molekularstruktur von Kunstschnee, der im Mikrobereich Kantenmaterial nach außen drückt. Die Kante wird rund und es entstehen Grate. Eine andere Ursache für stumpfe Kanten ist die Fahrt über Steine, die die Kante punktuell verbrennt oder Scharten und Grate hinterlässt.

Von einer scharfen Kante spricht man, wenn der Kantenradius an der Spitze zwischen 10 und 30 μm liegt. Die berühmte Prüfung mit dem Daumenballen gibt auch Auskunft. Doch Vorsicht: Wenn man sich an der Kante schneidet, ist sie nicht scharf, sondern hat einen Grat. Und dieser macht eine Skikante für den Einsatz auf der Piste eher untauglich.

Damit eine Kante scharf ist, muss sie belagsseitig frei von Strukturen sein. In den Belag wird jedoch eine Struktur geschliffen, die zunächst auch auf der Kante Spuren hinterlässt. Diese müssen daher anschließend auspoliert werden, da die Kante sonst rupft. Die Service-Maschinenhersteller haben hier inzwischen sehr anspruchsvolle Schleifverfahren entwickelt, die die Kante belagsseitig und außen perfekt poliert.

Eine Frage der Geometrie

Die Kantengeometrie ist ein weiterer Punkt, der die Fahreigenschaften Drehfreudigkeit und Eisgriffigkeit beeinflusst. Damit der Ski drehfreudig bleibt und der Belag plan geschliffen werden kann, ohne jedes Mal auch Kantenmaterial abzutragen, wird die Kante belagsseitig leicht abgehängt, also nach außen abgeschrägt. Damit kann man den Ski leichter andrehen, die Kante packt nicht in jedem Schneehaufen gleich zu. Die Gefahr des Verschneidens sinkt. Die meisten Hersteller liefern ihre Ski mit 0,5 bis 1 Grad abgehängten Kanten aus.

Gleichzeitig werden die Seitenkanten hinterschliffen, also schräg nach oben abgeschliffen. Hier liegen die Werte meist zwischen 88 und 89 Grad. Durch Abhängen und Hinterschleifen entstehen also spitze Winkel zwischen 87 und 88 Grad. Je spitzer dieser Winkel ist, desto aggressiver ist die Kante. Ex-Slalom-As Frank Wörndl soll teilweise extreme Winkel um die 84 Grad gefahren sein. Mit zunehmender Aggressivität haben spitze Winkel den Nachteil, dass sie sehr empfindlich gegenüber Verletzungen sind, die Standzeiten also rapide sinken.

Das Abhängen der Kante hat auch Einfluss auf die Spritzigkeit des Skis. Je stärker abgehängt, desto länger dauert es, den Ski von einer Kante auf die andere zu legen. Das bedeutet, dass Pisten-Ski weniger stark abgehängt werden als Allmountain- oder Freeride-Ski, die mehr im Tiefschnee zum Einsatz kommen. Außerdem gilt: Je kälter der Schnee, desto spitzer die Kantenwinkel. Dies sind alles Angaben aus dem Rennlauf, die tendenziell natürlich übertragbar sind auf den Normalskiläufer. Es gibt Aussagen, dass das Abhängen der Kante von einem Grad sieben Zentimeter Kippneigung im Knie entsprechen.

Die Kante eines Carving-Ski sollte vom vorderen bis zum hinteren Auflagepunkt scharf geschliffen und poliert sein. Am Skiende und an der Skispitze werden die Kanten jedoch entschärft oder, wie man früher sagte, gebrochen. Das bedeutet, dass die ersten ca. zehn und die letzten ca. fünf Zentimeter der Kante nicht so scharf sind, um das Einsteuern in den Schwung und die Ausleitung zu erleichtern. Die Gefahr eines Verschneidens oder Hängenbleibens wird so gemindert. Viele Rennläufer fahren ihre Ski aber lieber komplett „scharf“.

Wieder wie neu?

Ganz objektiv betrachtet, kann ein Ski durch den folgenden Skiservice nie mehr wie neu werden, da Materialabtrag an Belag und Kante stattfindet. Die Fahreigenschaften können jedoch zu 100 Prozent wieder hergestellt oder sogar noch verbessert werden. Dazu bedarf es aber Maschinen auf höchstem Niveau. Eine Verbesserung ist insofern möglich, als die Präparation auf individuelle Wünsche eingehen kann. In Bezug auf die Eisgriffigkeit betrifft das in erster Linie die Kantengeometrie mit entsprechenden Winkeln beim Abhängen und Hinterschleifen der Kante.

Wie oft ein Ski neu geschliffen werden muss, hängt natürlich sehr von den Bedingungen ab. In der Regel müssen die Kanten nach drei bis sieben Skitagen geschliffen werden. Sind die Bedingungen sehr eisig, wird viel auf kaltem Altschnee und vor allem Kunstschnee gefahren, sinken die Standzeiten. Hat man das Glück, jeden Tag auf frischem Pulver zu fahren, müssen die Ski seltener in die Werkstatt. Wachsen sollte man täglich. <<<

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Unterkante/Seitenkante mit Band bearbeitet
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