Wo der Schnee zu Hause ist: Die schneereichsten Orten der Welt

Wenn uns der Winter mal wieder auf eine Geduldsprobe stellt, dann fragen wir uns: Wo ist er denn eigentlich, der Schnee, wo ist auf ihn noch richtig Verlass? Wir haben uns weltweit auf die Suche nach den schneereichsten Orten und dem besten Schnee gemacht. Ein Streifzug durch Klimaarchive, Datenbanken, luvseitige Küstengebirge und meterhoch aufgetürmte weiße Herrlichkeit

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Entlang der Tateyama Kurobe Alpine Route/Japan schichten sich regelmäßig Schneewände auf.

Text: Christoph Schrahe

Für die Brüder Grimm war die Sache klar: Den Schnee machte Frau Holle, und die wohnte auf dem Hohen Meißner. Der liegt ziemlich genau in der Mitte Deutschlands und ist der höchste Gipfel des Hessischen Berglands. Aber auch wenn zu Zeiten der Brüder Grimm die Kleine Eiszeit das hiesige Klima regierte, dürfte dieser 750er auch damals allenfalls die Heimat, nicht aber das Ziel all der Schneeflocken aus den Bettlaken der Heiligen aller Tiefschneefreunde gewesen sein.

So weist die Bibel der deutschen Schneestatistiker, Werner Caspars 1962 erschienener Band „Die Schneedecke in der Bundesrepublik Deutschland“ für die nordhessischen Berge selbst für die berüchtigt schneereichen Weltkriegsjahre nur maximal 147 Zentimeter Schneedecke aus. Damit ist Frau Holles Domizil nicht mal in der bundesdeutschen Spitzengruppe. Bevor man jedoch die schneereichsten Orte Deutschlands, der Alpen oder der Welt küren kann, muss man erst einmal etwas tiefer in die Methodik zur Messung dieses Reichtums einsteigen.

Caspar trug in seinem Tabellenband all jene Daten zusammen, die bei Antworten auf die Frage nach der Schneesicherheit helfen können. Der österreichische Klimatologe und Eiszeitforscher Franz Fliri tat es ihm mit „Der Schnee in Nord- und Osttirol 1895 – 1991“ gleich. In beiden Werken finden sich Daten zur mittleren Zahl der Tage mit bestimmten Schneehöhen, zu maximalen Schneehöhen, gefallenen Neuschneemengen, zur frühesten oder spätesten Schneedecke. Erstaunlich: Nicht jeder Ort ist in jeder Kategorie gleich gut. So notierte Hochfilzen 80 Tage mit mehr als 50 Zentimeter auf dem Boden. Galtür kommt auf 83 Tage. Trotzdem schneit es in Galtür viel weniger als in Hochfilzen. Wie kann das sein?

Ganz einfach: Im 1.590 Meter hoch gelegenen Galtür konservieren tiefe Wintertemperaturen einmal gefallenen Schnee, im vergleichsweise milden Hochfilzen (960 Meter) gleicht regelmäßiger Neuschnee zwischenzeitliche Schmelzverluste durch Warmlufteinbrüche wieder aus. Während Galtür auf eine Summe des jährlich gefallenen Neuschnees von 416 Zentimeter kommt, sind es in Hochfilzen 634 Zentimeter. Nicht nur die Höhenlage entscheidet also über die Schneefallmenge. Zwar schneit es auf Bergen generell schon mehr als in den Tälern, aber ein Tal in Nordstaulage kann wesentlich schneereicher sein als ein Gipfel in den niederschlagsarmen Zentralalpen. Während im 1.938 Meter hoch gelegenen Obergurgl 476 Zentimeter Schnee fallen, sind es in Gosau im Dachsteinmassiv auf gerade mal 765 Meter Seehöhe 519 Zentimeter.

Verschiedene Messtechniken

Gemessen wird der gefallene Neuschnee jeden Morgen und zwar nicht als Differenzbetrag zur Schneedecke am Vortag sondern auf einer am vorherigen Morgen vom Schnee befreiten Fläche. Warum das? Wenn beispielsweise feuchter, schwerer Neuschnee auf eine lockere Altschneedecke fällt, presst das Gewicht des Neuschnees die darunter befindliche Schneedecke zusammen. Dieser Setzungsprozess kann im Extremfall dazu führen, dass von einem Tag auf den anderen überhaupt kein Schneedeckenzuwachs gemessen werden kann, obwohl es stundenlang geschneit hat. Diese Setzung findet natürlich auch innerhalb des gefallenen Neuschnees statt. Es gibt auch den Totalverlust: Zwischen neun und zwölf Uhr vormittags fallen drei Zentimeter, die am nächsten Morgen wieder weggetaut sind. Die Summe der gefallenen Neuschneemenge beträgt in diesem Fall bei einmal täglicher Messung: null Zentimeter!

Deswegen messen nordamerikanische Skigebiete vier Mal täglich die Neuschneemenge, das Messbrett wird dann jedes Mal wieder gereinigt. So kommen über einen ganzen Winter gesehen erkleckliche Extramengen zusammen, die dann den Wert des „average annual snowfall“ nach oben treiben. Der ist jenseits des Atlantik die wichtigste Kennziffer für die Schneesicherheit. Und gerade bei Zahlen mit Werbewirkung besteht ja stets die Versuchung, diese etwas aufzublähen – allerdings ist die Methode nach den Richtlinien des National Weather Service zulässig. Das schränkt die Vergleichbarkeit von Schneefallmengen amerikanischer und europäischer Skigebiete zwar etwas ein, interessant ist eine Gegenüberstellung aber trotzdem. Schließlich fliegt man doch wegen des Schnees in die Rockies. Weil es den Broschüren zufolge dort so viel davon gibt und er so herrlich leicht sein soll.

Auch in den Alpen machen einige Orte mit dem Schnee von sich reden. Damüls im Bregenzerwald bekam dank seiner 930 Zentimeter jährlicher Neuschneesumme vom Nürnberger Journalisten Reinhardt Wurzel den Titel schneereichstes Dorf der Welt verliehen. Schneereichstes Dorf der Schweiz ist demzufolge Braunwald mit kumulierten 876 Zentimetern. Arosa schneidet mit 723 Zentimetern auch nicht schlecht ab. Das ebenfalls im Bregenzerwald gelegene Schröcken (1.263 Meter) notiert nach Angaben der österreichischen Zentralanstalt für Meteorologie 916 Zentimeter. Schröckens Lifte starten indes erst am 1.676 Meter hohen Hochtannbergpass. Dort wurden im besagten Zeitraum durchschnittlich 1.123 Zentimeter gemessen. Wurzel zählt diesen Ort nicht als Dorf, weil hier und an der Wetterstation Körbersee nur einige Hotels und keine Kirche stehen.

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Dicke Decken

Fährt man in alpinen Skigebieten höher hinauf, nehmen die Schneefallmengen weiter zu. Am 2.472 Meter hohen Großen St. Bernard in der Schweiz wurden zwischen 1961 und 1990 durchschnittlich 1.653 Zentimeter Neuschnee pro Jahr gemessen. Das dortige Skigebiet war wegen der schneemassenbedingten Straßensperre erst ab Juni zugänglich. Das verkürzte die Saison so sehr, dass das kleine Skigebiet schon vor langer Zeit seine Pforten schließen musste. Die alpine Wetterstation mit der größten Schneemenge ist der 3.100 Meter hohe Sonnblick in den Hohen Tauern: 22,66 Meter. Der ebenso hoch gelegene Mölltaler Gletscher ist nur vier Kilometer entfernt. Das heißt aber nicht, dass dort ebenso viel Schnee fällt, schließlich fällt in St. Anton auch nur ein Drittel dessen, was im nahen Stuben auf der anderen Seite des Arlbergpasses runterkommt. Die mutmaßlich größte Schneemenge der Alpen fällt in den Berner Alpen, am Jungfraujoch dürften es um die 40 Meter sein und hier gibt es im Sommer sogar ein kleines Skigebiet.

Es gibt auch schneereichere Dörfer als Damüls. Zum Beispiel Alta im US-Bundesstaat Utah mit seinen 12,9 Meter Neuschneesumme, gemessen über einen Zeitraum von 110 Jahren (in den letzten Jahren waren es durchschnittlich 13,3 Meter und im Rekordwinter 1982/83 sogar 23 Meter). Im März ist die Schneedecke durchschnittlich 234 Zentimeter hoch. Dann reicht er bis zur Dachkante der örtlichen Kirche dieses 1865 gegründeten Ortes. Auch die Qualität stimmt: Nur etwas mehr als acht Prozent Wasser enthält der frisch gefallene Schnee. Noch trockener ist der Stoff freilich in Big Sky in Montana. Dort nennt man ihn Cold Smoke (kalten Rauch). Ein Kubikmeter frisch gefallener Schnee wiegt nur 41 Kilogramm. Zum Vergleich: Ein Kubikmeter Wasser wiegt 1.000 Kilogramm. Die Schneedecke besteht in Big Sky also zu fast 96 Prozent aus – Nichts, Luft, Leichtigkeit!

Das Geheimnis des Champagne Powders

Auch die anderen Skigebiete in den Rockies erhalten Schnee mit einem Gewicht von nur 50 bis 75 Kilogramm pro Kubikmeter. Das spezifische Schneegewicht erklärt das Phänomen des legendären Powders aber nur zum Teil, schließlich fällt der Schnee auch in alpinen Gletscherregionen mit lediglich rund 50 Kilo pro Kubikmeter vom Himmel. Das Geheimnis sind die tiefen Temperaturen und die geringe Luftfeuchtigkeit. Während es schneit, ist es zwar immer etwas wärmer – auch in den Rockies – aber danach kühlt es dort sofort wieder ab. Wenn der Schnee, der immer noch eine gewisse Restfeuchte hat, gefallen ist, friert er bei tiefen Temperaturen teilweise wieder aus. Durch die geringe Luftfeuchtigkeit (40 bis 60 Prozent im Vergleich zu 70 bis 80 Prozent in den Alpen), kann die Restfeuchte auch leichter verdunsten. Dadurch verwandelt sich der Schnee nach dem Fall und wird noch lockerer. Er hat weniger Verbindungen an den Kanten als vorher, wenn er noch feuchter ist und eher klebt. In den Alpen, wo feuchte Luftmassen vom Atlantik das Klima bestimmen, bleibt er klebriger.

Für feuchte Luftmassen sorgt an der Westküste des amerikanischen Kontinents der Pazifik – und für massenhaft Schnee. Rekordhalter für die größte Neuschneesumme in einer Saison ist der Mount Baker im Staat Washington. Im Winter 1998/99 fielen dort 28,96 Meter Schnee – laut Guinness-Buch der Rekorde Weltrekord für eine Skistation! Im Mittel sind es immerhin noch mehr als 18 Meter und die Schneedecke erreicht in einem normalen Winter 4,75 Meter Mächtigkeit! Auch anderswo entlang der amerikanischen Pazifikküste fällt viel Schnee. An der Bergstation von Alyeska in Alaska waren es in den letzten 15 Jahren 18,26 Meter (2011/12 sogar 24,8 Meter), im kalifornischen Squaw Valley rund zwölf Meter und im chilenischen Termas de Chillan gut zehn Meter.

Japanisches Winter-Wunderland

Aber all das reicht nicht heran an die phantastischen Schneemassen, die allwinterlich im „yukiguni“, zu Deutsch Schneeland, niedergehen. Das Schneeland, dem Yasunari Kawabata in seinem gleichnamigen, nobelpreisgekrönten Werk ein literarisches Denkmal setzte, liegt an der Westseite der japanischen Hauptinsel Honshu. Hier kommen alle Parameter zusammen, die enorme Schneefälle begünstigen: Die kalte Luft aus dem nahe gelegenen Sibirien, die über das Wasser der japanischen See heranrauscht und dabei extrem viel Feuchtigkeit aufnimmt, sowie die steil aufragende Kette der über 3.000 Meter hohen japanischen Alpen mit ihren nach Nordwesten ausgerichteten Tälern, deren Orografie auch noch die letzte Schneeflocke aus den mit weißer Fracht überladenen Wolken auspresst. Das Ergebnis: sagenhafte 30 bis 38 Meter Neuschnee pro Winter.

Sagenhaft auch deshalb, weil in den schneereichsten Regionen keine offiziellen Wetterstationen stehen – die Gegend ist schlichtweg unbewohnbar. Die Station mit der höchsten Schneefallmenge steht im nur 890 Meter hoch gelegenen Badeort Sukayu Onsen im Norden von Honshu. Hier kommen allwinterlich immerhin 1.764 Zentimeter Neuschnee zusammen. Kein Wunder, dass in Japan auch die weltweit höchste jemals an einer Wetterstation gemessene Schneedecke registriert wurde, am Ibuki san in der Provinz Shiga: 11,82 m. Frau Holle ist also eigentlich eine Geisha.

Für den Betrieb eines Skigebietes sind solche Mengen zu groß und so finden sich in den schneereichsten Zonen des yukiguni auch keine Skigebiete – mit einer Ausnahme: Gassan. Dieser 1.984 Meter hohe Gipfel in der Provinz Yamagata beherbergt Japans einziges Sommerskigebiet. Erst im April ist es überhaupt möglich, an den Berg zu gelangen. Trotz der gewaltigen Schneemengen läuft der Skibetrieb nur bis Ende Juli, die große Hitze und die heftigen Regengüsse des japanischen Sommers verhindern, dass am Gassan der Schnee des alten den des neuen Winters erwartet.

Schnee bis zum Regenwald

Auch in anderen Weltgegenden sind es die Westküsten, die den Schnee wie magisch anziehen. Das liegt daran, dass in den mittleren Breiten unseres Planeten beständig Westwinde wehen. Treffen sie nach einem langen Weg über Ozeane auf ein Gebirge, sind gewaltige Niederschläge die Folge. Auch in den neuseeländischen Alpen. Hier stoßen die Gletscher bis in den immergrünen Regenwald vor, weil es auf den Schneefeldern des Mount Tasman geschätzte 100 Meter Neuschnee im Jahr gibt. Zum Start der Skiabfahrt über den 25 Kilometer langen Tasmangletscher gelangt man nur per Flugzeug, Lifte würden in den Schneemassen untergehen.

Auch die norwegische Fjordküste ist bekannt für immense Schneefälle und leider auch für das damit untrennbar verbundene schlechte Wetter. Am rund 1.300 Meter hohen Ålfotbreen wurden bis zu 49 Meter Schneefall pro Jahr registriert. Rund 20 bis 30 Meter werden auch den Sommer-skigebieten von Stryn und Folgefonna zugeschrieben, allerdings sind das inoffizielle Werte. Als „schneereichsten Ort Europas“ bezeichnet das norwegische Patentamt daher den Ort Røldal, mit seinen 12 Meter Schneefall pro Jahr. Allerdings wird der Niederschlag hier nicht im Dorf sondern im einige hundert Meter höher gelegenen Ski-gebiet gemessen. Das schneereichste Dorf Europas bleibt daher Damüls.

Und hierzulande? So umfassend das Werk des Meteorologen Caspar auch ist: es spart das schneereichste Dorf der Republik aus. Es liegt nicht weit von Damüls und profitiert eben-falls von der Nordstaulage nahe des Bodensees. Die Kombination aus See-Effekt und der Orografie vor dem Riedbergpass lässt in Balderschwang allwinterlich durchschnittlich 720 Zentimeter Schnee vom Himmel rieseln. Noch mehr Schnee fällt auf der Zugspitze. Dort türmte sich am 2. April 1944 eine 8,30 Meter hohe Schneedecke auf, vier bis fünf Meter sind die Regel. Warum Caspar diese beiden Stationen nicht berücksichtigte, wird sein Geheimnis bleiben. Er starb 2014 im Alter von 101 Jahren. Schnee macht eben all jene glücklich, die daran ihre Leidenschaft knüpfen und Glück ist die beste Voraussetzung für ein langes Leben.

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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: SkiMAGAZIN Nr. 05 / 2015

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