« Voriger Artikel   |   Nächster Artikel »

Andreas Föhr: Morde im Schnee

Der deutsche Bestsellerautor Andreas Föhr (54) erreicht Buchauflagen über 1OO.OOO Exemplare und ist berühmt dafür, dass in seinen Kriminalromanen die Opfer oftmals im Schnee und auf Ski ihr Leben aushauchen.

Kein Wunder, denn die Bücher spielen alle in Miesbach, der Hauptgemeinde jenes oberbayerischen Landkreises vor den Toren Münchens, in dem die Skigebiete Spitzingsee, Sudelfeld, Wendelstein und Wallberg angesiedelt sind. Außerdem macht Blut im Schnee sich ganz besonders gut. Das SkiMAGAZIN besuchte den Schriftsteller, der auch Drehbücher für den Tatort und die Rosenheim Cops verfasst(e) und einst für den Bullen von Tölz schrieb. Tipp zu Ostern: Föhrs „Karwoche“ lesen – erscheint in diesen Tagen als Taschenbuch.

INTERVIEW JUPP SUTTNER ILLUSTRATION JASMIN SIDDIQUI BILD JUPP SUTTNER, Droemer-Knaur

Herr Föhr – lieben Sie Schnee? Sehr! An erster Stelle die verschneiten Landschaften. Und als Zweites, wenn die Straßen schneebedeckt sind. Es ist still und man hört die Autos viel leiser – eine ganz eigene Atmosphäre. Ich mag es, wenn es schneit, da bin ich gerne draußen und stapfe als Schneeschuhwanderer durch die Gegend.

Wo stammen Sie eigentlich her? Ich bin im Allgäu geboren, lebte aber nur vier Wochen dort, anschließend sechs Jahre in Dortmund – weshalb ich immer noch BVB-Fan bin. Die Schulzeit verbrachte ich am Tegernsee, dann Studium in München.

Aber wie kamen Sie denn als feiner Tegernseer auf die Idee, Ihren Kommissar Wallner und sein Team ausgerechnet in Miesbach anzusiedeln? Weil dies der Hauptort jenes Land-kreises ist, in dem der Tegernsee und der Wallberg liegen. Und ich finde den Ort sehr schön. Er besitzt einen alten Stadtkern mit engen Gassen – so etwas gibt es im ganzen Landkreis nicht mehr. Es existiert übrigens eine Anekdote, dass für einen Sonntagabendfilm des ZDF in Miesbach gedreht wurde, dem Redakteur jedoch der Name der Marktgemeinde missfiel. Miesbach hieß im Film dann Schönbach. Ob es wahr ist, weiß ich nicht. Aber es wird erzählt.

Sie schreiben: „Miesbach ist nicht die Bronx, aber ein bisschen gemordet wird trotzdem.“ Was sagen die „echten“ Polizisten in Miesbach zu Ihren Krimis? Der Herr Schweiger, Chef der Kripo Miesbach, war mal in einer meiner Lesungen und hat anschließend gesagt, dass die Hauptfigur Wallner ihm sehr gut gefalle, die sei auch realistisch. Aber mit dem Kreuthner könne er gar nichts anfangen.

Für jene, die Ihre Werke nicht kennen: der Kreuthner ist ein Polizist mit ungewöhnlichen, fast anarchistischen Ermittlungsmethoden. Genau so ist auch sein Ski-Stil – früher hätte man den Kreuthner wohl als „Pistensau“ bezeichnet. Wie fahren denn Sie? Wie der Kreuthner? Natürlich nicht! Ich würde zwar sagen, dass ich ein etwas überdurchschnittlicher Fahrer bin, aber dennoch kein Rabauke. Ich mag es hügelig, womit ich allerdings keine Hardcore-Buckelpiste meine, sondern große Wellen in steilem Gelände – das wiederum keine ondulierte Autobahn sein sollte.

Besitzen Sie ein Hausgebiet? Nein, aber ich bin viel in Kühtai. Und im Tiroler Inntal, bei Schwaz, hatte ich mal ein Haus, das am Ausstieg eines Sessellift lag. Kolsasberg mit einer tiefroten Piste. Das war natürlich klasse – aus der Türe raus und runter fahren. Bis ich einmal unten war, der Lift seinen Geist aufgab – und ich die ganze Piste in Skistiefeln zu Fuß rauf stapfen musste, um zu meinem Haus zu gelangen …

Ihr Lieblings-Ski-Urlaubsgebiet? La Clusaz in Frankreich. Klein, nett, wenig glatt gebügelte Pisten, Skihütten mit Jazz, gutes Essen – einfach grandios. Überhaupt nicht so, wie man sich immer das sterile Ski-Frankreich vorstellt.

Benötigen Sie Winter um sich herum, um Morde im Schnee zu kreieren? Das kann ich auch im Sommer. Die Fähigkeit habe ich, mich in entsprechende Situationen und/oder in Menschen hinein zu denken. Wenn die Romanfiguren beim Skifahren Pause machen und der Schnee an den Skischuhen schmilzt, dann muss man das allerdings mal erlebt haben. Sonst kommt man schwer auf die Idee, so ein Detail zu beschreiben.

In Ihren Büchern spielt der Tegernseer Wallberg eine zentrale Rolle. Dort raste am 10. März 1959 bei einem der Vorläuferwettbewerbe des Weltcups der Österreicher Toni Mark in eine Menschengruppe. Drei Zuschauer wurden verletzt, Mark erlag seinen Verletzungen. Der damalige Radioreporter Harry Valérien sprach von einem „Schlachtfeld“ als Anblick. Und 2009 geschah noch ein schreckliches Lawinenunglück dort. Ist der Wallberg grausam? So wie der Watzmann? Ich weiß es nicht. Er ist zumindest sehr imposant, weil er das Tal abschließt und seine Hauptseite immer im Schatten liegt. Er hat also schon etwas Düsteres. Aber er ist zugleich ein wunderbarer Skiberg – wenn er frisch beschneit ist. Aber nach drei, vier Tagen wird er meist schwierig, dreckig und eisig.

Welche Passage des Wallbergs – der ja nur noch eine Skiroute und keine reguläre Piste mehr ist – schätzen Sie ganz besonders? Gleich den ersten Teil, wenn man von oben herein kommt. Der Glaslhang ist dann schon was für Bessere, um ihn genießen zu können.

Kennen Sie eigentlich die ganzen Ski-Koryphäen des Landkreises Miesbach und des Tegernsees persönlich? Nein. Weder habe ich jemals die Victoria Rebensburg getroffen noch die Christa Kinshofer. Auch dem Markus Wasmeier bin ich noch nie begegnet. Aber ich weiß noch, wie ich fertig war, als er diese Goldmedaille in Lillehammer gewann – und dann eine zweite gleich noch dazu. Ich habe ihm das sehr gegönnt, denn ich empfinde ihn als extrem sympathischen Typ.

Der berühmte österreichische Schriftsteller Wolf Haas hat einen seiner Krimis mal im Formel 1-Auto-Metier handeln lassen. Würde Sie ein Gegenstück reizen – ein Thriller, der im Weltcup-Zirkus handelt? Mit gelockerten Bindungen, angesägten Skiern, Honig auf dem Belag und so weiter?

Darüber habe ich mir noch keine Gedanken gemacht. Das Problem dabei ist, dass die eigene Anschauung fehlt. Würde das heute überhaupt noch gehen, angesägte Ski? Jedenfalls wäre es ein Mordversuch. Wenn jemand im Zirkus drin ist, könnte er sicher eine interessante Sache schreiben. Welche Rolle das Geld spielt, Zickenkriege usw. Aber ich kenne ja nur die Klischees aus dem Fernsehen. Insofern ist es unwahrscheinlich, dass der Weltcup mal bei mir vorkommt – höchstens als Kulisse.

Wenn Sie die Klischees kennen, bedeutet dies, dass Sie im TV Skirennen ansehen. Ja! Mit Begeisterung! Und wenn es meine Zeit erlaubt, dann sogar beide Durchgänge eines Slaloms oder Riesenslaloms.

Wer gefällt Ihnen aus der Weltcup-Szene? Bode Miller ist auf seine Art ein Genie, ein wirklich cooler Typ. Ted Ligety auch. Und manchmal sieht man noch den Österreicher mit den lackierten Fingernägeln, wie heißt der?

Rainer Schönfelder. Genau, das sind einfach Kerle, die ein bisschen Leben reinbringen und es scheinbar nicht so verbissen sehen. Die auch mal einen saufen gehen, zu spät am Start erscheinen – und trotzdem gut fahren.

Ist Skifahren eine Sportart mit besonders viel krimineller Energie? Man denke nur an die Tausende von Brettern, die jeden Winter gestohlen werden. An den Fall der mit Rauschgift gefüllten – innen hohlen – Ski, die jemand aus Südamerika einschmuggeln wollte. An die Drogen beim Après-Ski. … Skifahren ist zumindest jene Sportart, bei der man den Leuten die gefährlichsten Waffen in die Hand gibt. Ich bin noch nie mit Helm gefahren, aber jetzt kaufe ich mir einen, denn ich bin sonst der letzte Unbewaffnete auf der Piste. Die Leute fahren seit der Erfindung der Carver oft über ihre Verhältnisse. Früher, als es nur Zweiersessel gab, ist man mehr angestanden und es waren viel weniger Menschen auf den Pisten. Skifahren ist deutlich gefährlicher geworden. In meinem Bekanntenkreis gab es in den letzten Jahren Unfälle mit Gehirnerschütterungen, Knochenbrüchen und sogar einer Lähmung – alles passiert bei Kollisionen.

Wolf Haas hat mal zwei Touristen in einem Krimi untergebracht, welche die ganze Nacht im Sessellift von Zell am See verbrachten, was sie nicht überlebten. Was halten Sie von Ihrem Kollegen? Sein Stil ist grandios. Bei ihm steht auch nicht die Kriminalgeschichte im Vordergrund. Ich lese das häppchenweise und genieße Wort für Wort. Er steht ziemlich einsam da.

Und dann möchten wir noch ganz stolz auf die Morde unserer SkiMAGAZIN- und Krimi-Autorin Nicola Förg verweisen. In ihrem Buch „Schussfahrt“ geschieht das Verbrechen bei einem illegalen Skirennen im Gunzesrieder Tal im Allgäu. In Förgs Werk „Tod auf der Piste“ liegt ein erschossener Lehrer auf der Kandahar. Und in ihrem „Funkensonntag“ ergibt sich ein dramatischer Showdown bei einer Skitouren-Abfahrt im Kleinen Walsertal. Welche „Konkurrenten“ fallen Ihnen zu diesem Thema Schnee/Verbrechen noch ein – und wie gefallen Ihnen deren Bände? Ich lese wenig Regional-Krimis und kann deshalb kein Urteil ablegen, sondern höchstens Tucholsky zitieren: „Das bisschen, was ich lese, schreibe ich mir selbst.“ Aber zum Vergnügen gebe ich mir hauptsächlich amerikanische Krimis ohne jeglichen Humor-Aspekt. John Grisham zum Beispiel oder Michael Crichton. Und grundsätzlich lese ich viele Sachbücher, die mir mehr Anregungen geben als Romane.

Geraten Sie beim Schreiben gelegentlich an den Abgrund einer Skiabfahrt – um es symbolisch auszu- drücken – und bekommen Panik, weil Sie nicht mehr wissen, wie es weitergeht? Nein, das war bisher noch nie der Fall. Ich schreibe jeden Tag. Schlimm ist es jedoch immer, ein neues Buch zu beginnen. An den Erfolg anknüpfen zu müssen. Der Verlag, die Leser, ich selbst – alle haben eine Erwartung!

Hört sich an wie der Druck der Nation, wenn man als Führender am Start eines zweiten Slalom-Durchgangs steht. Kann man beim Schreiben „einfädeln“? Das Risiko ist, dass man ein Dreivierteljahr an etwas gearbeitet hat und dann feststellt, dass die Geschichte Macken hat, die nicht zu beheben sind. Das ist mir Gott sei Dank noch nicht passiert – aber kann natürlich passieren. Die Angst ist immer wieder da, dass es einen Augenblick gibt, in dem jemand sagt, „Das fällt jetzt doch ein bisschen ab gegenüber dem, was er bisher geschrieben hat!“

Dann müssten Sie im Treppenschritt zurücksteigen und neu beginnen. Vermutlich. Ich denke mir manchmal, jemand mit einem Büro-Job hat vier Wochen Urlaub und denkt nicht an das Office. Ich kann das nicht. Ich habe meine jeweils aktuelle Geschichte immer im Kopf. Man wird es nicht los.

Was wäre denn ein hübscher Ski-Mord? In Jörg Maurers „Hochsaison“ und in einer Folge der Garmisch Cops wird jeweils ein Skispringer mitten im Flug gekillt. Und auch Biathlon böte doch ein wunderbares Potenzial! Natürlich wäre es naheliegend, wenn mal einer im Wettkampf erschossen wird. Aber hier gilt das gleiche wie für einen Roman im Alpin-Zirkus: Ich bin im Biathlon nicht drin.

Fährt Ihr Kommissar Wallner, den es ja ewig friert, eigentlich Ski? Natürlich, denn er ist ja im Gebirge aufgewachsen. Und ich wollte ihn ja auch schon mal fahren lassen – habe es dann aber wieder gestrichen.

Und Oliver, das neue – aus Berlin stammende – Ermittlungsteam-Mitglied: wird sogar er das Skifahren noch lernen? Er kann es vermutlich schon längst. Denn seine Leidenschaft ist das Bergsteigen, weswegen er sich ja nach Bayern versetzen ließ.

Was ist für Sie das Vergnüglichste am Skispaß? Das Tiefschneefahren! Das entdeckte ich bei einem Touren-Skikurs, den wir in der 11. Klasse hatten. An einem Sonnentag in einen jungfräulichen Hang hinein schwingen – ein Traum …

Sie sind drei Tage auf einer Hütte eingeschneit – mit wem am liebsten? Mit meiner Frau.

Das gilt nicht, es muss jemand anders sein. Mmmmh. Dann mit Ian Andersen, dem Frontmann von Jethro Tull – an den hätte ich ein paar Fragen.

Welche Musik würden Sie beide auf der Hütte hören? Die Glagolitische Messe von Janacek.

Und welches Hüttenspiel würden Sie spielen? Mine-sweeper.

Viel Spaß dabei! Danke …

neuer_name

Diese Artikel könnten Sie auch interessieren

Aktuelle Beilagen und Specials

  • catalog flat
  • catalog flat