Ivica Kostelic: All You Need Is Love

Ivica Kostelic (31) galt bisweilen als „der Bruder von Janica Kostelic“.

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Doch längst hat der Kroate sich von seiner zwei Jahre jüngeren Schwester, die nach Erfolgen ohnegleichen 2007 ihre Karriere beendete, emanzipiert:

18 Weltcup-Siege, 43 Podestplätze, Slalom-Weltmeister 2003, drei olympische Silbermedaillen – und letzten Winter schließlich die Krönung: Gewinn der Kristallkugel für den Gesamtweltcup! Doch seine Interessen gehen weit über den Skisport hinaus – wie er uns im Interview verrät.

INTERVIEW JUPP SUTTNER ILLUSTRATION JASMIN SIDDIQUI BILD Fischer Sports/gepa-pictures

Olympiasiege und WM-Triumphe zählen in der Öffentlichkeit am meis-ten. Doch der sportlich „wertvollste“ Titel im alpinen Ski-Metier ist: den Gesamt-Weltcup zu gewinnen. Das haben Sie nun – in der vergangenen Saison – geschafft. Mit Liebe?

Wie meinen Sie das?

Sie sagten einmal: „Die größte Antriebskraft im Sport ist die Liebe!“

Stimmt. Ich meinte damit, dass Liebe die Basiskraft ist, welche die Menschen bewegt. Die Liebe zum Leben. Die Liebe zur Familie, zu einem bestimmten Menschen vielleicht – die Liebe zu allem. Und natürlich auch die Liebe zum Job. Somit ist – in letzter Konsequenz betrachtet – die Liebe zum Skifahren der große Motivations-Faktor und somit die Grundlage des Erfolgs. Ohne Liebe würden wir unsere Ziele nicht erreichen. Ich glaube an das, was die Beatles sagten: „All you need is love“. Die Liebe macht uns glücklich – und das wollen wir doch alle sein.

Sind Sie als Weltcup-Sieger durch den Sommer „geschwebt“ vor lauter Glücksgefühlen?

Gelegentlich schon. Ich erinnerte mich dann an meinen Erfolg und das machte mich nicht nur stolz, sondern auch – friedlich. Aber das Hauptaugenmerk lag all die vergangenen Monate garantiert nicht auf dem „Schweben“, sondern richtete sich auf die nächste, jetzt bevorstehende Saison.

War es schwierig, sich nach dem Erreichen des sportlichen Lebenstraumes wieder voll zu motivieren?

Nein. Ein gut durchtrainierter Athlet hat im Laufe der Jahre eine Basis-Routine entwickelt, die ihn gut und sicher zum Training zurück bringt. Und wenn ein Athlet ein Ziel erreicht hat – strebt er doch meistens gleich das nächste an. Zumindest ich bin so.

Haben Sie sich trotzdem ein wenig Urlaub gegönnt?

Ich machte einen Boots-Trip die Adriaküste von Kroatien entlang und genoss meine favorisierten Sommer-Hobbies: Tauchen und Speerfischen. Und ich verbrachte sechs Tage lang in einem abgeschiedenem Leuchtturm – fern von jeder Zivilisation. Ein schönes Erlebnis!

Was fasziniert Sie an diesen Sommer-Sports?

Ich bin ein sehr mit dem Meer verbundener Mensch und verbringe jedes Jahr rund zwei Monate dort. Ich tauche bereits seit meinem sechsten Lebensjahr und mit dem Speerfischen begann ich etwa mit 13 Jahren. Ich

liebe dieses „Big Blue“ und die meditative Kraft des Tauchens.

Und Ihre Lieblingssportart – außer Skifahren natürlich – im Winter?

Eishockey! Aber ich habe leider sehr wenig Zeit zu spielen.

Sind Sie froh, dass nun eine Saison ohne WM oder Olympische Spiele bevorsteht, in der es ausschließlich um den Weltcup geht?

Ehrlich gesagt – ich habe keine spezielle Meinung zu dieser Frage. Ich bin einfach glücklich, Rennen fahren zu können – egal in welcher Saison oder zu welchem Anlass.

Erinnern Sie sich noch an Ihr erstes Rennen?

Ja, es war ein Kinderrennen im heutigen Slowenien. Ich war sieben und sehr, sehr nervös – einerseits. Andererseits freute ich mich damals bereits darauf, ein Rennen bestreiten zu dürfen. Unglücklicherweise fädelte ich an einem Tor ein, stürzte – und weinte. Am nächsten Tag beim nächsten Rennen wurde ich dann 73. von 120 Teilnehmern und war sehr stolz auf mich selbst.

Wie waren die Gletscher-Trainings in Ihrer Kindheit? Es heißt, dass Sie und Ihre Schwester im Auto schliefen, um Geld zu sparen, und sich Hütten aus Holz bauten, um im Wald zu nächtigen.

Das war eine Zeit, die ich stets verbinde mit den beiden Gegensätzen „Vergnügen“ und „Harter Weg“. Es war ein spezieller Lebens- und Sportstil, der uns härter und resistenter gegen alle Hindernisse machte, die sich uns später bisweilen in den Weg stellten. Für Janica und mich war es wie eine Art Spiel. Für meine Eltern jedoch weniger, denke ich …

Und – schliefen Sie tatsächlich im Wald?

Ja, aber nicht, weil wir es wünschten, sondern weil wir nicht genügend Geld besaßen, beides zu bezahlen: ein Hotel und die Ski-Tickets. Skipässe benötigten wir jedoch – also schliefen wir im Freien.

Klingt ausgesprochen abenteuerlich und romantisch – wie aus einer anderen Welt.

Ach was. Viele Leute denken immer, dies sei gefährlich und abenteuerlich gewesen – doch wir waren gut gerüstet für diese Art zu campieren. Wir hatten uns bald daran gewöhnt und es war wie selbstverständlich. Und wir lieben es heute noch, ganz nahe an, mit und in der Natur zu leben.

Hatten Sie damals das Gefühl: Wir, die Familie Kostelic – gegen alle.

Wobei wir mit „allen“ die großen Ski-Nationen wie Österreich, Schweiz etc. meinen.

Nein, so ein Gefühl der Konfrontation besaßen wir nicht. Wir träumten für „uns“, eines Tages die Besten zu sein. Aber wir träumten nicht „andere“.

Prägten sich Ihnen auch unschöne Erlebnisse Ihrer Ski-Kindheit ein?

Ja. Es gab Menschen, die sich über uns mokierten und behaupteten, dass

unser Vater ein frustrierter Irrer sei und wir deshalb von ihm weggenommen werden müssten. Das war ausgesprochen niederträchtig. Denn in Wirklichkeit war es wunderschön für meine Schwester und mich, so speziell mit Dad zu trainieren und zu reisen. Für mich ist diese Zeit mit ausgesprochen vielen netten Erinnerungen verbunden.

Würden Sie auch heute noch gerne mal wieder im Wald schlafen?

Was heißt „mal wieder“? Ich schlafe oft im Wald! Aber heute nur, wenn ich es wirklich wünsche ... (grinst fröhlich)

Welchem Vorbild eiferten Sie als „Ski-Renn-Kind“ nach?

Das war Marc Girardelli. Ich mochte ihn so sehr, weil er in allen Disziplinen so gut fahren konnte! (Anmerkung der Redaktion: Der für Luxemburg startende Vorarlberger gewann zwischen 1984/85 und 1992/93, als Ivica fünf bis 14 Jahre jung war, fünf Mal den Gesamt-Weltcup.)

Vater Girardelli war beinhart. Ihr Vater gilt als gleicher Typ. Was war das Härteste an ihm?

Ich würde nach dem, was ich so gehört habe, nicht zustimmen, wenn behauptet würde, Vater Girardelli und mein Vater waren ähnliche Typen. Und speziell zu meinem Vater: Viele der kontroversen Geschichten, die sich um ihn ranken, sind nichts als Mythen. Das liegt vielleicht am ausgeprägten Temperament meines Vaters. Er ist sehr exakt und autoritär, wenn es um das Training geht. Und er erwartet von einem Athleten verantwortungsbewusstes und hingebungsvolles Agieren, was das Programm betrifft. Daran kann ich aber beim besten Willen nichts Unorthodoxes finden.

Bei aller nötigen Trainings- und Wettkampfhärte haben Skifahrer aber oft auch eine weiche Seite. Bennie Raich gestand dem SkiMAGAZIN einmal, dass ihn bei Filmen gelegentlich die Tränen kommen. Geht Ihnen das auch so?

Ich habe nur einmal nach einem Film geweint. Das war bei der Schluss-Szene von „Perfect World“ mit Kevin Costner.

Welche Art von Filmen bevorzugen Sie?

Ich mag künstlerische Filme – anders als die heutigen Spektakel mit Explosionen, Feuer, unmöglichen und unrealistischen Ereignissen. Ich mag gute Qualität bei Filmen, die aber heutzutage leider mehr und mehr verloren geht. Meine Favoriten sind „Der dritte Mann“, „Wild Bunch“ und „Apocalypse Now“.

Träumen Sie manchmal vom Skifahren? So wie Maria Riesch, die immer träumt, dass sie zu spät zum Start kommt?

Ich träume gelegentlich von Rennen, von Crashes und von gigantischen Sprüngen. Aber ich werde in diesen Träumen nie verletzt – das ist sehr angenehm … (grinst wieder)

Und wie fühlt sich das im realen Leben an? Was lieben Sie am Rennfahren am meisten?

Auf der einen Seite die Sache mit dem Adrenalin, und auf der anderen Seite dieses Gefühl, wenn ich ein Rennen beendet habe und happy mit dem Run war. Außerhalb des Renn-Geschehens finde ich Tiefschneefahren am schönsten.

Was ist Ihre große Stärke als Rennläufer?

Ich denke, meine „smoothness“ – also die Laufruhe und die Gleichmäßigkeit.

Und gibt es Dinge, die Sie noch an sich verbessern möchten?

Die Konzentrationsfähigkeit!

Haben Sie eine bestimmte Philosophie – für das Leben oder den Sport?

Es ist sehr hart, ein ganzes Leben in eine philosophische Botschaft zu pressen. Das Leben ist weit größer als so eine Message. Im Sport gilt: The one who endures, wins. Courage is good but endurance is better. (Frei übersetzt: Jener, der das beste Durchhaltevermögen besitzt,

gewinnt. Mut ist gut – aber Durchhaltevermögen ist besser.)

Mit wem wären Sie am liebsten drei Tage in einer Skihütte eingeschneit?

Mit Friedrich Nietzsche oder meiner Freundin.

Und welches Hüttenspiel würden Sie spielen?

Mit Mr. Nietzsche gäbe es eine lange philosophische Debatte. Und mit meiner Freundin? Hm, raten Sie mal! (grinst nun am stärksten …)

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