Komfortwunder Bootfitting

Individuelle Schuhanpassung: Es gibt ihn wirklich, den optimal passenden Skischuh. Dank verschiedenster Anpassungsmöglichkeiten kommen sogar Fahrer mit „Problemfüßen“ relativ leicht und schnell zu einem Stiefel, der sowohl eine Top-Performance bietet als auch bequem und fest am Fuß sitzt. Man muss nur den richtigen Experten treffen. Denn BootFitter bewirken in Sachen Schuhanpassung wahre Wunder.

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Text: Timo Böckenhüser

Die Industrie schläft nicht. Nie. Weder im Sommer noch im Winter. Es wird ohne Unterbrechung getüftelt, experimentiert, entwickelt, verbessert. Eine Folge: Ski und Schuhe werden immer leichter und vielseitiger, ohne in einem Bereich an Performance zu verlieren. Eine weitere Folge: Ski und Schuh werden immer komfortabler. Im Falle der Stiefel heißt das: Gut passende High-Performance-Skischuhe, in denen die Zehen warm bleiben und nicht einschlafen, sind kein Hexenwerk mehr. Wer heutzutage nicht unbedingt das billigste Modell kauft, in das sein Fuß irgendwie reinpasst, sondern beim Kauf ein bisschen Zeit investiert und auch mal ein paar Euro mehr in die Hand nimmt, der bekommt einen optimal sitzenden Skistiefel. Mit exzellenter Passform, starker, direkter Kraftübertragung, ausgezeichneter Stabilität und hervorragender Performance. Ganz egal, ob er an einem Fersensporn leidet, ein Überbein oder irgendwelche anderen Beschwerden an den Füßen hat – Bootfitting lautet das magische Zauberwort, das dies möglich macht!

Hoher Komfort für jeden

„Der Wunsch nach mehr Individualität und höherem Komfort hat die Industrie dazu gezwungen, neue Technologien im Skischuhbereich zu entwickeln“, bestätigt Arno Jandl vom österreichischen Schuh- und Anpassungsspezialisten Boot Doc, das unter anderem individuell geformte Skischuh-Einlagen herstellt. „Und das Ergebnis ist wirklich beeindruckend. Heute kann jeder im Fachhandel bei einem Bootfitter einen auf seine persönlichen Bedürfnisse abgestimmten Schuh bekommen.“ Mit anderen Worten: Die Zeiten von Druckstellen, Eisfüßen und allen anderen in und von Skistiefeln auf der Piste verursachten Schmerzen sind vorbei. Industrie und Handel haben inzwischen für jeden Skifahrer einen passenden Schuh. Die Möglichkeiten, ein Modell individuell an den Fuß seines Trägers anzupassen, sind vielfältig. Jeder Hersteller bietet verschiedene Arten an. Vacuum Fit, Thermo Fit oder Memory Fit heißen sie. Um Ihnen einen guten Einblick in die Welt des Bootfittings zu geben, haben wir uns Experten in die Redaktion eingeladen und ein Seminar unseres Partners Tecnica ausgerichtet. Dabei waren auch die Fachleute von Boot Doc, die die Fuß-Vermessung und -Analyse übernommen und die Wichtigkeit guter Fußbettungen (Einlegesohlen) dargelegt haben. Denn jede individuelle Anpassung beginnt mit einer Analyse der Füße. Mittels eines Laser-Scanners wird ein 3-D-Modell erstellt, und die wichtigsten Parameter werden ermittelt. Wie lang und breit sind die Füße? Welche Beschaffenheit hat die Fußhöhle (Senkfuß, neutral oder Hohlfuß)? Wo sind Problemstellen wie Überbeine oder ausgeprägte Adern? Denn: Eine gute Versorgung des Fußes im Schuh ist essenziell für hohen Tragekomfort!

Vier Wege zum Glück

Es gibt vier Hauptarten, einen Skischuh zu modifizieren. Oft bringt es schon viel, sich der Basis zu widmen und eine angepasste Einlegesohle zu verwenden, die dem Fuß mehr Stabilität gibt, in der richtigen Position hält und leichte Fehlstellungen ausgleichen kann.

Tipp vom Schuhexperten

„Auch wenn es manchmal schwerfällt: Beim Kauf sollte man auf den Verkäufer und dessen Ratschläge vertrauen. Ein Schuh weitet sich noch in den ersten Tagen auf der Piste, die endgültige Passform hat er nicht im Geschäft, sondern erst nach einigen Abfahrten. Deshalb gilt: Ein Stiefel darf bei der Anprobe etwas eng wirken. Zumal es immer einfacher ist, in der Anpassung etwas Volumen zu ­entfernen oder den Schuh zu weiten, als ein zu großes Modell dem Fuß anzupassen!“

Als zweites nehmen sich Bootfitter meist des Innenschuhs an, der nach kurzer Erwärmung plastisch verformt und an den Fuß und den Unterschenkel des Träger angepasst werden kann. „Nach unserer Erfahrung können damit die Beschwerden von rund 80 Prozent der Kunden behoben werden“, sagt Matteo Murer, Produktmanager bei Tecnica. Ein durchaus beeindruckender Wert, vor allem in Anbetracht der Tatsache, dass eine Thermo-Anpassung extrem schnell und einfach vonstatten geht – vorausgesetzt, der Innenschuh eignet sich dafür. Gibt es im Anschluss weiterhin Druckstellen oder Ähnliches, kann der Innenschuh mit speziellen Werkzeugen intensiver verformt werden. Bringt auch das noch keine beschwerdefreie Passform, bearbeitet der Bootfitter den Innenschuh mit einer kleinen Fräse und schleift Material an den Stellen ab, an denen der Schuh drückt. Sollte auch das nicht das optimale Resultat gebracht haben, wird die Schale in Angriff genommen, auch erst mittels Thermo-Verformung, in letzter Instanz dann mit einer Fräse. „Skistiefel werden von innen nach außen entwickelt“, erklärt Peter Hölzer, der bei Boot Doc Händler-Schulungen betreut, das Prinzip.

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Kampf den Druckstellen: Mit einer kleinen Handfräse entfernt der Bootfitter Material des Innenschuhs – gute Stiefel sind so gefertigt, dass man problemlos einige Millimeter des Materials abtragen kann.

Der Innenschuh – das Heiligtum

An den Schuhen der Athleten aus dem Weltcup-Zirkus arbeiten die Experten grob zwei volle Tage, die Schalen sehen im Anschluss völlig formentstellt aus, sind aber genau auf Fahrstil und Bedürfnisse der Top-Fahrer abgestimmt. Das wirklich Beeindruckende aber: Die weltbesten Rennläufer haben zwar ungefähr fünf verschiedene Paar Schuhe pro Disziplin – weil zum Beispiel die Bedingungen in Europa und in den USA grundverschieden sind und unterschiedliche Setups benötigt werden – doch sie verwenden nur ein bis zwei Innenschuhe. „Der Innenschuh ist fast wichtiger als die Schale, deshalb ist es nicht selten, dass die Profis ihren bei Flugreisen im Handgepäck mit sich führen und den Innenschuh gut und gerne vier Winter fahren!“, sagt Ivan Rensi, der bei Tecnica die individuelle Anpassung der Weltcup-Fahrer vornimmt.

Diese Tatsache zeigt auch, dass sich beim Innenschuh die Spreu vom Weizen trennt. Denn ein guter Skistiefel verfügt logischerweise vor allem über einen guten Innenschuh. Und diesen zeichnet wiederum aus, dass er einem Bootfitter mehrere Möglichkeiten bietet, ihn individuell den Bedürfnissen des Kunden anzupassen. Heißt: Er ist aus hochwertigem Material gefertigt und verfügt beispielsweise in Form eines dicken Schafts über genügend Spielraum, um bei Druckstellen etwas Material abzufräsen. Deshalb lautet das Motto beim Skischuhkauf: „Auf den Fuß hören, ihn entscheiden lassen und ihm durchaus etwas Gutes tun!“ Denn zum einen haben gut sitzende Stiefel maßgeblichen Anteil am Fahrkomfort, zum anderen zeigt sich oft erst nach ein paar Abfahrten oder sogar einigen Tagen auf der Piste, wo ein Schuh drückt. Man sollte also in Anbetracht der heutigen Möglichkeiten definitiv mit etwas Weitblick in einen Schuh investieren, an dem ein Bootfitter später noch Änderungen vornehmen kann. Bei dem absoluten Low-Price-Modell ist dies oft problematisch oder zum Teil sogar unmöglich! „Das Material ist schlechter zu bearbeiten, die Passform erheblich schlechter und die Anpassungsmöglichkeiten sind begrenzt“, bestätigt Armin Vogel, Inhaber des Skifachgeschäfts „alpenstille“ in Forsbach bei Köln.

Qualität hat ihren Preis

Bei hochwertigen Schuhen sieht die Sache ganz anders aus. Neben mehr Funktionalität (atmungsaktive Materialien mit guten Eigenschaften zum Feuchtigkeitstransport) und sinnvollen Features wie einzeln verschraubten Alu-Schnallen, die im Schadenfall deutlich einfacher (heißt: günstiger) ausgetauscht werden können, bieten sie dem Experten viel mehr Möglichkeiten, um die Passform des Stiefels für den Kunden individuell zu verbessern. Die Materialien der Schale und des Innenschuhs sind hochwertiger und besser zu bearbeiten. Die Zunge kann gegebenenfalls dem Schienbein angepasst werden. „Ein hochwertiger, optimal sitzender Schuh bringt viele Vorteile und ein echtes Plus an Fahrkomfort“, bestätigt Armin Vogel. „Man kann es gut mit einem Auto mit einer ausgeschlagenen Lenkung vergleichen – damit fährt es sich auch deutlich unsicherer und unkomfortabler. Dazu ist er langlebiger und behält länger seine Passform. Deshalb lohnt es sich auch für Fahrer, die im Jahr nur eine Woche Ski-urlaub machen, gute Schuhe zu kaufen.“

Zum Abschluss noch ein letzter Tipp: Laut Experten wie Armin Vogel und Arno Jandl verursachen oft auch die Socken Beschwerden im Schuh. Deshalb empfehlen sie hochwertige Kompressionsstrümpfe, die ohne Falten angenehm anliegen.

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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: SkiMAGAZIN Nr. 05 / 2016

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