Viktoria Rebensburg: An der Unterwäsche liegt es nicht!

Viktoria Rebensburg (26) aus Kreuth am Tegernsee kann ihre Ski selbst ­präparieren – spricht und schläft jedoch nicht mit ihnen. „So weit ist es noch nicht“, verrät sie in diesem SkiMAGAZIN-Exklusiv-Interview. Denn: Vicky, so der Spitzname der Riesenslalom-Olympiasiegerin, betrachtet sich als ausgesprochen rational denkenden Menschen. Weshalb die Sport­marketing-Studentin sich auch jeglichen Aberglauben abgewöhnt hat

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Interview: Jupp Suttner

Nichts gegen Ski-Diven. Der Weltcup-Zirkus benötigt nicht nur Schnee, sondern auch Glitzer & Glamour, um sich ordentlich vermarkten zu können. Oftmals finden Interviews mit den Ski-Queens deshalb in irgendwelchen Lounges statt. Oder in einem VIP-Zelt. Oder in einer Sponsoren-Corner. Das Marketing-Team der Athletin steht dabei stets an ihrer Seite und achtet sorgfältig darauf, dass ihrer Klientin ja kein ungehöriges Wort entfleucht. Wie wunderbar angenehm und locker ist da doch ein Interviewtermin mit Viktoria Rebensburg. Die Tegernseerin bittet uns nicht etwa, in eine dieser Nobelstätten ihres Heimat­ortes zu kommen – sondern schlicht und einfach ins „Café Kuhn“ in Weissach. Was sie während des Interviews zu trinken und zu essen wünsche? „Ein Glas Wasser.“ Wenigstens mit Kohlensäure, dass es ein bisschen prickelt? „Nein, bitte ohne“. Also bringen wir der natürlichsten aller Weltcup-Athletinnen, bevor es losgeht, ein Glas Leitungswasser von der Selbstbedienungstheke.

SkiMAGAZIN: Sie mögen schlichtes Wasser als Getränk – und wahrscheinlich noch viel lieber in gefrorener Form als Skifahrunterlage. Was bedeutet Schnee für Sie?

Viktoria Rebensburg: Schnee ist die Grundlage meines Sports. Und ich bin mit Schnee aufgewachsen, am Tegernsee – wo ich immer das Gefühl hatte und immer noch habe, dass der Winter tatsächlich ein Winter ist. Ich bin ein Winterkind. Und es gibt nichts Schöneres, als wenn es draußen schneit, und man geht hinaus und unternimmt etwas.

Ihr Lieblingsschnee bei Abfahrtsrennen? Aggressiver, trockener Kunstschnee.

Und Ihr Hass-Schnee? Gibt es keinen. Wo ich nicht immer gut zurecht­komme, ist bei totalem Eis. Wenn es also gar nicht mehr griffig, sondern nur noch glatt ist. Aber gerade die ­weniger geliebten Verhältnisse werden fleißig trainiert, sodass man irgendwann merkt: Geht doch!

Und was können Sie bzw. Ihr Techniker rein praktisch bei extrem eisigen Pisten machen, um zu bestehen? Zum Beispiel am Schuh das Canting verstellen und beim Ski die Kanten mit einer gröberen Feile bearbeiten.

Ihre liebste Schneesorte, wenn Sie privat zum Skifahren gehen? Powder natürlich – Tiefschnee bis hierher (zeigt mit beiden Händen auf die Höhe ihrer Hüften)! Aber Zeit und Gelegenheit, mal abseits der Piste Ski zu fahren, sind eher rar.

Wann haben Sie sich zum letzten Mal im Schnee gewälzt? Letzte Saison. Es hatte geschneit und wir – also die deutschen Weltcup-Fahrerinnen – haben uns gegenseitig rumgeschubst und fühlten uns wieder wie kleine Kinder. Ein Riesenspaß – obwohl es ja eigentlich nur eine Aktion für Fotos war.

Vom Schnee zum Ski – besitzt Ihr Lieblingsmodell einen Kose- oder Kampfnamen? Und darf er unter Ihrem Bett nächtigen? So weit ist es noch nicht gekommen. Und als Name dient auch nur die Nummer, die von der Firma vergeben wurde. Ich habe da keine besonderen Bezeichnungen dafür wie etwa Sebastian Vettel für seine Autos. Aber ich habe auch 60 Paar Ski – da kann ich nicht anfangen, jedem einen Namen zu geben.

Wie unromantisch. Mag sein, aber ich bin da relativ rational. Es gibt ja Athleten, die fahren immer nur einen Ski, und für die geht die Welt unter, wenn dem Brett was passiert. Ich möchte mich nicht in eine solche ­Abhängigkeit begeben. Denn irgendwann fährt man mit seinem Lieblingsmodell doch mal an einen Stein oder bleibt an einem Tor hängen, und der Ski geht kaputt – und dann?

Sprechen Sie dann wenigstens in der letzten Minute vor dem Start ein bisschen liebevoll oder anfeuernd mit Ihrem Ski? Ich rede eher mit mir selbst. Und denke dabei an die ­Schlüsselstellen oder Techniken, die ich mir im Training erarbeitet habe und die ich nun umsetzen will.

Haben Sie selbst schon mal Ihre Ski präpariert? Früher sogar immer! In der Jugend. Und sogar schon bei den Schülern, wenn der Papa nicht mitkommen konnte. Ich hatte immer meinen Koffer mit allen Utensilien dabei. Den schleppe ich manchmal sogar heute noch mit! Ein- bis zweimal pro Jahr. Zum Beispiel, wenn ich zum freien Skifahren gehe.

Also sind Sie handwerklich ­geschickt. Na ja. Bei Ski vielleicht schon. Da weiß ich, was ich machen muss. Und es ist auch nicht so unwichtig, dass man das Gefühl für sein Arbeitsgerät nicht verliert und einzuschätzen weiß, was diese oder jene Behandlung ausmachen kann. Völlig unabhängig vom Spaß, den mir das Präparieren bereitet.

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Die Gespräche, die Sie mit Ihrem ­Service-Mann Christian Lödler, ­einem Österreicher, am Abend vor dem Rennen führen, sind also ­richtige Fachsimpeleien. Bei uns finden die Gespräche nicht am Abend statt, sondern in der Disziplin ­Riesenslalom bereits tagsüber, bei der Befahrung des Hanges. Er rutscht auch mit runter, wir reden darüber, und dann wird präpariert.

Und in der Abfahrt? Da wird nach jedem Training beim Mittagessen darüber gesprochen, wie die Ski für den nächsten Tag hergerichtet werden sollen. Meistens ist das Gefühl, wie die Ski sein müssen, ganz klar. Ganz selten, dass mal vorsichtshalber zwei Paar präpariert werden müssen. Die Kommunikation ist sehr ­wichtig – ein guter Austausch zwischen Fahrer und Servicemann wird immer ­entscheidender. Was man in diesen Gesprächen rausholen kann, können die paar Prozent sein, die am Ende über den Erfolg entscheiden.

Gibt es da öfter auch richtiggehende Wortgefechte? Nein. Nicht bei uns. Natürlich hat man mal verschiedene Ansichten und diskutiert sie aus – aber gestritten wird bei uns nie. Es geht immer nur um die Sache.

Kein Großereignis in diesem Winter, keine WM und keine Olympischen Spiele – fehlt da nicht was? Also mir fehlt da nichts. Auch in den letzten Jahren mit Großereignissen lag der Fokus über weite Teile auf den Weltcups, weil man versucht, in allen Disziplinen bis zur WM oder den Spielen das Beste herauszuholen. Dabei stieß man gelegentlich auf Probleme – und die galt es bis zum Großereignis aus dem Weg zu räumen. Dieses „Wettrennen mit der Zeit“ fällt diese Saison aus. Die Konzentration liegt ausschließlich auf dem Weltcup. Und den zu gewinnen ist noch höherwertiger als sonst – weil ja mehr Weltcup-Rennen stattfinden als in Wintern mit Championaten. (Die Rennen von WM und Olympischen Spielen zählen nicht zum Weltcup, Anm. d. Red.)

In einem SkiMAGAZIN-Interview vor mehreren Jahren verrieten Sie, dass Ihr großes Riesenslalom-Technik-Vorbild, das Sie auf Video studieren, der Schweizer Daniel Albrecht sei. Wer ist es heute? Ja der Dani – der hat wirklich einen supercoolen Stil geprägt! In der Jetztzeit fährt Ted Ligety eine herausragende Technik. Von ihm kann man sich viel abschauen. Auch von Marcel Hirscher – der fährt allerdings viel brachialer, nicht so feinfühlig wie Ted.

Verfolgen Sie auch die Technik Ihrer Konkurrentinnen? Eher weniger, weil ja jede einen anderen Stil fährt. Für mich geht es aber darum, meine eigene Technik zu optimieren – und dafür hilft es mir wesentlich mehr, mich an den Männern zu orientieren, weil die Fahrer doch anders unterwegs sind – allein schon wegen ihrer ganz anderen körperlichen Voraussetzungen. Die besten männlichen Fahrer ­demonstrieren das jeweilige Optimum, was skitechnisch in den verschiedenen Disziplinen machbar ist.

Und wenn Sie Männer privat analysieren – auf was achten Sie dabei? Oookaaay … Zuerst einmal lasse ich auf mich wirken, ob eine Ausstrahlung da ist. Die spürt man, wenn man jemanden ansieht – oder spürt sie eben nicht. Und ansonsten – die Kriterien für den einen „Traummann“ gibt es nicht. Für mich persönlich muss er eine gewisse Sportlichkeit besitzen, einen Bewegungsdrang – und Humor. Man muss viel miteinander lachen können. So wie mit meinem Freund.

Auf Ihrer Website gibt es einen speziellen Musik-Bereich. Musik scheint Ihnen also ziemlich wichtig zu sein. Musikhören ist, wenn man viel im Bus unterwegs ist, ein schöner Zeitvertreib. Und man kann sich in genau jene Stimmungslage hineinversetzen, die man gerade empfindet. Ich lade mir für die Reisen immer von einem Streaming-Dienst runter, was mir gefällt.

Hören Sie auch Musik vor dem Start? Ab und zu. Doch um auf die Busfahrten zurückzukommen: Ich höre da nicht nur Musik, sondern mache auch viel für mein Sport-marketing-Studium an der FH Erding.

Wie oft pro Jahr sind Sie in Erding? Jeden Sommer zwei bis drei Mal.

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Im wievielten Semester befinden Sie sich? Inzwischen schon im zehnten, weil es manchmal schwierig ist, das neben der Leistungssportkarriere entschieden genug voranzutreiben. Bei mir steht ja nicht nur der Sport in Form von Training und Wettkämpfen auf dem Programm, sondern ich habe auch viele andere Termine zu absolvieren. Man muss die Balance finden zwischen Be- und Entlastung. Und ein Sponsorentermin ist auch bei bester Atmosphäre keine wirkliche Regeneration.

A propos Sponsoren: Sie ­haben ­früher immer Ihre Heimat ­Tegernsee als Schriftzug auf dem Sturzhelm getragen und jetzt …… jetzt trage ich den Tegernsee im ­Herzen. Es gibt so viele schöne Fleckchen hier. Wenn man von Point nach Rottach blickt und das Kircherl und den Wallberg sieht oder vom ­Wallberg oben auf den See runterschaut – einfach wunderschön. Hier bin ich daheim und kann immer ­wieder zu mir finden.

Haben Sie auf Ihren Reisen ­irgendetwas Tegernseeisches als Maskottchen dabei? Nein. Auch sonst keinen Talisman. Ich bin, wie wir vorher schon festgestellt haben, in dieser Beziehung eher unromantisch bzw. einfach ein praktisch denkender und realistischer Mensch und nehme nur mit, was ich brauche. Das ist Aufgabe genug bei dem vielen Gepäck, das wir zu transportieren haben.

Dann sind Sie sicher auch nicht abergläubisch. Richtig – bin ich nicht. Ich hatte mal einen Servicemann, der immer sagte, man müsse den Aberglauben bekämpfen. Das hat mich geprägt. Denn früher trug ich schon immer mal wieder dieselbe ­Unterwäsche – natürlich gewaschen –, wenn es bei einem Rennen gut ­gelaufen war. Aber dank des vernünftigen Einflusses des damaligen Servicemanns habe ich versucht, keinen Gedanken mehr daran zu verschwenden, welche Unterwäsche ich am Renntag trage. Und das war gut so. Denn mit dem abergläubischen ­Denken schränkt man ja nur das eigene Tun ein. Und: Die Erfahrung hat mir gezeigt, dass es nicht an der Unterwäsche liegt (sie lacht).

In einem Interview 2011 fragten wir Sie nach Ihrer Lebens- und Sport-Philosophie. Was, glauben Sie, haben Sie damals geantwortet? Ich nehme an: „Es kommt immer anders, als man denkt.“

Stimmt, genau! Der Spruch ist gut, weil er die Offenheit zeigt, mit der man dem Leben gegenüberstehen muss. Aber ich würde ihn deshalb nicht gleich als „Lebensphilosophie“ bezeichnen. Philosophie ist viel zu hochtrabend für eine so einfache Erkenntnis. Ich denke oft wochen- oder monatelang nicht an diesen Spruch – weil mir da völlig andere Themen sehr viel wichtiger erscheinen. Das Leben besteht doch stets aus Phasen.

Zum Schluss unser berühmtes SkiMAGAZIN-Hüttenspiel: Sie sind drei Tage in einer Skihütte eingeschneit. Mit wem am liebsten? Natürlich mit meiner Familie und meinem Freund!

Welche Musik würdet ihr hören? „Schiiifooooaaaaan“ von Ambros und alle anderen Hüttenklassiker.

Und welches Spiel würdet ihr ­spielen? Activity! Da muss man ­erkennen, was die/der andere pantomimisch darstellt oder an eine Tafel zeichnet. Das haben wir letzten Sommer im Trainingslager in Chile ­gespielt, und es war ein Riesenspaß. Ich musste einen Hahn zeichnen. Das hat niemand erraten. Gut, dass ich nicht Künstlerin geworden bin, sondern Skifahrerin.

DAS IST VIKTORIA REBENSBURG

Geboren: 4. Oktober 1989 in Tegernsee

Größe/Gewicht: 1,70 m/67 kg

Beruf: Zollwachtmeisterin/Sportmarketing-Studentin

Verein: SC Kreuth

Größte Erfolge:

OLYMPISCHE SPIELE: Riesenslalom-Gold 2010 in Vancouver; Riesenslalom-Bronze 2014 in Sotschi. WM: Riesenslalom-Silber 2015 in Vail/Beaver Creek; 5. im Riesenslalom 2011 in Garmisch-Partenkirchen. JUNIOREN-WM: 2 x Gold im Super-G (Formigal 2008, Garmisch-Partenkirchen 2009); 1 x Gold im Riesenslalom (Garmisch-Partenkirchen 2009); dazu 2008 noch Silber (RS) und Bronze (Abfahrt). WELTCUP: Gewinn des Riesenslalom-Weltcups 2010/11 und 2011/12; 6. im Super-G- und im Gesamt-Weltcup 2012/13; 7. im Abfahrts-Weltcup 2014/15

Ausrüster: Stöckli, Leki, Uvex, Bogner

Kopfsponsor: Helvetia

Hobbys: Golf, Freunde treffen

Spitzname: Vicky

Management: Agentur acta 7 Sportmarketing (München)

Autogrammadresse: ­Hirschbergweg 1, 83471 Kreuth

Website: www.viktoria-rebensburg.com

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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: SkiMAGAZIN Nr. 02 / 2016

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