Die Ski-Revoluzzer

Sie waren Revoluzzer, Pioniere und in den 1970er Jahren im Ski-Zirkus weltberühmt.

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Damals stellten die Garhammers die Ski-Welt mit ihrer halsbrecherischen Trickski-Akrobatik im wahrsten Sinne des Wortes auf den Kopf, räumten Titel und Medaillen ab. Mittlerweile sind die „Hippies der Berge“ in die Jahre gekommen. Aus den „Wilden Hunden“ von einst sind seriöse Ski- und Snowboardkurs-Anbieter geworden. Verrückt aber sind sie immer noch – verrückt nach Schnee!

Text Bernhard Krieger Bild Bernhard Krieger, Garhammer

Wenn es richtig viel Neuschnee gegeben hat, kannst Du mich nachts um drei Uhr wecken, und ich steige mit Dir auf jeden Berg“, sagt Ernst Garhammer und dabei leuchten die Augen des 60-Jährigen wie zu seinen wildesten Zeiten. Die erste Spur auf einen jungfräulichen Hang zu zeichnen, das ist sein Lebenselixier. Der Mann ist skiverrückt, genauso wie seine drei Brüder und Schwester Hedy, die gemeinsam mit ein paar Gleichgesinnten vor rund 40 Jahren die Ski-Szene revolutionierten.

Die Hippies des Ski-Sports pfiffen auf’s Establishment der Rennfahrer und tobten sich lieber in den Buckelpisten, beim Springen und beim Ski-Ballett aus. Ernst Garhammers älterer Bruder Fuzzy war der Trendsetter. Sein Auftritt beim Weltskilehrerkongress 1971 in Garmisch-Partenkirchen bahnte der neuen Disziplin den Weg. „Eigentlich wollte ich mich nur ein wenig lustig machen über diese steife Art Ski zu fahren“, erzählt der heute 64-Jährige. Während die übrigen Skilehrer streng nach Lehrplan die Pisten hinunter wedelten, fuhr Garhammer seine Kurzschwünge rückwärts, baute Sprünge ein und drehte Pirouetten.

Fuzzys provokante Vorstellung kam an. Sponsoren und Publikum fanden Spaß an der unkonventionellen Art des Skisports. Bei der ersten inoffiziellen Weltmeisterschaft im amerikanischen Vail holte Fuzzy den Titel. Dann folgten erste Wettbewerbe in Europa. Die neu gegründete „Camel Hot Dog World Trophy“ wurde zum Magnet für Publikum und Medien. Die „Heißen Hunde“ wurden zu Stars und die Garhammer Family zum Aushängeschild der Serie.

Schanze aus Bananenkisten

Alle fünf Garhammers gehörten zur absoluten Spitze. So wurden sie zu einer der erfolgreichsten Ski-Familien Deutschlands. Und das, obwohl sie im Rottal im tiefsten Niederbayern aufgewachsen waren – einer Gegend die nicht unbedingt prädestiniert ist Ski-Helden hervorzubringen. Bei sieben Kindern war bei Garhammers zudem das Geld knapp. Weil man nicht einfach in ein Sportgeschäft gehen konnte, um Ski für die ganze Familie zu kaufen, bastelten sie sich aus Ebereschen selbst welche, die sie mit Riemenbindungen an den Schuhen befestigten. „Die erste Schanze haben wir aus Bananenkisten gebaut“, erinnert sich Ernst.

Allen Widerständen zum Trotz machten die Garhammers ihren Weg – auch im Weltcup. Allein Ernst wurde fünfmal Weltcupsieger und achtmal Europameister. Je größer und kommerzieller die Trickski-Szene jedoch wurde, umso weniger fühlten sich die Freigeister aus Niederbayern in dem immer ernster werdenden Wettkampf-Geschäft wohl.

Wieder auf der Suche nach eigenen Wegen, entdeckten die Garhammers das Filmemachen für sich. „Ich habe ja immer gern fotografiert und war als Fahrer für Ski-Filme engagiert. Da habe ich irgendwann angefangen selbst zu drehen“, erzählt Fuzzy. Und auch da hatten Garhammers wieder Erfolg: 1977 holten sie sich als krasse Außenseiter die Trophäe beim Internationalen Skifilm Festival in New York.

„Familien-Trophäe“ hieß der Streifen und zeigte einen Ski-Wettkampf der Garhammer-Geschwister mit verrückten Akrobatik-Einlagen. „Wenn ich mir die alten Streifen anschaue, kommt schon Wehmut auf“, gibt Fuzzy zu, obwohl er bis heute fester Bestandteil der Ski-Szene ist.

Er ist er ein gefragter Sportfilmer und widmet sich seit vielen Jahren vor allem dem Snowboard. In seinen Snowboard- und Ski-Camps vermittelt er jeden Winter Kindern und Jugendlichen die nötige Technik und vor allem den Spaß am Schneesport – Springen inklusive. Trotz seiner 64 Jahre kann Fuzzy alle Sprünge selbst noch – mit Skiern genauso wie mit dem nowboard.

Auch Ernst hat sich ganz der Weitergabe seines Skiwissens und seiner Ski-Begeisterung verschrieben. Gemeinsam hatten sie im Sommer 1976 in Kaprun ihren ersten Trickski-Kurs gegeben. „Wir haben eine Holzschanze gebaut und sind in den Speichersee gesprungen. Da kamen die Leute angerannt, um sich das anzuschauen“, erinnert sich Ernst.

Aufstieg zum Tiefschnee-Papst

Auch heute legt er gern noch mal eine Akrobatik-Einlage ein. Ganz so wild treibt es „Ernst’l“, wie ihn seine Freunde nennen, dann aber doch nicht mehr. Erst recht nicht mit seinen Powder-Novizen, Seit über 25 Jahren führt der deutsche „Tiefschnee-Papst“ Skifahrer an das Schwingen abseits der Pisten heran. „Sicherheit zählt hier mehr, als alles andere“, betont Ernst bei seinem Kurs auf dem Kitzsteinhorn-Gletscher. Alle Risiken müssen angesprochen und so weit wie nur eben möglich reduziert werden. Ohne Lawinenverschütteten-Suchgerät und der entsprechenden Einweisung lässt Ernst niemanden ins Gelände. Mittlerweile gehört für ihn auch ein ABS-Lawinenrucksack selbstverständlich zur Ausstattung. Einen schweren Lawinen-Unfall gab es in seinen Kursen noch nie. Mit Vorsicht, der richtigen Ausbildung und Technik ist Ski fahren im Gelände nicht gefährlich. „Da habe ich viel mehr Angst auf den überfüllten Pisten, wo einige viel zu schnell unterwegs sind“, gesteht Ernst. Im Tiefschnee geht es langsamer und genussvoller zu.

Eigenes Konzept

Gleichsam wie Tänzer schwingen seine Schüler schon nach wenigen Kursstunden durch den Tiefschnee.

Etwas unorthodox sieht es schon aus, wenn sie mit ausgestreckten Armen und weit ausladenden Drehungen des Oberkörpers durch den Pulver pflügen. Aber auch die nach dem Ski-Lehrplan fahrenden Skeptiker müssen bei der abendlichen Video-Analyse zugeben: Der schnelle Erfolg vor allem bei weniger guten Skifahrern gibt Ernst mit seiner ABS-Technik recht: „Andrehen, beugen, strecken – das ist das ganze Geheimnis“, sagt Ernst.

Aber es ist nicht nur die richtige Technik, auch die modernen breiten Powder-Ski machen den Ausritt ins Gelände einfacher als früher. Wenn die Garhammers bei ihren Camps alte Filme zeigen, kommen ihre Kurs-Teilnehmer aus dem Staunen kaum noch raus. Was die Garhammer-Jungs und ihre in die USA ausgewanderte Schwester Hedy da mit dünnen Latten im Tiefschnee zauberten, nötigt selbst gestandenen Freeridern Respekt ab. „Die hatten schon was drauf“, sagt Ernst Garhammers Sohn Sebastian. Und der muss es wissen. Sebastian lebt in der schwedischen Ski-Hochburg Are und ist einer der besten Freerider der Welt. Seine kühnsten Höllenritte sind in einigen der legendären Waren Miller-Filme verewigt. Das Ski-Talent haben die Garhammers offensichtlich in den Genen.

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