SCHWÜNGE ÜBER’M SCHLOSS

Es gibt chemische Elemente, die sind so flüchtig, dass sie, kaum sind sie einmal irgendwo aufgetaucht, auch schon wieder verschwunden sind.

So ein Element ist zum Beispiel Livermorium, hochradioaktiv, die Halbwertzeit beträgt gerade mal 10 Millisekunden. Ähnlich verhält es sich mit den Skigebieten, die mancher Skiclub in Deutschlands Mittelgebirgen betreibt. Kaum tauchen sie einmal auf, sind sie auch schon wieder weg und das oft für Jahre. Im Gegensatz zu den Elementen mit hoher Ordnungszahl, die brav in jedem Periodensystem verzeichnet werden, findet man einige dieser Clubskigebiete aber noch nicht mal im Internet. Im Januar 1996 wohnte ich in Heidelberg. Der Winter 1995/96 war ausnahmsweise einer, der seinen Namen verdient hatte. Meine bezaubernde Nachbarin kommt zu Besuch und mit meinem gerade neu erworbenen Rechner gehen wir gemeinsam das erste Mal ins Netz, Skigebietsportale gibt es aber noch keine. Wie ich trotzdem davon erfuhr, dass sich auf einem hinter der Stadt aufragenden Odenwaldberg ein Skigebiet verbirgt, weiß ich nicht mehr. Jedenfalls liegt es an der Straße zur Höhengaststätte Weißer Stein. Als ich dort den kleinen Container betrete, der zugleich Kasse, Skibar, Wärmestube und Erste-Hilfe-Station ist, verlange ich einmal das 7-Tage Generalabo für alle Anlagen. Es gibt derer allerdings nur eine, die Piste misst 300 Meter und verkauft werden nur Punktekarten. Macht nichts, die für mich als Gewächs des Rheinlands völlig unverhoffte Möglichkeit, sozusagen direkt vor der Haustür ein paar Schwünge im herrlich verschneiten Winterwald zu ziehen, reicht schon für Hochstimmung. Ich mag sie, diese kleinen Clubskigebiete, die nur fortbestehen, weil es Enthusiasten gibt, die privates Geld und viel Zeit opfern. Diese Leidenschaft spürt man und sie sorgt für eine so herzliche Atmosphäre, wie man sie in kommerziellen Skigebieten kaum antreffen kann. Sobald ein kleines Gebiet in der Nähe dank einer ordentlichen Ladung Schnee bis in tiefe Lagen mal wieder auftaucht, bin ich da. Pistenkilometer sind eben nicht alles …

Unser Autor Christoph Schrahe lebt nach der Devise „never ski a ­mountain twice“ – Ausnahmen wie der erneute Besuch im Bergischen Land bestätigen die Regel. Bislang hat er rund 500 Skigebiete in 38 Ländern unter die Bretter genommen.

Für das Ski MAGAZIN wird er an dieser Stelle fortan über seine merkwürdigsten und witzigsten Erlebnisse im Schnee auf sechs Kontinenten berichten.

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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: SkiMAGAZIN Nr. 04 / 2017

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