Linus Straßer: Felix war immer mein Vorbild

Auf dem Fußballfeld wäre Linus Straßer (23) vom TSV 1860 München ein Stürmer. Zwischen den Slalomtoren war er letzte Saison ein Himmelsstürmer. Als Fünfter des Nightrace von Schladming sorgte er für Begeisterung und nährte die Hoffnungen der Skifans, dass er irgendwann in die Fußstapfen von Felix Neureuther und Fritz Dopfer treten kann. Was er noch an sich verbessern möchte, um dies zu erreichen, lesen Sie in diesem Exclusiv-Interview

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© Pemtaphoto

Interview: Jupp Suttner

Linus Straßer liebt das Draußen. Immer wieder fällt sein Blick aus dem Restaurant des oberbayerischen Reha- und Osteo-Zentrums Schliersee hinaus auf die Berge. Als wir dieses SkiMAGAZIN-Interview führen, liegt noch kein Schnee oben. Aber in Straßers Blick ist er gewissermaßen schon zu sehen. Denn er kann sie kaum erwarten, die neue Saison, und sagt: „Wenn ich ein Jahr zurückblicke, bin ich wirklich stolz auf das, was ich seither geschafft habe!“

Der 23-jährige Bayer ist nach seinem Aufstieg 2014/15 heiß. Ein cooler, lockerer Typ, aber dennoch extrem fokussiert. Nicht zuletzt Rang fünf vor 42.500 Zuschauern beim Nachtslalom in Schladming, der das WM-Ticket bedeutete, hat gezeigt, dass der Slalom- und Riesenslalom-Spezialist in der Weltspitze angekommen ist. Der starke zehnte Rang bei seinem Weltmeisterschaftsdebüt unterstrich dies dann eindrucksvoll. „Linus hat eine deutliche Leistungssteigerung gezeigt. Der verdiente Lohn war, dass er in Vail erste Erfahrungen bei Großereignissen sammeln konnte“, lobte DSV-Sportdirektor Alpin Wolfgang Maier den Youngster, der 2015/16 auch im Riesenslalom für Furore sorgen will.

Man nimmt Sie einerseits als Münchner 1860er-Löwe, andererseits aber auch als Kitzbüheler wahr. Was genau ist denn nun Ihr Lebensmittelpunkt? München-Solln.

Und was verbindet Sie mit der Hahnenkamm-Metropole? Meine Eltern fahren seit 25 Jahren nach Kitzbühel zum Skifahren und haben mich natürlich immer mitgenommen. So stand ich dort bereits mit zwei Jahren erstmals auf Ski und bin mit sechs Jahren dem Skiclub Kitzbühel beigetreten. Der Ablauf war von da an immer gleich: Freitag um 13 Uhr, nach der Schule, ab nach Kitz. Und Sonntagabend zurück. Damals war Kitz sozusagen mein Winter-Lebensmittelpunkt.

Und wie kamen Sie zur Skiabteilung des TSV 1860 München? Na ja, irgendwann geht das halt nicht mehr, als Deutscher für einen österreichischen Club zu starten. Also suchte ich mir 2001 als Münchner einen Münchner Verein. Und 1860 war für mich damals bereits ein cooler Traditionsclub – und besaß und besitzt ja sogar eine Ski-Olympiasiegerin! (­Marina Kiehl, Goldmedaillengewinnerin in der Abfahrt, Calgary 1988; Anm. d. Red.)

Im März 2014 holten Sie den natio­nalen Titel im Riesenslalom und wurden anschließend berühmt mit folgendem Zitat: „Mit mir haben die Sechzger wenigstens einen Deutschen Meister.“ Trotzdem hieß es zuletzt, dass Sie eigentlich FC Bayern-Fan sind. Stimmt das wirklich? Ich bin letzten Winter in Schladming und Kitz gut gefahren, und plötzlich haben sich die Leute für mich interessiert. Und da kam dann auch heraus, dass ich mir manchmal Spiele des FC Bayern ansehe. Aber nicht etwa, weil ich ein Fan der „Roten“ bin – sondern weil ich einfach gerne guten Sport sehe. Meine euphorischen Empfindungen jedoch gelten den „Löwen“ – ich habe im Sommer bei den Relegationsspielen vor Aufregung echt geschwitzt, als es um den Verbleib in der 2. Liga ging (1860 rettete sich mit einem Tor in der Nachspielzeit gegen Kiel; Anm. d. Red.)!

Was ist denn der Unter­schied zwischen der Skiabteilung von 1860 München und dem SC Kitzbühel? Ein riesiger Unterschied ist zum Beispiel, dass der SC Kitzbühel einer der reichsten Skiclubs der Welt ist – durch das Hahnenkamm-Rennen. Man hat Wahnsinns-Trainingsmöglichkeiten dort und die Berge liegen im Gegensatz zu München direkt vor der Haustür.

Als Sie letzten Winter etliche Weltcup-Zähler sammelten, hieß es voller Spott: „Der Straßer hat mehr Punkte als die Fußballer von 1860“. Spielen Sie selbst auch Fußball? Nein, nur noch Tennis. Fußball liebe ich zwar, aber es ist zu riskant. Früher habe ich immer in der Abwehr gespielt.

Wie würden Sie Ihre Position im Slalom bezeichnen? Da bin ich Stürmer!

Sie waren in Ihrer Jugend Buckelpistenfahrer. Jagen Sie immer noch zwischendurch so eine Strecke hinab? Ich hatte das Glück, dass ich mit Mario Weinhandl aus dem Chiemgau gleich zu Beginn meiner Vereinskarriere mit sechs Jahren einen sehr, sehr guten Trainer hatte. Er ist heute mit der deutschen Buckelpisten-Weltmeisterin ­Tatjana Mittermayer verheiratet. Mario­ hat den Eltern immer gesagt: Bevor die Kinder in den Stangen rumkurven, sollen sie erst einmal vernünftig Ski fahren lernen. Und da war eben auch viel Buckelpiste angesagt (lacht).

Was Ihnen heute bei hohen Startnummern sehr entgegenkommt. Genau! Ich bin bekannt dafür, dass ich mit schlechten Pisten gut zurecht­komme. Daher resultiert auch mein Stil, das lockere und geschmeidige Fahren. In Deutschland ist Buckel-pistenfahren inzwischen leider eine fast tote Sportart.

2011/12 konnten Sie krankheits-bedingt keinen Rennsport betreiben. Stattdessen absolvierten Sie viele Skitouren. Machen Sie das immer noch? Wenn es sich ergibt, dann sehr gerne – an Weihnachten etwa. Die Festtage verbringen wir immer in Kitz, ich habe noch nie irgendwo anders gefeiert. Dann gehe ich gern mit meiner ­Freundin auf Skitouren.

Die dann ebenfalls eine sehr gute Skifahrerin ist … Ja, sie war bis vor drei Jahren im C-Kader.

Zurück zu Ihren Anfängen: Erinnern Sie sich noch an Ihr erstes Skirennen als Kind? Ich weiß nur noch, dass es am Ganslernhang in Kitzbühel und ein Orts-Kinder-Rennen war. Aber wie es ausging – keine Ahnung …

Hatten Sie damals ein Vorbild? Ja, mit 6, 7, 8 Jahren war es der Norweger Kjetil Andre Aamodt. Denn wir durften immer die Nummern zur Startauslosung tragen und während des Rennens selbst weit in den Zielraum hinein. Ich erinnere mich noch, wie er den Super-G gewonnen hat und vom Podest runter kam, mir Stöcke, Ski und Helm in die Hand drückte und mir seine Nummer überzog.

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In Schladming erzielte Straßer mit Rang fünf sein erstes Top-10-Ergebnis – den Winter 2014/15 schloss er als 21. im Slalom-Weltcup ab.
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Und später? Mit 14, 15 war mein klares Vorbild dann Felix. (Neureuther, Anm. d. Red.) Ich habe nur noch ihn gesehen. Seine Art zu fahren hat mich sehr beeindruckt. Das tut sie auch heute noch, denn Felix hat eine ganz feine Art Ski zu fahren. Er fuhr damals schon extrem geschmeidig, gefühlvoll und trotzdem spektakulär, wobei er die Technik bis heute noch mehr perfektioniert hat.

Im Abfahrtslager gibt es gelegentlich kleine Psycho-Fights am Start oben. Ist das bei euch Torläufern auch so? Nein, wir führen keinen Pychokrieg. Wenn jemand versuchen würde, mich zu beeinflussen oder rauszubringen, würde schon ein guter Spruch von mir zurückkommen (lacht). Doch ich habe das im Slalom wie gesagt noch nie erlebt. Da wird am Start zwar ein wenig geflachst, aber das ist Spaß und nie ernst oder böse gemeint. Unser Psycho­loge, der uns jetzt als Team betreut und vorher bei den österreichischen Speedfahrern war, erzählt allerdings manchmal schon was anderes.

Zum Beispiel? Dass es in Kitz schon vorgekommen ist, dass erfahrene Athleten sich Fahrer herausgesucht haben, die das erste Mal dort starteten. Sie stellten sich dann neben die Neulinge und erzählten sich ganz laut, dass es heuer so krass sei wie noch nie. Und man habe es den Frischlingen geradezu angesehen, wie sie kreidebleich wurden …

Wie wäre das bei Ihnen, wenn Sie auf der Streif am Start stehen würden? Ich glaube nicht, dass mir da jemand mit Sprüchen noch mehr Angst einjagen könnte, als ich sie nicht schon hätte. Aber im Hinterkopf habe ich natürlich schon, in meiner zweiten Heimat da einmal runter zu fahren. ­Felix sprach früher ja auch immer davon – aber ich glaube, er hat dieses Kapitel inzwischen abgeschlossen.

Ex-Star Benni Raich hat dem ­SkiMAGAZIN einmal gestanden, bei manchen Kinofilmen weinen zu müssen. Passiert Ihnen das auch? Ich bin eher so der Quentin-Tarantino-Fan. Wie er Dialoge schreibt und Witze macht, mag ich extrem gern. Seinen ganzen Humor. Um bei einem Film zu weinen, müsste schon etwas sehr Emotionales passieren. Meine Freundin ist da näher am Wasser gebaut und weint schon mal im Kino. Aber, ganz ehrlich, bei „Ziemlich beste Freunde“ hatte auch ich feuchte Augen.

Obwohl du ein cooler Typ bist … (lacht) Na ja, vielleicht bin ich in manchen Bereichen oder Situationen cool, aber grundsätzlich schon ein sensibler Mensch. Bei mir muss deshalb – auch im Sport – alles emotional passen. Ich muss mich wohlfühlen in und mit meinem Umfeld. Die beste Mischung, um Erfolge zu erzielen, ist für mich Spaß und Zielstrebigkeit. Diese Kombination ist mit meinen momentanen Trainern und Kollegen definitiv gegeben.

Träumen Sie manchmal in der Nacht vom Skifahren? Absolut! Sogar oft! Gute und schlechte Sachen. Zum Beispiel, dass ich nach dem ersten Durchgang im WM-Slalom führe – und im zweiten dann rausfliege! Aber ich bin auch schon mit einem Lachen aufgewacht, weil ich im Traum gewonnen habe.

Zumal nichts schöner als Erfolg ist! Was lieben Sie am Skirennfahren am meisten? Wenn ich über die Ziellinie zische, und es leuchtet auf der Anzeigetafel grün (lacht). Das ist der intensivste Moment, den man erleben kann. Ich wüsste nichts, was in meinem bisherigen Leben intensiver war als dieser eine Moment in Schladming, als ich das Grün auf der Tafel sah. Wenn ich daran denke, kriege ich ­heute noch Gänsehaut. Man möchte das immer wieder erleben, wird richtiggehend gierig danach!

Und was ist für Sie das Schönste am Skifahren? Was fasziniert Sie am meisten? Das kommt immer auf die Situation an. Für mich ist es in erster Linie, bei Traumverhältnissen und schönem Wetter eine harte, kompakte Slalom- oder Riesenslalom-Piste zu fahren. Da denke ich mir: Kann das noch besser werden? Nein, kann es nicht (grinst)! Aber andererseits: Nach zigtausend Toren mal wieder schön Tiefschnee zu fahren, ist auch nicht schlecht. Und grundsätzlich kann ich sagen: Wer Skifahren als Beruf hat, ist ohnehin fein raus!

Was lieben Sie mehr, Slalom oder Riesenslalom? Diese Frage habe ich mir auch schon oft gestellt. Ich würde sagen: Es ist eigentlich gleichwertig. Aber da es im Slalom im vergangenen Winter so sensationell für mich gelaufen ist, habe ich schon irgendwie eine leichte Vorliebe für diese Disziplin entwickelt. Trotzdem will ich in der jetzigen Saison den Riesenslalom genauso fokussieren und habe das Ziel, ähnlich erfolgreich darin zu sein, wie es mir letztes Jahr im Slalom gelungen ist. Es tut auch unheimlich gut, im Training beide Disziplinen zu bestreiten – diese Abwechslung ist prima für den Kopf!

Was haben Sie aus der letzten Saison für sich mitgenommen? Dass es auch im Weltcup im Endeffekt nur blaue und rote Stangen gibt. Ich hatte am Anfang sehr großen Respekt und Ehrfurcht vor dem Weltcup. Aber ich habe schnell gelernt, dass das nichts anderes ist als ein FIS-Rennen – abgesehen von den Kameras, die auf dich gerichtet sind. Und ich habe gemerkt: Wenn ich eine richtig gute, solide Fahrt habe, reicht es immer für die besten 15.

Eifern Sie einem bestimmten Riesenslalom-­Vorbild nach? Nein, nicht wirklich. Ted Ligety ist zwar beeindruckend, aber so wie er fährt, kann eben nur er selbst so schnell fahren. Ted hatte ein klares Bild und hat sich dann über Jahre hinweg eine besondere Technik angeeignet, die den Riesenslalom revolutioniert hat. Er hat das so lange perfektioniert, bis er mal drei Sekunden voraus war. Man kann sich deshalb bei ihm viel abschauen, auch bei Marcel Hirscher. Aber man muss seinen eigenen Stil finden und entwickeln.

Wie kommen Sie mit Hirscher aus? Für mich ist er ein extrem sympathischer Typ. Auch wenn er bei Interviews manchmal fast schon zu abgeklärt rüberkommt. Er grüßt immer und man kann sich gut mit ihm unterhalten.

Was fasziniert Sie an Slalom? Dass diese Disziplin so extrem dynamisch ist. Du hast keine Zeit zum Überlegen. Es muss Schwung an Schwung gehen. Das hat keine andere Disziplin.

Gibt es etwas, was Sie an Slalom überhaupt nicht schätzen? Wenn ich mich verfahre! Wie in Meribel letzte Saison. Ich habe mir immer gedacht, wenn es anderen passierte: Wie schaffen die das nur – so kann man sich doch nicht anstellen! Und dann passiert mir das selbst. Plötzlich herrschte vollkommene Orientierungslosigkeit und ich wusste nicht mehr, wo ich hin musste …

Was würden Sie als Ihre Stärke auf Ski bezeichnen? Dass ich so gut wie nie zurückziehe. Ich nehme mir immer vor, voll anzugreifen. Früher bin ich öfter nicht durchgekommen, inzwischen aber habe ich eine gute Sicherheit gefunden. Dieses Attackieren zusammen mit der Sicherheit hat mich so stark gemacht.

Wie erwarben Sie diese Sicherheit? Ich habe meinen Fahrstil umgestellt und im Konditionstraining zugelegt.

Bereiten Ihnen Kondi-Übungen Vergnügen – oder ist es eine Qual? Man muss das als Arbeit sehen, wenn man bei 34° C im Kraftraum steht. Aber trotzdem macht es gemeinsam mit Fritz (Dopfer, Anm. d. Red.) und Felix Spaß und ist etwas Cooles.

Was möchten Sie noch an sich ver­bessern? Ich möchte eine stabilere und konstantere Fahrweise bekommen. Und würde gerne im Riesenslalom unter den besten 30 sein.

Wie lautet Ihre Lebensphilosophie? Was ich gelernt habe, ist, das zu machen, was Spaß macht und wofür man eine Leidenschaft hat. Und sich nicht irgendwo hindrängen lassen.

Und Ihr Lebenstraum? In meinem Sport erfolgreich zu sein. Sehr erfolgreich! Und dabei trotzdem Spaß zu haben. Ich lebe gerade meinen Traum! Denn ich wollte ja immer Skifahrer werden. In der Schule wurde ich mal gefragt, was ich werden will. Ich sagte: „Skifahrer!“ Nein, meinten sie, einen richtigen Beruf. Für mich war und ist das ein „richtiger“ Job (lacht).

Zum Schluss unser berühmtes SkiMAGAZIN-Hüttenspiel – drei Fragen, drei Antworten. Nummer 1: Sie sind drei Tage und Nächte in einer Skihütte eingeschneit – mit wem am liebsten? Mit meiner Freundin.

Welche Musik würdet Ihr hören? Etwas Fröhliches.

Und welches Hüttenspiel würdet Ihr spielen? Alles Mögliche – nur nicht Monopoly. Ich habe das öfter mit Leuten gespielt. Man startet als Freund und endet, nicht ganz ernst gemeint, als „Feind“ …

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DAS IST LINUS STRAßER

Geboren: 6. November 1992 in München

Größe/Gewicht: 1,83 m/75 kg

Beruf: Zöllner

Verein: TSV 1860 München

Größte Erfolge:

WM: 10. im Slalom von Vail/Beaver Creek 2015. Weltcup: 5. beim Nachtslalom von Schladming 2015; 14. im Slalom von Kitzbühel 2015. Europacup: 1 City-Event (2013) und 1 Slalom (2014) gewonnen; 8. in der Slalom-Wertung 2014/15. AUSSERDEM: 7 Siege bei FIS-Rennen; Deutscher Meister 2014 im Riesenslalom

Ausrüster: Nordica

Kopfsponsor: KitzSki

Management: acta7/München

Facebook: www.facebook.com/linusstrasser.offiziell

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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: SkiMAGAZIN Nr. 06 / 2015

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