Wie auf Schienen

Laufruhe ist für viele gute Fahrer ein ganz entscheidendes Kriterium bei der Wahl des richtigen Ski. Doch was muss in einem Ski stecken, damit er nicht flattert oder nervös auf kleinste Schläge und Unebenheiten reagiert? Die Hersteller zeigen sich bei der Beantwortung dieser Frage immer erfinderischer

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Text Rainer Bommas Bild Hersteller

Laufruhe ist für manchen Skifahrer gleichbedeutend mit Spurtreue und sicherem Geradeauslauf in der Schussfahrt, ohne dass der Ski flattert, zum Verschneiden neigt oder nervös hin und her wackelt. Doch das trifft die Sache nicht ganz. Manche halten es für Flattern, wenn ihr plan gestellter Ski in der Schussfahrt schwimmt. Doch das hat nichts mit mangelnder Laufruhe zu tun, sondern ist völlig normal, wenn nicht eine Kante die Führung des Skis übernimmt. Dieses Schwimmen ist bei stärker taillieren Ski ausgeprägter als bei den früheren „Zaunlatten“. Wer in der Schussfahrt unsicher ist, sollte daher immer leicht die beiden rechten oder die beiden linken Kanten belasten.

Wie laufruhig ein Ski wirklich ist, zeigt sich am besten bei steigender Geschwindigkeit, vor allem bei lang gezogenen Schwüngen. Dabei ist es entscheidend, ob der Ski die Linie, die Spur hält, ohne zu flattern, zu vibrieren oder gar zu hüpfen. Laufruhe bedeutet, dass die Kante auf der vollen Länge den Kontakt zur Unterlage hat. Damit behält der Fahrer auch bei hohem Tempo die Kontrolle über seine Bretter.

Doch es ist nicht nur das Material, das hier eine Rolle spielt: Damit der Ski diese Laufruhe entwickeln und den ständigen Kontakt möglichst über die gesamte Kante halten kann, muss der Skifahrer auch über entsprechendes technisches Können verfügen. Dazu muss er möglichst zentral über dem Ski stehen, denn nur so kann die eingesetzte Kraft über die Skimitte nach vorne und hinten übertragen werden. Skifahrer, die dazu tendieren, mit Rücklage zu fahren, können die Kraft nicht auf den ganzen Ski bringen, der Ski hat im vorderen Bereich wenig Druck, was dann oft das Urteil nach sich zieht: „Mein Ski flattert und ist unruhig.“

Konstruktive Maßnahmen

Doch natürlich spielt auch die Konstruktion eine entscheidende Rolle. Ganz entscheidend ist der Aufbau und Materialeinsatz. Und wenn man sich das näher ansieht, wird schnell deutlich: Laufruhe hat ihren Preis. Denn dafür bedarf es des Einsatzes hochwertiger Holzkerne, die in der Lage sind, ihre Spannung und Flexibilität über einen langen Zeitraum zu erhalten. Die Schwierigkeit dabei ist, dass sich der Ski einerseits durch ein hohes Maß an Flexibilität dem Untergrund anpassen und harmonisch durchbiegen lassen muss. Andererseits braucht er eine bestimmte Vorspannung, damit die Kraft gleichmäßig über die Skilänge verteilt werden kann. Aus diesem Grund ist für laufruhige Ski auch eine hohe Torsionssteifigkeit gefragt. Der Ski darf sich nicht um seine Längsachse verdrehen, denn das würde zur Folge haben, dass er dem Druck, den der Fahrer auf die Kante ausübt, ausweichen würde. Die Linie ginge verloren, das Spurhalten wäre nur schwer möglich. Für die Entwickler heißt das: Der Ski muss in Querrichtung flexibel und in Längsrichtung sehr steif sein.

Einlagen aus Titanal und Karbon

Neben dem Einsatz vielfach verleimter Holzkerne aus speziell ausgesuchten Holzarten spielen hier Titanal und Karbon eine große Rolle. Bei besonders laufruhigen Ski setzen die Hersteller oft zwei Titanal-Gurte ein, die über und unter dem Holkern vor der Bindung zum Einsatz kommen. Titanal ist eine Aluminium-Legierung, die sehr leicht ist. Gleichzeitig sind die von der Skiindustrie eingesetzten Titanal-Bleche extrem verwindungssteif, ohne den Flex des Ski nachhaltig negativ zu beeinflussen. Es gibt auch einzelne Hersteller, die Magnesium oder andere Leichtmetalle mit einem anderen Namen verwenden.

Ganz ähnlich verhält es sich mit den noch leichteren und teureren Karboneinlagen. Ihre Eigenschaften können durch die Anzahl und Struktur der Kohlefaser-Längs- und -Querfasern sehr genau definiert und auf den jeweiligen Einsatz abgestimmt werden. So nimmt die Steifigkeit von der Skimitte zur Spitze zu, da unter der Bindung die Durchbiegung größer sein muss, als im Schaufelbereich. Dort muss wiederum wegen der geringeren Dicke und größeren Breite des Skis die Torsionssteifigkeit des Materials sehr hoch sein.

Dämpfung steht hoch im Kurs

Neben der Elastizität und Torsionssteifigkeit sind es aber auch Dämpfungseigenschaften, die die Laufruhe entscheidend beeinflussen. Während die Hersteller in Sachen Holzkerne, Titanal-Einlagen und Karbon-Begurtung trotz firmenspezifischer „Rezepturen“ recht ähnliche Wege beschreiten, haben die Techniker in Sachen Dämpfung sehr unterschiedliche Technologien entwickelt. Während die Lagerung der Kanten auf Gummistreifen oder der Einbau von Elastomer-Einlagen in den Sandwich-Konstruktionen quer durch alle Skibaupläne vertreten sind, um Schwingungen und feine Vibrationen zu reduzieren, haben fast alle Hersteller darüber hinaus ganz eigene Lösungen in Sachen Dämpfung zu bieten.

Elektronische Dämpfung

So setzt Head z. B. auf seine sog. „Intelligence“-Technologie, die auf „Intellifibers“ basiert, die in einem Winkel von 45 Grad vor der Bindung in den Ski integriert werden. Sie verwandeln nach Angaben von Head mechanische Impulse in piezoelektrische Energie. Je mehr Kräfte wirken, desto mehr Energie wird produziert. Diese wird wiederum an die Intellifibers zurückgeleitet und führt dazu, dass sich diese versteifen und so dem Ski mehr Rückstellkraft und Torsionssteifigkeit verleihen. Noch ausgeprägter soll das darauf aufgebaute „Intelligence Chip“-System wirken. Die von den „Intellifibers“ erzeugte elektrische Energie wird demnach in einen unter der Bindung integrierten Computerchip geleitet, dort gesammelt, verstärkt und entsprechend dem spezifischen Schwingungsverhalten der Ski an die „Intellifibers“ zurückgeschickt. So werde der Effekt der „Intelligence“-Technologie multipliziert und die Performance nochmals deutlich gesteigert, argumentiert Head.

Doppelter Ski

Eine ganz andere konstruktive Lösung bietet Atomics „D2 Doubledeck“-Technologie: Atomic vertraut dabei auf eine Konstruktion aus Ober- und Unterski, die durch gleitende Gelenke elastisch verbunden sind. Der relativ weiche Unterski – das Adapter Deck – soll dabei negative Schwingungen dämpfen, damit der Ski ruhiger liegt und einen besseren Kantengriff aufbaut. Der stabilisierende Oberski – das Control Deck – soll dabei die Steuerimpulse des Fahrers aufnehmen und an den Unterski weiterleiten.

Gleitende Karbon-Platte

Nordica wiederum setzt bei seiner EDT-Konstruktion (Efficient Dynamic Technology) auf eine auf der Skioberfläche befindliche Karbon-Platte, die über Langlöcher frei gleiten kann. Diese im vorderen Skibereich platzierte Platte soll die Effizienz der Skistruktur erhöhen, die Kraftübertragung optimieren und die Torsionssteifigkeit steigern. Gleichzeitig soll der Flex unbeeinflusst bleiben. Als Resultat verspricht Nordica den Flex eines Pistenski mit der Torsionssteifigkeit eines Rennski.

Öldruckdämpfer

Anleihen aus dem Automobilbau nimmt Blizzard bei seinem horizontal angebrachten Dämpfungssystem „IQ – Power Full Suspension“. Ein vom Skiende bis zur Spitze verlaufender Karbonstab ist mit einem Öldruckdämpfer in der Skimitte verbunden. Blizzard verspricht höchste Performance bei hohen Geschwindigkeiten und eine extrem wirkungsvolle aktive Vibrationsdämpfung. In einer abgespeckten Version mit Feder statt Öldämpfer bietet Blizzard diese Technologie unter dem Namen „IQ – Power Suspension“ an. Der Karbonstab soll dabei für eine verbesserte, gleichmäßige Kraftübertragung und zusätzliche Beschleunigung am Schwungende sorgen.

Dämpfungsarme

Salomon hingegen setzt auf seine „Powerline“-Technologie, um Vibrationen zu reduzieren. Dabei setzt der Hersteller bewegliche Komposite-Dämpfungsarme ein, die auf Elastomeren lagern. Das Ziel dieser Bauweise: Außerordentlich guter Kontakt zwischen Ski und Schnee und eine verbesserte Laufruhe. Gleichzeitig soll der Ski damit eine zusätzliche Beschleunigung am Schwungende erfahren.

Wellenstruktur

Auf ein ganz anderes Konzept setzt Elan: die Waveflex-Technologie. Die besten Bretter der Slowenen zeichnen sich durch eine wellenförmige Konstruktion der Skioberfläche aus. Diese Bauweise zielt darauf ab, höchstmögliche Torsionssteifigkeit zu erreichen, dabei aber den Flex der Sandwich-Konstruktion zu erhalten. Dieses Prinzip lässt sich anhand eines mehrfach gefalteten Blattes Papier verdeutlichen: Parallel zu den Falten (oder eben Wellen) lässt sich das Blatt gut biegen. In Querrichtung hingegen ist das Blatt sehr stabil. Genau diesen Effekt soll Waveflex haben.

Dies sind einige, aber längst noch nicht alle eingesetzten Technologien zur Erzielung von Laufruhe durch Dämpfung und verbesserte Torsionssteifigkeit. Sie sollen aber zeigen, dass diesen beiden Parametern eine hohe Bedeutung für laufruhige Ski zukommt.

Zusammenspiel ist entscheidend

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass hochwertige laufruhige Ski über einen Holzkern verfügen. Dafür sprechen die gleichmäßige Biegelinie, die anhaltende Flexibilität und die harmonische Kraftverteilung über den gesamten Ski, wobei Seitenwangen sehr hilfreich sind. Laufruhe wird über einen möglichst gleichmäßigen und über die gesamte Kantenlänge wirksamen Druck erzielt, weshalb auch die Torsionssteifigkeit eine wichtige Rolle spielt. Dafür setzen die Skibauer auf eine meist doppelte Begurtung mit Titanal- oder Karbon-Einlagen. Dämpfende Konstruktionen erhöhen ebenfalls die Laufruhe. Das reicht von gummigelagerten Kanten über dämpfende Elastomer-Einlagen im Skiaufbau bis zu Technologien mit aktiven Stoßdämpfern. Dabei darf man aber nicht übertreiben. Denn Vorsicht: zu viel Dämpfung macht den Ski träger. Spritzigkeit und Reaktionsschnelligkeit können auf der Strecke bleiben. Für die Wahl des richtigen Skis ist eine eingehende Beratung im Sportfachhandel sinnvoll, damit Sie das Modell finden, das zu Ihren Ansprüchen passt. <<<

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Blizzard setzt einen Öldruckdämpfer zur aktiven Dämpfung der Ski ein.
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Mehr Laufruhe verspricht die Doppelski-Technologie von Atomic.
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Durch die VarioFlex-Technologie wird der Flex je nach Belastung verändert.

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